Ein neuer Bereich im Ferienpark Waldenburger Bucht des Anbieters EuroParcs soll auf einer alten Deponie entstehen. Experten warnen vor gefährlichen Gasen. Die Politik zeigt sich unbeeindruckt.
Attendorn - Für die Weiterentwicklung des Ferienparks Waldenburger Bucht, betrieben durch das niederländische Unternehmen EuroParcs, musste die Stadt Attendorn einen neuen Bebauungsplan erstellen. Zahlreiche Gutachten waren dafür notwendig, beispielsweise ein Umweltbericht, eine Verkehrsuntersuchung, ein Schallgutachten und eine Altlastenuntersuchung. Die Ergebnisse dieser Altlastenuntersuchung lassen aufhorchen, denn es werden Grenzwerte überschritten und gefährliche Gase befinden sich in der Erde.
Zur Vorgeschichte: Im nördlichen Bereich der Ferienanlage in der Waldenburger Bucht gibt es seit Mitte der 1960er Jahre eine Mülldeponie, in der laut Gutachten verschiedenste Stoffe entsorgt worden sind. „Es wurden Haus- und Sperrmüll, Bodenaushub, Bauschutt, Gewerbe- und Industrieabfälle, Straßenkehricht, Kanal- und Sinkkästenschlämme, Rest- und Feststoffe von Klärschlämmen sowie Krankenhausabfälle abgelagert. Die Industrieabfälle beinhalteten unter anderem eingedickte Galvanik-, Natronlauge-, Carbid- und Abwasserschlämme, Schleifschlämme und Gemische von Walzemulsionen und Schleifstäuben“, heißt es in der Altlastenuntersuchung.
Ich persönlich würde auf jeden Fall nicht wissentlich auf einer ausgasenden Altdeponie in einem Zelt übernachten wollen, schon gar nicht, wenn auch nur lokal schon erhöhte Messwerte festgestellt wurden. Da interessiert mich auch nicht die theoretisch anzusetzende Verdünnung, da man ja in relativer Bodennähe schläft.
Anwohner erinnern sich an weitere „Inhalte“. „Da sind ganze Autos drin verschwunden“, erzählt ein Anwohner, der in der Waldenburger Straße aufgewachsen ist. „Auf der Deponie hat es eigentlich jedes Wochenende gebrannt. Aus dem Berg kommen seit damals gelb-grüne Flüssigkeiten – zum Teil bis heute.“
Besonders spannend: Im Bereich der Deponie waren in der Vergangenheit verschiedene Freizeitanlagen, wie ein Bolzplatz, eine Minigolf-Anlage oder ein Tennisplatz. Die größten Teile aber liegen seit Jahren brach und werden nicht mehr genutzt. Genau dort – im Bereich der Deponie – soll in Zukunft nach bisherigen Planungen der Campingbereich angesiedelt sein. Also Wiesen, auf denen Zelte aufgebaut werden können – mit direktem Bodenkontakt.
EuroParcs: Deponie-Inhalte unter der Oberfläche
Der Boden oberhalb der eingelagerten Stoffe wurde in der Vergangenheit immer wieder aufgefüllt und trotzdem gibt es in bodennahen Schichten Relikte der Einlagerungen. „Als der Boden für den Parkplatz [der zum Teil ebenfalls in den Deponie-Bereich hineinragt, Anmerkung der Redaktion] ausgehoben wurde, waren schon nach wenigen Zentimetern Inhalte der Müllhalde zu finden“ erzählt ein Arbeiter, der anonym bleiben möchte. „Der Aushub musste auf eine Sondermülldeponie gebracht werden.“
Die besagte Altlastenuntersuchung bringt beunruhigende Ergebnisse zutage. Hier wird ersichtlich, „dass in den Bodenluftproben [...] im Bereich der Altdeponie für Kohlendioxid und Methan teilweise deutlich erhöhte Konzentrationen nachgewiesen wurden“. Auf Seite 28 der Untersuchung wird erklärt: „Die festgestellten Kohlendioxidkonzentrationen in der Bodenluft lagen in allen untersuchten Pegeln oberhalb von ca. 2,5 Vol.-%, bei denen erste Gesundheitsgefährdungen beim Menschen zu beobachten sein können. Die höchsten Kohlendioxidkonzentrationen lagen bei einem Mittelwert von 11,43 Vol.-% (RKS/BL15).
