Der Kochler Bürgermeister Jens Müller (UWK) tritt bei der Kommunalwahl ohne Gegenkandidaten an und stellt sich dennoch vorzeitig dem Votum, um Rückhalt für seinen politischen Kurs zu bekommen. Im Interview spricht er über die angespannte Beziehung zur CSU, die gescheiterte Kindergarten-Standortentscheidung, seine Vorstellungen zur Ortsentwicklung sowie über Wohnraummangel.
Kochel am See – Der Kochler Bürgermeister Jens Müller (UWK) wirkt entspannt: „Ich muss den Wahlkampf nicht auf die Spitze treiben“, sagt der 57-Jährige (verheiratet, zwei Kinder). Schließlich ist er zur Kommunalwahl der einzige Bewerber um den Rathaus-Thron. Seit zwei Jahren steht der Jurist an der Spitze der Verwaltung. Gewählt wurde der gebürtige Heidelberger außerplanmäßig, weil sein Amtsvorgänger Thomas Holz (CSU) in den Landtag wechselte. Eigentlich wäre Müller, der seit 1998 in der Zwei-Seen-Gemeinde lebt und Mitglied der FDP ist, bis 2030 Bürgermeister. Doch er stellt sich vorzeitig dem Votum – ein Schritt, mit dem viele seiner Gegner nicht gerechnet hatten. Redakteur Andreas Seiler sprach mit ihm über die anstehende Kommunalwahl, das politische Klima in Kochel und die Ortsentwicklung.
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Sie treten zur Kommunalwahl in Kochel als einziger Bürgermeisterkandidat an. Der Sieg ist Ihnen also gewiss. Dann können Sie sich den Wahlkampf eigentlich sparen?
Auch wenn ich einziger Kandidat bin, kann ja trotzdem eine andere Person genannt werden. Das heißt: Natürlich habe ich das Interesse, mit einer gewissen Mehrheit Bürgermeister zu werden. Die beste Art des Wahlkampfs ist es, dass man solide Bürgermeisterarbeit macht. Ich unterstütze aktiv die UWK, für die ich antrete, etwa beim Plakate kleben. Ich werde mir wahrscheinlich ein paar Themenblöcke raussuchen, um sie vorzustellen. Und ich werde mir mindestens zwei Wochenenden Zeit nehmen, um von Haus zu Haus zu gehen.
Bedauern Sie es, dass es keinen Herausforderer gibt?
Ja, schon. Das hätte ich mir gerade jetzt gewünscht, insbesondere natürlich von der Partei, die eigentlich immer sagt, sie sei die Bürgermeisterpartei.
Sie meinen die CSU.
Richtig, genau. Ich hätte es für sinnvoll gefunden, dass man sich tatsächlich mit Argumentation messen kann und einen echten Gegner hat.
Wieso haben es die anderen Parteien und Gruppierungen nicht auf die Reihe gebracht, einen Mitbewerber ins Rennen zu schicken?
Bei den Nicht-CSU-Parteien habe ich den Eindruck, dass da viele sagen, dass sie sich vom Bürgermeister mitgenommen fühlen. Bei der CSU wurde es in den letzten drei, vier Monaten etwas kompliziert. Da hieß es dann, die haben nicht genügend Manpower oder man hat keine Zeit dafür.
Böse Zungen behaupten, Sie hätten Ihre vorgezogene Kandidatur bewusst angesetzt, um der Konkurrenz möglichst wenig Zeit zu geben, sich zu formieren. War das tatsächlich Ihr Hintergedanke?
Es war einerseits eine Entscheidung, um der Gemeinde Kosten zu sparen, aber andererseits sind Strategie und Taktik auch immer Bestandteil des politischen Alltags. Ich habe im Verlauf des letzten Jahres gemerkt, dass da sehr viel Opposition aufgekommen ist. Es war eine Überlegung, wie man gewisse Linien in die Politik reinbringt.
Sie wollen die nächsten sechs Jahre den Rücken frei haben?
Richtig, genau. Ich wollte gestärkt werden und ich wollte eine Bestätigung, dass mein Weg der Politik ein vernünftiger, ein gemeinschaftlicher ist.
Gerade zur CSU gilt Ihr Verhältnis als angespannt. Woran liegt das?
Die letzten zwei Jahre waren ja insgesamt, das habe ich auch bei der Bürgerversammlung betont, im Wesentlichen ordentlich. Es war ein gutes Verhältnis. In den letzten drei, vier Monaten, das hat insbesondere mit der Entscheidung zum Kindergarten zu tun, da hat es tatsächlich angefangen, etwas kontrovers zu werden. Und da meine ich schon, dass diese Gegenbewegung vor allem von der CSU ausging. Da kamen Argumente, die nicht nur an der Sache orientiert waren.
Aber was war der Auslöser?
Ich weiß es nicht. Vielleicht meine Entscheidung, jetzt als Bürgermeisterkandidat anzutreten. Wobei ich dazu sagen muss: Es war ja eine Entscheidung, die ich nicht alleine gefällt habe, sondern der Gemeinderat. Die CSU hat geschlossen dafür gestimmt, dass ich außerplanmäßig antreten darf. Vielleicht haben sie in dem Moment gar nicht so richtig gemerkt, dass sie sich dadurch selbst in eine gewisse Englage hineingebracht haben, dass sie eine schwächere Ausgangslage haben. Vielleicht hat das dazu geführt, dass sie das als Angriff empfunden haben.
