„Uns wurden die Augen geöffnet“: Millionen Euro für mehr Hochwasserschutz in oberbayerischer Ferienregion

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So hoch stand das Wasser im August 2005 im Sylvenstein. Voller war der Speicher nur im Juni 2013. Da stoppte der Wasserspiegel nur fünf Zentimeter unter dem Vollstau von 763 Metern. © Wasserwirtschaftsamt Weilheim

Vor 20 Jahren wurde eine Tourismus-Hochburg südlich von München von einer Hochwasser-Katastrophe heimgesucht. Fachleute haben aus den Fehlern gelernt.

Lenggries - 1100 Kubikmeter pro Sekunde: Mehr Wasser als in jenen Augusttagen vor 20 Jahren strömte nie in den Sylvensteinspeicher. Es sei eine bis heute einzigartige Menge gewesen, heißt es in einer Mitteilung des Wasserwirtschaftsamts Weilheim. Zum Vergleich: Beim Pfingsthochwasser 1999 lag die Zuflussspitze nur bei 950 Kubikmetern pro Sekunde. „Der über lange Zeit in Bezug auf das Hochwasserrisiko ungläubigen Bevölkerung, den politischen Vertretern und auch den Fachleuten“ habe das August-Hochwasser „ein weiteres Mal die Augen geöffnet“.

Lokale Maßnahmen in Bad Tölz und München

Bereits ab Ende der 1980er-Jahre hatten Planungen zur Nachrüstung des Sylvensteinspeichers begonnen. Vorgesehen war unter anderem eine Dammerhöhung um sechs Meter, die letztlich aber nicht durchsetzbar war. Ab 1995 wurde eine „Kompromisslösung“ verwirklicht: Sie bestand aus dem Bau einer zusätzlichen Hochwasserentlastung, der Erhöhung des Damms um drei Meter und lokalen Maßnahmen in Bad Tölz und München. Die Dammerhöhung war gerade fertig geworden, als das Pfingsthochwasser zeigte, wie dringend nötig sie gewesen war. Beim August-Hochwasser 2005 – man spricht von einem 200-jährlichen Ereignis – konnte der Zufluss zum Sylvensteinspeicher tatsächlich gerade noch so bewirtschaftet werden. Letztlich habe sich gezeigt, dass die Berechnungen der Fachleute, die eine Dammerhöhung um sechs Meter gefordert hatten, richtig gewesen seien, so das Wasserwirtschaftsamt.

Großes Medienaufkommen herrschte im August 2005 am Sylvensteinspeicher. Im Hintergrund tost das Wasser aus dem Speicher in die Isar.
Großes Medienaufkommen herrschte im August 2005 am Sylvensteinspeicher. Im Hintergrund tost das Wasser aus dem Speicher in die Isar. © Wasserwirtschaftsamt

Da eine weitere Erhöhung ausschied, entschloss man sich zu einer anderen Maßnahme: Die Sommerstauhöhe des Sylvensteins wurde 2006 um zwei Meter abgesenkt. Das schafft 7,5 Millionen Kubikmeter mehr Rückhalteraum. Von 2011 bis 2016 wurde der Damm dann für rund 28 Millionen Euro fit für die Zukunft gemacht, verwandelte sich aber erst einmal in eine Großbaustelle. Mit gewaltigen Spezialtiefbaumaschinen wurde eine neue Dichtwand eingezogen. „So steht heute Deutschlands tiefste Dichtwand im Oberen Isartal“, so das Wasserwirtschaftsamt. An deren Fuß entstand ein Kontrolltunnel. Der Gang samt Sickerwassermesssystem wurde in einen eingestauten Staudamm eingebaut. Weltweit gab es das zum ersten Mal.

Danach nahm man sich den Stahl-Wasserbau vor. Der See hat zwei tiefliegende Auslässe, über die der Abfluss an die Isar gesteuert wird. Für Inspektionen und Sanierungen müssen die beiden Stollen trockengelegt werden können. Dies wird durch das Schließen der Revisionsverschlüsse – schwerer Stahltore – erreicht. Am Betriebsauslass war bereits im Winter 1999 gearbeitet worden. Der Grundablass erhielt im Winter 2015 ein neues Schütz. Dem ging ein spektakuläres Ereignis voraus: Denn um die neue Verschlussanlage einbauen zu können, musste der Wasserspiegel des Speichers um rund 15 Meter abgesenkt werden. Die Gebäudefundamente des Dorfs Alt-Fall tauchten wieder auf. Tausende kamen und stapften in Gummistiefeln durch den Schlamm.

Die sonst nahezu leere Dürrach - Zustrom zum Sylvenstein -  führte in jenen August-Tagen gewaltige Wassermengen mit sich.
Die sonst nahezu leere Dürrach  – Zustrom zum Sylvenstein – führte in jenen August-Tagen gewaltige Wassermengen mit sich. © Wasserwirtschaftsamt

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Im Schutz der Revisionsverschlüsse wurden dann von 2017 bis 2020 Antriebe und Verschlusstafeln ausgetauscht. „Einerseits war dies erforderlich, da die Bauteile die Grenze ihrer Lebensdauer erreicht hatten, andererseits, um die mit der Dammerhöhung verbundenen erhöhten Staudrücke aufnehmen zu können“, erklärt das Wasserwirtschaftsamt. Das Hochwasser 2013 hatte nämlich gezeigt, dass die stahlwasserbaulichen Anlagen solchen Ereignissen nicht mehr dauerhaft gewachsen sind. Nie war der Speicher übrigens voller als in jenen Juni-Tagen 2013: Der Seespiegel stoppte bei 762,95 Metern und damit fünf Zentimeter unter dem Vollstau. Die Kosten für die Erneuerung des Stahlwasserbaues lagen bei rund 12 Millionen Euro.

Investitionen gehen weiter

Für den Neubau der beiden Kraftwerke wurden 10 Millionen Euro investiert. Sie dienen insbesondere der dosierten Wasserabgabe, liefern aber natürlich auch Strom. Auch in den Neubau und die Sanierung der Geschiebesperren an den Zuflüssen Isar, Dürrach und Walchen wurden Millionen ausgegeben. In Summe sind damit seit Mitte der 1990er-Jahre rund 107 Millionen Euro in den für den Hochwasserschutz so zentralen Standort Sylvensteinspeicher gesteckt worden. Und die Investitionen gehen weiter: Heuer wurde beispielsweise ein Wellenabweiser auf der Kronenmauer der Talsperre errichtet.

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