Seit 75 Jahren ECT-Mitglied: „Ganz Tölz war damals Eishockey-damisch“

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Stützen auf dem Weg zum ersten Deutschen Meistertitel für den Eisclub Bad Tölz (v. li.): Walter Riedl, Franz Deisenrieder, Torhüter Willi Edelmann, Siegi Mayr und Peter Lax. © Archiv Staar

Siegi Mayr ist seit 75 Jahren ECT-Mitglied. Spiele und Begebenheiten aus seiner aktiven Zeit kann er so detailreich schildern, als sei es gestern gewesen.

Bad Tölz – Es kommt nicht allzu oft vor, dass Menschen für 75 Jahre Mitgliedschaft in einem Verein geehrt werden. Noch seltener ist es, dass diese so fit sind wie Siegi Mayr. Viele Jahrzehnte nach seiner aktiven Karriere beim EC Bad Tölz kann er Spiele und Begebenheiten so detailreich schildern, als sei es gestern gewesen. Zum Beispiel wenn es um Derbys gegen den SC Riessersee geht. In der jüngsten Jahresversammlung des EC Bad Tölz ist der 85-Jährige für über sieben Jahrzehnte Treue zum Verein ausgezeichnet worden.

Tölzer vermasseln SC Riessersee den Meistertitel

Dass Siegi Mayr beim EC Bad Tölz Eishockey spielt, stand quasi mit Geburt fest. Sein Vater Alois war Gründungsmitglied des ECT und gehörte in den 1950er-Jahren der Vorstandschaft an. Der Junior begann als Zehnjähriger mit dem Eishockeyspielen, durchlief die Nachwuchsmannschaften.

Als er gerade mal 16 Jahre alt war, erkundigte sich Trainer Mike Daski im März 1956, ob es sich Mayr zutraut, in der 1. Mannschaft zu spielen – und zwar ausgerechnet gegen den SC Riessersee. Mayr musste nicht lange überlegen, er sagte sofort zu: „Mir hat das nichts ausgemacht, ich hatte da keine Hemmungen.“ Er schoss das 1:0, der ebenfalls erst 16-jährige Otto Schneitberger spielte mit den Garmischern Katz und Maus. Die Tölzer gewannen mit 7:3 – und vermasselten dem SCR die sicher geglaubte Deutsche Meisterschaft.

Er wollte sein eigener Herr sein und wechselte nach Mannheim

Sportlich lief es für Mayr blendend, zugleich reifte in ihm der Gedanke: „Ich will mein eigener Herr sein, ich muss raus.“ Nach einigen Diskussionen mit seinem Vater durfte er 1957 zum Mannheimer ERC wechseln – unter der Bedingung, dass er gegen Tölz nicht eingesetzt wird und bald zurückkehrt.

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Solche Vereinswechsel waren damals noch eine Seltenheit. Otto Schneitberger und Sepp Reif wagten es sieben Jahre später, ihren Heimatverein zu verlassen und bei der Düsseldorfer EG anzuheuern. Dafür gab’s 18 Monate Sperre vom Verband. Mayr blieb dieses Schicksal 1957 erspart: „Die konnten mich nicht sperren, wenn der Vater Gründungsmitglied ist, im Vorstand sitzt und einer der Verantwortlichen dafür war, dass in Tölz ein Eisstadion gebaut wird.“

Nach dem Sieg gegen Tölz „hat mein Vater vier Wochen nicht mehr angerufen“

Bei seinem neuen Verein musste sich Mayr allerdings erst mal zurechtfinden: „Mannheim war im Aufbau, vom Spielermaterial war das ein Unterschied wie Tag und Nacht.“ Dann kam das Spiel gegen den EC Bad Tölz am 12. Februar 1958. Mayr erinnert sich daran, als sei es gestern gewesen „Um 19.05 Uhr ist der Mannheimer Vorstand zu mir gekommen und hat gesagt: Herr Mayr, ich will sie spielen sehen.“ Mayr entgegnete: „Sie wissen, es gibt da eine Abmachung.“ Die Antwort: „Interessiert mich nicht.“

Jahreshauptversammlung EC Bad Tölz (v. li.) Josef Hintermaier (ehemlaiger 2. Vorsitzender), Albert Schwalb, Siegi Mayr, Hubert Hörmann (ehemaliger 1. Vorsitzender).
Bei der Jahresversammlung vereint: (v. li.) Josef Hintermaier (ehemaliger 2. Vorsitzender), Albert Schwalb, Siegi Mayr und Hubert Hörmann (ehemaliger 1. Vorsitzender). © Patrick Staar