Zum Vergleich: Kohlendioxid in der Luft ist ungiftig und bis zu 2,5 Vol.-% in der Luft unschädlich. 4 - 5 Vol.-% CO2 in der Luft wirken betäubend, mehr als 8 Vol.-% tödlich (Erstickung).“ Aber damit nicht genug. Denn auch die Methanwerte geben Anlass zur Sorge. Hier wird erklärt: „Die ebenfalls in der Bodenluft des Pegels RKS/BL15 festgestellten Methankonzentrationen lagen bei 5,51 Vol.-% (= Mittelwert) und damit oberhalb der unteren Explosionsgrenze von Methan.“
Gase könnten an die Oberfläche gelangen
Tom Wientgen, der als Architekt die Planungen und Beratungen für EuroParcs betreut, relativiert auf Anfrage der Redaktion: „Die Untersuchung der Bodenluft erfolgt in an der Erdoberfläche abgedichteten [...] Bodenluftpegeln.“ Und weiter: „Bei einem Übertritt aufsteigender Bodenluft in die atmosphärische Luft erfolgt eine bis zu 1.000-fache Verdünnung.“
Um den Sachverhalt einschätzen zu können, hat der SauerlandKurier einen sachverständigen Geologen kontaktiert. Er erklärte, dass diese Verdünnung erst in einem Meter Höhe gelte – ein Wert, der beim Camping oder beim Spielen durchaus unterschritten werde. Der unabhängige Sachverständige gibt zu bedenken, dass gerade beim klassischen Camping große Gefahr bestehe. „Man bedenke nur, was geschehen kann, wenn Methan aus dem Boden austritt und in der Nähe eine Butan-Gasflasche verwendet wird. Undenkbar.“
Die Gefahr bestehe durchaus, da die Deponie sich bisher nicht endgültig gesetzt habe und noch Bewegung im Boden ist. In den vergangenen Jahren war dies recht eindeutig auf dem Parkplatz erkennbar, der zahlreiche Absenkungen vorwies. „Bei einer Absenkung können Risse entstehen, durch die die Gase an die Oberfläche gelangen.“ Und das gilt eben nicht nur für den Parkplatz, sondern auch für das angrenzende Gelände, das laut Masterplan für Camping genutzt werden soll.
Auch der Verweis durch Tom Wientgen auf Ergebnisse eines Gutachtens von 1996, „auf deren Basis das Freizeit-Gelände in der Vergangenheit genutzt werden konnte“, halten einer näheren Beurteilung nicht stand. Denn der bereits zitierte Experte gibt zu bedenken, das „Gutachten aus 1996 wurde Jahre vor Inkrafttreten des Bundesbodenschutzgesetzes erstellt und wird daher nicht den Vorgaben der Bundesbodenschutzverordnung entsprechen“. Er erklärt weiter: „Ergebnisse des Untersuchungsstandes 1996 müssten bei der geplanten sensiblen Nutzung auf die Erfordernisse der überarbeiteten Verordnung geprüft werden. Dies ist oftmals schwierig bis unmöglich, da die Untersuchungsverfahren und -umfänge divergieren. Grenzwerte wurden teilweise deutlich herabgesetzt.“
Der Geologe zieht sogar ein privates Fazit: „Ich persönlich würde auf jeden Fall nicht wissentlich auf einer ausgasenden Altdeponie in einem Zelt übernachten wollen, schon gar nicht, wenn auch nur lokal schon erhöhte Messwerte festgestellt wurden. Da interessiert mich auch nicht die theoretisch anzusetzende Verdünnung, da man ja in relativer Bodennähe schläft.“
Entscheidung der Politik
Im Ausschuss für Planen, Bauen, Klima und Umwelt der Stadt Attendorn wurden zumindest im öffentlichen Teil am vergangenen Montag zum Thema Bebauungsplan keine dahingehenden relevanten Fragen von Seiten der Politik gestellt.
EuroParcs in der Waldenburger Bucht
Fast vier Jahre ist es her, dass EuroParcs die Campinganlage in der Waldenburger Bucht zum 1. Oktober 2021 übernommen hat. Seither ist viel passiert. Schon 2022 gab es eine Baugenehmigung für 47 Häuser im ersten Bauabschnitt. Der Bau zögerte sich jedoch hinaus. Im vergangenen Jahr wurde die Anlage ganz geschlossen – Touristen konnten in der Waldenburger Bucht keinen Urlaub machen. Nach einer Teileröffnung im April dieses Jahres können nun einige der 47 gebauten Häuser vermietet werden und auch der nördlichere Bereich, in dem es in der Vergangenheit viel Dauercamping gab, wird mittlerweile wieder als Campingplatz genutzt. Allerdings hat EuroParcs ursprünglich mit rund 300 Häusern auf dem Gesamt-Areal geplant. Um diesen Plan in Zukunft realisieren zu können, ist die Aufstellung eines neuen Bebauungsplans notwendig. Nachdem EuroParcs 2024 in finanzielle Notlage geraten war, hat die Investmentgesellschaft Waterland den holländischen Ferienparkbetreiber übernommen.
Vielleicht sollte man erwähnen, dass die Sitzungsvorlage für den Vorgang rund 850 Seiten umfasst und sicherlich nicht nur schwer zu lesen ist, sondern auch viel Sachverstand erfordert. Einstimmig hat der Ausschuss das Thema durchgewunken. Bleibt abzuwarten, ob bei der Stadtverordnetenversammlung am kommenden Mittwoch im Rathaus der Bebauungsplan, dem die Altlastenuntersuchung neben vielen weiteren Untersuchungen als Grundlage dient, ebenfalls durchgewunken wird – ohne die mindestens fragwürdigen Ergebnisse weiter zu erläutern.
Damit wäre dem geplanten Campingbereich im nördlichen Teil des Ferienparks Waldenburg – direkt über der alten Deponie – kaum noch etwas entgegenzusetzen. Denn anders als bei den Ferienhäusern, würde für Camping keine Baugenehmigung benötigt.