Die Bürgermeisterkandidaten in Lenggries sind sich beim Kasernenareal uneinig. Besonders die Bauhof-Verlegung spaltet die Bewerber um das Amt. In anderen Punkten blicken sie in die gleiche Richtung, etwa bei der Isarwelle.
Lenggries – In Lenggries, so schien es am Donnerstagabend bei der Podiumsdiskussion mit den Bürgermeisterkandidaten, da weiß man bereits, an welcher Stelle am 8. März beim Stimmzettel das Kreuz zu setzen ist. Jedenfalls gingen vor der über zweistündigen Debatte alle Hände nach oben, als Veronika Ahn-Tauchnitz, Moderatorin des Abends und Kurier-Redaktionsleiterin, dem Publikum die Frage stellte, wer schon weiß, wen er wählt. Das Interesse daran, wie sich die vier Kandidaten Amtsinhaber Stefan Klaffenbacher (FW), Bastian Gassl (CSU), Martin Haider (Grüne) und Tobias Raphelt (SPD) bei der von unserer Zeitung veranstalteten Diskussion schlagen, war trotzdem groß. Der Alpenfestsaal war voll besetzt.
Bei einer Vorstellungsrunde, sprachen die vier Männer über ihre Interessen, Berufe, Vorbilder und Privates. Während Stefan Klaffenbacher deutlich machte, dass ihm nichts über seine Familie geht, erklärte Gassl sein Vorbild sei Golda Meir, eine der ersten weiblichen Regierungschefs der Welt. Tobias Raphelt bewies Humor, als er über seine Idee, Goldfische zu grillen philosophierte, und Martin Haider sprach über die Tugend, sich an den kleinen Dingen im Leben zu erfreuen.
Mehr Transparenz im Gemeinderat?
Gefragt nach ihren Ideen für Lenggries übte Haider Kritik an einer intransparenten Ortspolitik. Dies wolle er ändern. Im Sommer habe seine Partei bereits einen Wunschbaum aufgestellt, um die Bedürfnisse der Bürger zu erfragen. Nicht zuletzt daraus habe man das Wahlprogramm aufgestellt. „Wir brauchen mehr grüne Begegnungsflächen, müssen bezahlbaren Wohnraum schaffen sowie Vereine, Handwerk und Gewerbe stärken“, sagte er.
Raphelt machte deutlich, dass es ihm darum gehe, Lenggries so zu erhalten und es zu optimieren. Hier sei es wichtig, hinter jedem Gemeinderatsbeschluss auch die soziale Gerechtigkeit zu hinterfragen. Auch er spricht sich für eine offenere Gemeindepolitik aus.
Der Amtsinhaber sieht in der Ortskernsanierung mit Barrierefreiheit, der Entwicklung des Kasernenareals sowie der Grundschulerweiterung samt Neubau der Gantzagsbetreuung die größten Punkte für die kommenden Jahre. „Wir müssen alle Gruppen dabei mitnehmen – von jung bis alt.“ Zurücklehnen könne man sich nicht, konterte er auf Ahn-Tauchnitz‘ Frage, ob es „chillig“ weitergehen werde.
Der jüngste Kandidierende ist Bastian Gassl, der an diesem Samstag 39 Jahre alt wird. Ihm liegt die Jugend besonders am Herzen. „Ich möchte die Jungen bedeutend mehr einbinden und würde einen Jugendbeirat im Rathaus etablieren“, so der Berufssoldat. Überdies visiert er Integrativplätze für die Ganztagsbetreuung an, damit Kinder mit erhöhtem Förderbedarf hier abgeholt und eingebunden werden. Für Senioren sieht er großen Handlungsbedarf. „Da geht es um Betreutes Wohnen und um Konzepte, wie etwa Demenz-Betreuung niederschwellig anzugehen.“ Neben einem Jugendbeirat möchte er auch einen Landwirtschaftsbeirat gründen.