Kommen wir zur Ortsentwicklung. Ende 2025 kippte der Gemeinderat die Standortentscheidung zum Kindergarten-Neubau am Bergfeldweg – für Sie eine politische Niederlage. Ist Ihre Campus-Idee damit gestorben?
Für mich war es natürlich nicht schön. Es war eine Niederlage für den Ort, für die Ortspolitik und insbesondere für die Kinder und unsere jungen Familien. Ich bin mittlerweile, glaube ich, Politiker genug, um zu wissen, dass manche Dinge, auch wenn sie an sich gut sind, in dieser Form wohl nicht mehr zu retten sind. Gerade das Schatten-Argument hat zum Sterben dieses Projekts geführt.
Aber an dem besagten Standort ist es doch tatsächlich schattig.
Ja, schon, aber die Fachaufsicht hat gesagt, genau solche Standorte mag sie, weil sie viel mehr Probleme mit der Sonne hat.
Kritiker werfen Ihnen vor, den Gemeinderat in dieser wichtigen Frage der Ortsentwicklung nicht ausreichend mitgenommen zu haben. Ein berechtigter Einwand?
Es gibt für jeden Gemeinderat die Möglichkeit nachzufragen, dagegen zu stimmen oder eine Vertagung zu beantragen. Also, das ist kein echtes Argument. In dieser Entscheidung hat halt die Zeit gedrängt. Und wir haben den Bauturbo eingelegt, bevor es diesen überhaupt gegeben hat. Wir haben uns auf diesen einen Standort konzentriert, weil wir gemerkt haben: Der ist gut. Wir waren davon überzeugt, vor allem von der genialen Möglichkeit, auch die Ganztagsbetreuung mit unterzubringen.
Im Ort wird aber der Kurpark als idealer Kita-Standort genannt. Ist dieser für Sie keine Option?
Höchst ungern. Wir reden hier von einem idealen Modell Kindergarten mit Ganztagsbetreuung. Dazu brauchen wir die Schulnähe. Die ist im Kurpark nicht gegeben. Das andere Argument ist: Ich bin ein echter Freund dieses Kurparks. Der Kurpark ist für mich eine Grünfläche, keine Baufläche.
Und wie geht‘s jetzt weiter?
Wir reden immer noch von dem Idealmodell in Kombination mit dem Hort. Wir arbeiten als Gemeinde an Standorten, die alternativ in Frage kommen. Wir sind im Gespräch mit Eigentümern, die ich jetzt leider noch nicht nennen kann.
Der Kurpark ist Ihr Herzensprojekt. Was soll aus dem Areal werden?
Ich stelle mir den Kurpark vor, angefangen mit einer Heimatbühne, die restauriert oder in einem ordentlichen Zustand ist, bis runter zu einer Seepromenade mit einer kleinen Seebühne. Ein Wohlfühlbereich zum Flanieren – das ist mein Traum. Das ist genau das, was das ISEK (integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept, Anm. d. Red.) erreichen soll – eine koordinierte Planung für den gesamten Ort. Darin liegt unsere Chance.
Kürzlich fand die Bürgerversammlung in der Heimatbühne statt. Der Sanierungsbedarf des historischen Gebäudes ist nicht zu übersehen. Rentiert sich das überhaupt noch? Oder wäre nicht gleich ein Neubau die bessere Variante?
Diese Diskussion muss offen geführt werden. Man muss sehr vorsichtig sein mit Veränderung, insbesondere wenn sie grundlegend ist. Nicht alles, was alt ist, ist automatisch schlecht. Letztlich würde ich es an der Kostenfrage festmachen.
Sie wollen sich also nicht festlegen?
Ich kann mich nicht festlegen. Die offenen Fragen werden sicherlich im Rahmen des ISEK geklärt: Was erwarten wir von der Heimatbühne? Was brauchen die Vereine, was braucht der Fremdenverkehr? Was sind wir bereit zu investieren? Am Ende muss ich das nehmen, was für die Gemeinde wirtschaftlich ist.
Nächster Punkt: der akute Wohnraummangel. Wie kann die Gemeinde gegensteuern?
Ich habe in der Bürgerversammlung nicht umsonst das Thema Bauturbo zu einem ganz wichtigen Punkt gemacht. Hier sehe ich eine große Chance, die uns der Gesetzgeber geschenkt hat. Wir können endlich dem Wunsch von vielen Bürgerinnen und Bürgern nachkommen und mehr Baurecht schaffen. Wir werden einen erheblichen Bauboom bekommen.
Zum Schluss noch etwas Persönliches: Wie gehen Sie eigentlich mit dem Stress um, den ein Bürgermeisteramt unweigerlich mit sich bringt?
Man muss schon dazu geboren sein, einen gewissen Stress auszuhalten. Positiver Stress ist für mich eher aufbauend. Diese Kindergartensache war aber für mich schon negativer Stress. Das hat mich etwas mitgenommen. Aber, das kann ich abschließend sagen: Der Bürgermeisterberuf ist auf mich, das glaube ich, schon zugeschnitten. Ich mache ihn total gern.