Bekannter Autor stellt nach 30 Jahren Arbeit Biografie vor: über den „wahren Vater des Kraftwerks“

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So sah er aus: Arthur Schönberg, der „wahre Vater des Walchenseekraftwerks“. © Arnold Schönberg Center, Wien

Arthur Schönberg soll am Bau des Walchenkraftwerks wesentlich beteiligt gewesen sein. Das kommt in einer Biografie von Wilhelm Füßl deutlich raus. Am Dienstag findet die Buchpräsentation im Walchenseekraftwerk statt.

Oskar von Miller hat ihn einst als „den wahren Vater des Walchenseekraftwerks“ bezeichnet: Den im Konzentrationslager Theresienstadt ermordeten Arthur Schönberg (1874–1943), der wesentlich am Bau des Kraftwerks beteiligt gewesen sein soll. Rund 100 Jahre nach dessen Bau hat Wilhelm Füßl, der langjährigen Leiter des Archivs des Deutschen Museums, in einer Biografie die bedeutende Rolle Schönbergs herausgearbeitet. Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung, die am Dienstag, 29. Juli, im Informationszentrum des Walchenseekraftwerks stattfindet, wird Füßl daraus vorlesen.

Wilhelm Füßl hat intensiv zum Leben Arthur Schönbergs geforscht.
Wilhelm Füßl hat intensiv zum Leben Arthur Schönbergs geforscht. © Privat

Herr Füßl, warum haben Sie sich mit Arthur Schönberg beschäftigt?

Am Beginn meiner Recherchen zu einer Biografie Oskar von Millers, des Gründers des Deutschen Museums und Pioniers der Elektrizitätsversorgung, stieß ich in den Akten des Museums immer wieder auf das Kürzel „Sch“. Nahezu alle wichtigen Schreiben liefen über dessen Schreibtisch. „Sch“ konnte ich rasch mit „Arthur Schönberg“ auflösen, aber zu seiner Person nichts in Erfahrung bringen. Mir wurde rasch klar, dass er ein ganz wichtiger Akteur war, hinter und neben Miller in dessen Ingenieurbüro und auch im Deutschen Museum. Nur spielen die „Akteure der zweiten Reihe“, wie ich sie nenne, in der Forschung und in der Öffentlichkeit in der Regel keine Rolle, obwohl sie die Erfolge der Protagonisten erst ermöglichen.

Wilhelm Füßl liest aus Biografie über Arthur Schönberg

Warum hat Oskar von Miller Schönberg als „wahren Vater des Walchenseekraftwerks“ bezeichnet?

Während Miller das Walchenseekraftwerk auf der politischen Ebene durchsetzte, war es Schönberg, der im Hintergrund die Daten erhob und letztlich die genauen Pläne für das Kraftwerk zeichnete. Um seine Aussage zu bekräftigen, stellte Miller in einer Prunkmappe die Originalpläne für das Walchenseekraftwerk zusammen und versah sie mit einer Notiz, in der er Schönberg die Urheberschaft an der Umsetzung des Projekts einräumte. Die Mappe war eine noble Geste Millers für die umfangreichen und oft mühsamen Arbeiten Schönbergs.

30 Jahre haben Sie an ihrem Buch gearbeitet. Wie hält man über eine so lange Zeit die Motivation aufrecht?

Begonnen hat alles 1992, als ich in Kontakt mit Schönbergs Tochter Else Schönberg kam. Sie hat mir mehrere erschütternde Briefe geschrieben, in denen sie das Leben ihres Vaters kurz schilderte. Damals dachte ich noch nicht an eine Biografie zu Schönberg, hatte ich doch kaum Informationen zu ihm. So habe ich fast 30 Jahre kleine und kleinste Informationen sowie Fotografien gesammelt und in einer Datei festgehalten. Viele Menschen aus drei Kontinenten haben mich bei der Recherche unterstützt. Während meiner Arbeit als Archivleiter im Deutschen Museum fand ich allerdings keine Zeit, die Mosaiksteinchen zu sortieren und zusammenzufügen. Erst in meinem Ruhestand war Gelegenheit und Muße, die Biografie niederzuschreiben.

Leben in drei Regierungsformen

Was erwartet die Besucher bei ihrem Vortrag?

In meinem Vortrag möchte ich das Leben Schönbergs in drei Regierungsformen – Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Diktatur – vorstellen. Dabei soll deutlich werden, wie entscheidend Schönberg zahlreiche Entwicklungen geprägt hat, vom Bau des Walchenseekraftwerks, der Einführung des elektrischen Kochens in Deutschland bis hin zu seiner wichtigen Rolle im Deutschen Museum. Gleichzeitig will ich aber auch den Antisemitismus verdeutlichen, der dem gebürtigen Wiener Juden Schönberg schon seit 1908 in München entgegenschlug und zu seiner Ermordung im Ghetto Theresienstadt führte. In den Vortrag einstreuen werde ich eine Reihe von Zitaten von Zeitgenossen Schönbergs, welche ich in den Jahren zusammengetragen habe. Ergänzt wird der Vortrag mit mehr als 50 Fotografien.

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Warum ist es Ihnen wichtig, die Nachwelt über Arthur Schönberg zu informieren?

Schönberg ist ein Musterbeispiel für den von mir als „Akteur der zweiten Reihe“ beschrieben Typus. Der Blick auf solche Persönlichkeiten verschiebt den historischen Blick und ermöglicht so neue und differenziertere historische Erkenntnisse. Die Kombination einer Betrachtung von Miller und Schönberg zeigt uns ein kongeniales Zusammenspiel zweier interessanter und wichtiger Persönlichkeiten. Zudem veranschaulicht Schönbergs Verfolgung und schließlich seine Ermordung in Theresienstadt beispielhaft ein jüdisches Leben in Deutschland. Leider zeigt sein Leben auch, wie systematisch die Nationalsozialisten das Wissen um das prägende Wirken von jüdischen Menschen aus dem Gedächtnis ausgelöscht haben – so kennt heute kaum jemand noch Arthur Schönberg, obwohl er in seiner Zeit einer der wichtigsten Planungsingenieure in Deutschland war. Arthur Schönberg wieder an den ihm gebührenden Platz in der Geschichte zu stellen: Das ist ein zentrales Anliegen meiner Biografie über ihn.

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