Isarwelle muss erhalten bleiben
Während sich alle vier Kandidaten beim Thema Isarwelle weitestgehend einig sind, dass diese auch trotz hoher Kosten (die Sanierung wird auf 19 Millionen Euro geschätzt) erhalten werden muss und auch ins gleiche Horn blasen, was die Notwendigkeit der Sanierung der Staatsstraße von Lenggries nach Wegscheid sowie in die Jachenau betrifft, gehen die Meinungen beim Thema Kaserne auseinander. Die CSU sieht laut Gassl keine Chance, bezahlbares Wohnen im Kasernenareal zu verwirklichen und findet den Bauhof an seiner jetzigen Stelle „einwandfrei angeschlossen“. Es sei falsch, den Bauhof hoch zur Kaserne zu verlegen. „Dieser Platz wäre ideal für die Ansiedlung von Großgewerbe.“ Auch Raphelt spricht sich nicht für eine Bauhof-Verlegung aus.
Klaffenbacher sieht das anders: Der Bauhof brauche mehr Fläche, er habe sich in den letzten Jahren größer und leistungsstärker entwickelt. Er bleibe bei der Auffassung, dass ein Umzug ins Kasernenareal die richtige Lösung für die Zukunft sei. „Bezahlbarer Wohnraum bietet sich nicht in jedem Bestandsgebäude an, aber in den Unterkunftsgebäuden schon.“ Hier pflichteten ihm Haider und Raphelt wiederum bei: „Wenn nicht dort bezahlbaren Wohnraum schaffen, wo sonst?“, meinte Haider dazu. Er spricht sich parallel für einen Mix aus Handel und Gewerbe auf dem Areal aus und kann sich einen Handwerkerhof gut vorstellen.
Leserfrage zum Thema Wohnraum
Zum Thema Wohnraum hatte Leser Hans Wenig vorab eine Frage eingereicht: Er wollte wissen, ob es nicht neue Ansätze für Einheimischenmodelle brauche – weg von Einfamilien-, hin zu Mehrfamilienhäusern. Ahn-Tauchnitz ergänzte das um die Frage, ob das Schaffen von günstigem Wohnraum auf dem Kasernenareal ausreichend sei, um der Not auf dem Wohnungsmarkt entgegenzuwirken. Klaffenbacher ist der Auffassung, dass die Wohnungen, die in der Kaserne entstehen sollen, reichen würden. „Bei Einheimischenmodellen ist das Problem, dass die Baupreise und Zinsen in den letzten Jahren explodiert sind.“ Das mache die Vergabe klassischer Einheimischenmodelle schwierig. Er denke eher über Erbbaurecht-Modelle nach, um die Finanzierung zu erleichtern. Haider meinte, es bedürfe eines Umdenkens beim Thema Einheimischenmodell. Man dürfe „nicht nur in Doppelhäusern und Einfamilienhäusern denken“, sondern müsse kreativ sein und auch Geschosswohnungsbau in Betracht ziehen. „Wir müssen uns da ein Stück weit öffnen.“ Gassl denkt hier über eine Plattform nach. „Ältere Menschen haben oft viel Wohnraum, den sie zur Verfügung stellen könnten. Aber da muss die Gemeinde beratend aktiv werden.“
Neue Ideen für Jugendliche
Wie gut oder ausbaufähig die Angebote für die Jugendlichen im Dorf sind, das sehen die Kandidaten etwas verschieden. Klaffenbacher zeigte sich zufrieden. Die Vereine seien ein wichtiges Standbein. Ausbau gebe es mit dem Multifunktionsspielplatz der auf dem Kasernenareal geschaffen werden soll. Gassl: „Man darf beim Thema Jugend nicht alles schwarzmalen. Der Jugendtreff ist eine unbandig wichtige Geschichte. Aber wir brauchen etwas, wo die jungen Leute ausgehen können.“ Es sei eine Idee mit Anbietern ins Gespräch zu gehen, ob eine Event-Location Platz in der Kaserne finden könnte. Auch fehle vielen Heranwachsenden ein Fitnessstudio in Lenggries. „Die Vereine sind wichtig, aber es gibt Jugendliche die außerhalb mitlaufen, und die müssen wir auch mitnehmen.“ Haider und Raphelt sind der Meinung, dass auch Flächen geschaffen werden müssen, für Jugendliche, die nicht in Vereinen sind. „Es geht um Räume, in denen die Jugend nicht nur geduldet, sondern willkommen ist“, so Haider.
