Eine fünffache Mutter aus Ludwigsburg möchte Vorurteile rund um Bürgergeld abbauen. Sie ist bereits seit Jahren auf staatliche Hilfe angewiesen.
Ludwigsburg – Das Bürgergeld war schon seit der Einführung im Januar 2023 umstritten. Mit dem Ende der Ampel-Koalition und einem möglichen Wahlerfolg der CDU droht der Leistung nun endgültig das Aus. Besonders die Union und die FDP verschärfen die aufgeheizte Debatte mit immer neuen Vorwürfen – und befeuern so die Polarisierung. Die Folge: Bürgergeld-Empfänger werden durch harsche, teils abwertende Kritik immer weiter an den Rand der Gesellschaft gedrückt.
Die Bürgergeld-Empfängerin Rita Albert (Name geändert) ist sich dieser Tatsache nur zu gut bewusst. Sie erklärte der Stuttgarter Zeitung, dass sich die wenigsten ernsthaft mit dem Thema Armut auseinandersetzen. Selten werde sie gefragt, warum sie auf die Existenzsicherung angewiesen ist. Derweil hat die 41-Jährige aus Ludwigsburg einen harten Leidensweg hinter sich: Sie ist jung Mutter geworden, alleinerziehend und kämpfte sich zurück ins Arbeitsleben. Dann kam die Krebs-Diagnose.
Alleinerziehend mit damals drei Kindern: Bürgergeld-Empfängerin musste Traumberuf aufgeben
Albert ist in der Ukraine geboren, lebt aber schon seit ihrer Kindheit in Ludwigsburg. Ihre Eltern seien liebevoll, aber selten da gewesen – es ging immer nur um die Arbeit. „Meine Geschwister und ich haben uns gegenseitig erzogen“, erzählte die Bürgergeld-Empfängerin. „Ich wusste schon immer, dass ich das mit meinen Kindern anders machen will.“ Die Gelegenheit kommt früher als erwartet. Sie bekommt mit 18 Jahren ihren ersten Sohn, „dabei war ich selbst eigentlich noch ein Kind“.
Alberts Zukunftsplanung wird auf den Kopf gestellt. Sie gab ihren Traumberuf als Hebamme auf und steckt ihre gesamte Energie in die Erziehung. Mit den nächsten zwei Kindern steigt die finanzielle Abhängigkeit von ihrem damaligen Lebensgefährten, gleichzeitig bröckelt die Beziehung. Nach jahrelangem Ringen gelingt es ihr, sich von ihrem Mann zu trennen. Ohne Job, ohne Perspektive und mit drei Kindern beginnt sie vor etwa 15 Jahren ein neues Leben – mit Bürgergeld.
Plötzlich ohne Perspektive: Diese Leistungen stehen Bürgergeld-Empfängern und Alleinerziehenden zu
Alleinerziehenden wie Albert wird vom Staat unter die Arme gegriffen. Laut dem Bundesarbeitsministerium bekommen sie mehr Bürgergeld mit einem Zuschlag von 36 Prozent für ein minderjähriges Kind unter sieben Jahren. Ab dem siebten Lebensjahr sinkt der Zuschlag auf zwölf Prozent. Der Grund dafür ist, dass mit dem schulpflichtigen Alter des Kindes der zeitliche Betreuungsaufwand des Elternteils abnimmt. Zudem stehen Alleinerziehenden folgende finanzielle Leistungen zu:
- Elterngeld
- Unterhalt
- Erstausstattung fürs Baby
- Mehrbedarf und Sonderbedarf
- Entlastungsbetrag
- Kinderzuschlag
- Leistungen für Bildung und Teilhabe
- Kinderbetreuungskosten
- Staatliche Zulagen für die Altersvorsorge
- Kuren für Mütter und Väter
- Haushaltshilfe bei Krankheit
Ohne diese Unterstützung hätte sie den Boden unter den Füßen verloren, so die 41-Jährige gegenüber der Tageszeitung. „Jeder von uns kann den Job verlieren oder wird krank, es braucht ein Auffangnetz.“ Mit ihrem Teilzeitjob und der Gehaltsaufstockung des Jobcenters bleiben der Familie nach allen Fixkosten aktuell rund 700 Euro für Lebensmittel, Haushalt, Kinderklamotten und die Freizeit übrig. „Ich versuche immer so wenig Leistungen wie möglich anzunehmen“, betonte Albert.
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Bürgergeld-Empfängerin kämpfte sich zurück ins Arbeitsleben: Dann kam die Krebs-Diagnose
In den Jahren nach der Trennung versucht die Bürgergeld-Empfängerin trotz staatlicher Hilfe und weiterem Nachwuchs auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, jedoch ohne Erfolg. „Man bekommt aber kaum eine Chance.“ Wenn Arbeitgeber Alberts Bewerbungen sehen – ohne Ausbildung, alleinerziehend und auf Leistungen angewiesen – winken die meisten ab. Doch dann kam der Lichtblick: Ein Fitnessstudio stellt sie ein, um Kinder der Gäste aufzupassen, während diese trainieren.
Albert kann dank ihres Jobs die Leistungen herunterschrauben – bis zum nächsten Schicksalsschlag: Während der Pandemie bekommt ihre 17-jährige Tochter die Diagnose Krebs. „Ich war zwei Jahre komplett raus und habe mich um sie gekümmert“, berichtete die Bürgergeld-Empfängerin. Statt weniger staatlicher Hilfe benötigt sie plötzlich wieder mehr Unterstützung. „Das lief zum Glück sehr flexibel, meine Beraterin hat sich auch immer wieder nach meiner Tochter erkundigt.“
„Man ist direkt unten durch“: Bürgergeld-Empfängerin hofft auf mehr Verständnis
Petra Tolksdorf, Leiterin der Abteilung Existenzsicherung bei der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz, erklärte im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung, dass sie in ihrer Beratung oft Fälle wie diese erlebe. Viele Bürgergeld-Empfänger benötigen eine Aufstockung ihres Gehalts, sind alleinerziehend, durchlaufen einen Lebensbruch oder sind krank – fast ein Drittel sind Kinder und Jugendliche. Laut Tolksdorf gehe um die Existenzsicherung, das öffentliche Bild sei jedoch ein ganz anderes.
„Das Bild ist komplett verzerrt“, so die Caritas-Leiterin. Der Anteil der Menschen, die das Sozialsystem ausnutzen, sei verschwindend gering. Trotzdem werde pauschal geurteilt. Durch Stammtischparolen und Aussagen mehrerer Politiker verstärke sich diese Debatte auch noch. „Die Armen der Gesellschaft werden zum Sündenbock gemacht.“ Das stört auch Albert: „Als alleinerziehende Mutter mit Sozialleistungen ist man direkt unten durch – egal ob auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt.“
Die 41-Jährige hofft, dass das Verständnis für das Bürgergeld steigt und Vorurteile abgebaut werden: „Wenn die Leute uns zuhören und sich interessieren, bekommen vielleicht auch alleinerziehende Mütter mit Sozialleistungen wieder mehr Chancen.“ Doch die Zahlen sagen das Gegenteil: Dem repräsentativen ARD-Deutschlandtrend zufolge, sprachen sich 2023 zwei Drittel der Deutschen für Einsparungen bei Bürgergeld aus. Mit dem Ampel-Aus wird sich daran nichts ändern. (cln)