Mayr kämpfte mit sich selbst. Dann kam der Tölzer Verteidiger Walter Riedl und sagte im Vorbeigehen: „Heute hauen wir euch den Kasten voll.“ In diesem Moment stürmte Mayr in die Mannheimer Kabine: „Ich habe mir gedacht: Wir zerreißen eh nix, aber jetzt spiele ich gerade mit Fleiß.“ Mayr lief im ersten Sturm mit dem Letten Erich Konecki und dem deutschen Nationalspieler Sepp Kurt auf. Mannheim gewann 7:3. „Das war eine Sensation“, sagt Mayr. Er selbst schoss drei Tore und bereitete zwei vor. Die Reaktion aus Tölz? „Mein Vater hat vier Wochen nicht mehr bei mir angerufen.“

Angebot: 10 000 Mark Festgehalt plus kostenloses Essen und Zimmer im Hotel

Für Mayr lief es in Mannheim blendend, mit 19 Toren in 20 Spielen schloss er die Saison als zweitbester Torjäger ab. Er blieb zwei weitere Jahre in Mannheim, durfte beim renommierten Spengler-Cup auflaufen, schoss im Halbfinale gegen den französischen Meister ACBB Paris zwei Tore. Nach dem Spiel fragte ihn der Manager, ob er in Paris spielen möchte und machte ihm ein Angebot, bei dem es ihm die Sprache verschlug: 10 000 Mark Festgehalt plus kostenloses Essen und Zimmer im Hotel. Unglaublich in Zeiten, in denen Eishockey – zumindest offiziell – noch ein Amateursport war. Zur Einordnung: Für 10 000 Mark hätte sich Mayr drei VW-Käfer kaufen können.

Wenn ich nach Paris gegangen wäre, hätte ich mich in Tölz nicht mehr blicken lassen dürfen, keiner wäre mehr in unser Schuhgeschäft gegangen.

„In Frankreich haben sie es damals mit der Amateur-Status-Regelung nicht so eng gesehen“, merkt der 85-Jährige an. Er bekam noch viele weitere gute Angebote. Die Mannheimer wollten sein Spielergeld aufstocken, die Erstligisten Kölner EK und VfL Bad Nauheim meldeten sich bei ihm. Der aufstrebende Zweitligist Eintracht Frankfurt wollte sein bisheriges Gehalt verdoppeln.

In Bad Tölz gab es zehn Mark pro Spiel

Mayr gab schließlich dem Druck aus seinem Elternhaus nach und wechselte doch noch mal zurück zum EC Bad Tölz. „Damals waren hier alle komplett Eishockey-damisch“, sagt Mayr. „Wenn ich nach Paris gegangen wäre, hätte ich mich in Tölz nicht mehr blicken lassen dürfen, keiner wär mehr in unser Schuhgeschäft gegangen – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“ In Tölz verdiente er nicht 10 000 Mark pro Saison, sondern 10 Mark pro Spiel. Letztlich lohnte sich der Wechsel aber doch, zumindest sportlich. Mayr spielte in einem Sturm mit Schorsch Eberl und Sepp Reif, der später zur Legende bei der Düsseldorfer EG werden sollte. „Es war fantastisch, mit dem Schorsch zusammenzuspielen“, erinnert sich Mayr. „Wir waren eine richtig kompakte Mannschaft. Jeder hatte Selbstvertrauen und Vertrauen zu den anderen.“ Mit einem 6:2-Sieg beim SC Riessersee gewannen die Tölzer am 29. Januar 1962 den deutschen Meistertitel. Mayr: „Obwohl so viel Schnee gelegen ist, gab’s eine Auto-Kolonne von Tölz bis nach Garmisch. Gerade, dass sie nicht mit dem Pferdefuhrwerk angereist sind.“

Immer mal wieder Gast im Eisstadion

Mayr konzentrierte sich nun immer mehr auf seine berufliche Karriere im Schuh-Marketing, wechselte als Spielertrainer zum aufstrebenden TEV Miesbach. Um ein Haar verpasste der TEV den Aufstieg in die 1. Bundesliga, musste aber dann doch dem EV Landshut den Vortritt lassen. Danach half er noch mal ein Jahr beim Zweitligisten FC Bayern München aus. Trainieren konnte er zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, weil er bei Schuh-Messen im Bundesgebiet unterwegs war. Mayr: „Ich hatte von Wochenende zu Wochenende einen neuen Muskelkater.“

Das Tölzer Eishockey behielt er lange Zeit im Auge. Als der Tölzer DNL-Mannschaft vor zehn Jahren um den deutschen Meistertitel kämpfte, war Mayr immer mal wieder zu Gast im Tölzer Stadion, um zu beobachten, welcher Jungspund den Sprung in die 1. Mannschaft schaffen könnte – so wie er vor 68 Jahren.

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