„Ist Lenggries denn für Senioren lebenswert?“, wollte Veronika Ahn-Tauchnitz wissen. Klaffenbacher, Haider und Raphelt bejahten die Frage spontan. Gassl blieb verhalten: „Es gibt Themen, da kommt auch für Senioren zu wenig. Wie beispielsweise die Demenzversorgung. Die Babyboomer gehen alle in Ruhestand. Da brauchen wir Konzepte für die kommenden Jahre.“ Raphelt gab zu bedenken, dass Lenggries im Ortskern für Senioren eine gute Infrastruktur habe. „Aber wenn jemand alleine in einer Viertelsgemeinde oder außerhalb wohnt, ist Altwerden praktisch unmöglich.“ Man müsse hier die Pflegedienste mit ihren Angeboten unterstützen, so der Sozialdemokrat.
Frage nach Ausbau der Radstrecke am Syvensteinsee
Der Ausbau der Radstrecke am Sylvensteinsee war einer Zuhörerin ein großes Anliegen. An diesem Punkt gab es Einigkeit unter den Kommunalpolitikern: Es ist ein aufwändiges Projekt, das immens viel Geld kosten wird und vom Staat unterstützt werden muss. Aber: Es ist wichtig, bei diesem Thema bei der Regierung nicht locker zu lassen.
Ohnehin spielt der Tourismus, ob mit Tagesausflüglern oder Übernachtungsgästen in Lenggries eine wichtige Rolle. Doch wie sollen die Touristen gelenkt werden und was ist die Zukunft in schneeärmeren Wintern? Raphelt meinte, dass Einheimische nicht schlechter gestellt sein dürfen als Gäste. Klaffenbacher gab hier zu bedenken, wie wichtig der Tourismus auch für die hiesigen Betriebe ist: „Man darf den Touristen nicht verteufeln. Das Brauneck ist im Sommer wie im Winter unfassbar wichtig.“ Gassl plädierte dafür, sich mit Freizeitsportanbietern zusammenzutun und eine Programmatik für schneearme Winter zu erarbeiten. Das sah Haider ähnlich: „Wir brauchen ein Konzept mit Winterwanderwegen, Eisbaden und Saunalandschaft.“ Klaffenbacher und Gassl sprachen dazu die Lenkung durch die Bahn an. Die Züge müssten häufiger fahren, und Klaffenbacher machte sich für den Erhalt des Bergbusses stark. Haider betonte die Relevanz von ausgeschilderten Mountainbike-Strecken.
Zukunft der Marktstraße?
Apropos Lenkung: Wie verkehrsberuhigt die Marktstraße in Zukunft sein soll, ja, da haben die Herren auch verschiedene Auffassungen. Grünen-Politiker Haider befindet, man könne zumindest den Versuch wagen, einen autofreien Sonntag pro Monat einzuführen, zusätzlich sei Tempo 30 hier gut umsetzbar. Klaffenbacher machte deutlich, wie wichtig es für Bürger ist, in Lenggries auch noch vor den Geschäften parken zu können. „Deswegen kommen auch viele von außerhalb zu uns zum Einkaufen.“ Gassl: „Verkehrsberuhigt, aber nicht verkehrsbefreit. Da muss das innerörtliche Gewerbe mitgenommen werden.“
Ein Gewinner oder Verlierer der Podiumsdiskussion lässt sich an diesem Abend nicht ausmachen. Alle vier Kandidaten präsentierten ihre Sichtweise und Ambitionen für Lenggries klar und sachlich, bekamen an vielen Stellen Beifall. Hitzige Diskussionen blieben aus. Nun liegt es an den Bürgerinnen und Bürgern des Brauneck-Dorfs, wen sie für die kommenden sechs Jahre an die Rathausspitze wählen.