Es war eine „Naturkatastrophe bisher ungekannten Ausmaßes“: Am 23. August 2005 war die Tölzer Altstadt einen halben Meter überflutet worden. 1500 Menschen mussten ihre Häuser verlassen.
Bad Tölz - Rund 1500 Menschen mussten damals in der Kurstadt evakuiert werden oder sich in höhere Stockwerke retten. Schon am Vorabend habe man sich auf das Schlimmste vorbereitet, erinnert sich der damalige Einsatzleiter Karl Murböck 20 Jahre später. „Die Unwetterwarnungen waren schon ziemlich konkret.“ Der Dauerregen wurde immer stärker. Im Tölzer Feuerwehrhaus kamen die Einsatzkräfte zusammen, Sandsäcke wurden vorbereitet. Doch was dann kam, überstieg die Erwartungen.
Gewitterzelle setzt sich fest: Dann ging alles ganz schnell
In der Nacht zum 23. August wurden die ersten Keller überflutet, es gab zahlreiche Murenabgänge. Um 9.35 Uhr wurde der Katastrophenfall ausgerufen. Das Problem, so erinnert sich der heute 68-Jährige, sei eine sogenannte 5-b-Wetterlage gewesen. „Die Abflussmenge des Sylvensteinsees wäre noch beherrschbar gewesen.“ Das Wasserwirtschaftsamt war bereits dabei, die Seehöhe zu reduzieren. Doch dann setzte sich eine Gewitterzelle fest, die dafür sorgte, dass der Pegel des Sees äußerst rasant anstieg – um 30 Zentimeter pro Stunde, erinnert sich der damalige Kreisbrandrat. „Das hätte man nicht mehr kontrollieren können.“ Daher musste Wasser in großen Mengen abgelassen werden. „Der Damm wurde nie ganz aufgemacht, aber es stand Spitz auf Knopf. Dann wäre ganz Tölz abgesoffen.“ Sorgen machte man sich auch in der Jachenau. Zwar wurde das Wehr vom Walchensee zur Jachen nicht geöffnet. Das Wasser schwappte aber über das Wehr aus dem See in den Fluss.
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Am Vormittag flossen 420 000 Liter Wasser pro Sekunde durch die Isar bei Bad Tölz. An der Isarbrücke stand das Wasser 2,80 Meter hoch. Am frühen Nachmittag wurden Teile der Tölzer Altstadt evakuiert. Durch die Gullideckel drückte das Wasser nach oben. Der Höchststand in Bad Tölz wurde abends erreicht: über 600 Kubikmeter pro Sekunde. Es war ein Glück, dass der Regen zu dem Zeitpunkt nachgelassen hatte.
Überflutungen auch im Loisachtal
Sorgenkind war neben den Isar-Anliegern auch das Loisachtal, das massiv betroffen war. Mittags fiel die Entscheidung, den Damm bei Schlehdorf zu öffnen und das Moor zu fluten. Unter anderem der Heilbrunner Ortsteil Hohenbirken war von der Außenwelt abgeschnitten. Die Kochler Kläranlage stand unter Wasser.
Um die Fluten zu bewältigen, packten unzählige Helfer im gesamten Landkreis mit an. Stundenlang wurden Sandsäcke geschleppt, die Tölzer Isarkai-Mauer wurde notdürftig abgestützt. Murböck musste als Einsatzleiter Kräfte vor Ort in Absprache mit dem Landratsamt koordinieren, sie mal hier-, mal dorthin schicken. Wie viele Stunden er im Einsatz war? Das kann er nicht mehr sagen. „Das Adrenalin ist in so einem Fall so hoch“. Natürlich werde aber darauf geachtet, dass jeder zur rechten Zeit abgelöst werde. „Man kommt in die Situation rein, reagiert. Das geht alles von selber. Man kann sich darauf nicht vorbereiten, aber es gibt Strukturen, die sich bewährt haben.“
Ministerpräsident kommt nach Tölz
Neben dem damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und Kabinettskollegen sei einmal auch die damalige Bundesministerin Renate Künast zu Gast gewesen. „Wir haben sie im Unimog nach Hohenbirken mitgenommen“, erinnert sich Murböck. Insgesamt sei das Politikerinteresse – und auch das der Medien – sehr groß gewesen. „Das gehört dazu.“ Oft werde aber nach solchen Katastrophen alles, was im ersten Moment zugesichert werde, wieder vergessen. „Aber man muss fairerweise sagen, dass einiges im Hochwasser-Schutz passiert ist.“ Schon 2005 profitierte man von Maßnahmen, die nach dem Hochwasser 1999 getroffen wurden, daher habe man trotz größerer Wassermassen weniger Schäden gehabt.
Ein solcher Einsatz schweiße die Kräfte der verschiedensten Organisationen weiter zusammen, sagt Karl Murböck. „Man sieht, wie wichtig es ist, dass alle zusammenarbeiten.“