Gerhard Kinshofer ist seit Jahrzehnten das Gesicht des Landesbund für Vogelschutz (LBV) im Kreis Miesbach. Jetzt feiert er seinen 80. Geburtstag. Seine Arbeit am Seehamer See hält ihn fit.
Landkreis – Seinen wachsamen Augen hinter dem Fernglas entgeht kein Vogel am Seehamer See. Und seinen mahnenden Worten entkommt kein Spaziergänger oder Wassersportler, der die Schutzzone nicht respektiert. Gerhard Kinshofer ist seit Jahrzehnten das Gesicht des Landesbund für Vogelschutz (LBV) im Kreis Miesbach. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag. Warum er trotz 34 Jahren Vogelbeobachtung nicht müde wird, wieso uneinsichtige Zeitgenossen nicht auf Altersmilde hoffen dürfen und seit wann er eigentlich seinen beeindruckenden Bart trägt, haben wir den Miesbacher im Interview gefragt.
Herr Kinshofer, was ist schon länger in Ihrem Leben: Ihre Vögel am Seehamer See oder Ihr charakteristischer Bart?
Gerhard Kinshofer: Tatsächlich mein Bart. Den trage ich seit bald 50 Jahren.
Ihr Markenzeichen?
Gerhard Kinshofer: Erkennen tut man mich damit schon ganz gut, ja. Aber ich finde ihn auch sehr praktisch. So bekomm’ ich selbst an kalten und zugigen Tagen am See kein Halsweh (lacht).
Andere Leute würden da wahrscheinlich einfach daheimbleiben.
Gerhard Kinshofer: Ich halte mich damit auch fit. Bewegung und frische Luft, was gibt es Besseres? Seit ich 1990 die Wasservogelzählung am Seehamer See übernommen habe, bin ich eigentlich jeden Tag vor Ort. Erst recht, seit es uns gelungen ist, die Schutzzone auszuweisen. 1992 haben wir die ersten Bojen gesetzt. Ein Meilenstein.
Aber nur, wenn sich die Menschen daran halten.
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Gerhard Kinshofer: Auch deshalb bin ich so oft draußen unterwegs. Und leider beobachte ich, dass der Respekt vor der Natur immer weiter sinkt. Da gibt’s Leute, die mitten im Schilf einen Campingtisch fürs Picknick aufstellen. Oder welche, die drei Hunde ohne Leine durchs Schutzgebiet laufen lassen. Wenn man sie auf ihr Fehlverhalten anspricht, riskiert man bestenfalls einen ironischen Kommentar. Nicht selten aber wird man einfach nur beschimpft. Leider steht die Menschheit zurzeit so neben den Schuhen, dass einem fast nichts mehr dazu einfällt.
Was motiviert einen in Ihrem Alter, diesen Leuten trotzdem immer wieder in die Schuhe rein zu helfen?
Gerhard Kinshofer: Die Vögel. Wenn ich sehe, wie sie sich an Tagen mit Ramba Zamba am See in die Schutzzone zurückziehen und hier tatsächlich Ruhe finden, dann weiß ich, dass es allen Aufwand wert ist. Ein großer Erfolg war dabei die seit Oktober vergangenen Jahres rechtskräftige Verordnung, die ein Eindringen in die Schutzzone nun auch mit Bußgeld ahndet.
Wie ist es denn um die Vögel am Seehamer See bestellt?
Gerhard Kinshofer: Natürlich beobachte ich den generellen Artenrückgang auch hier. Das liegt an immer mehr lokalen Störungen, aber auch am Klimawandel. Umso mehr freut es mich, dass es uns mit der Schutzzone gelungen ist, nicht nur heimischen Vögeln wie der Wasserralle, dem Haubentaucher oder dem Teichrohrsänger einen Rückzugsort zu schaffen, sondern auch Zugvögeln wie den Schnatter-, Knick-, Knäk- und Reiherenten eine Gelegenheit zum Rasten.
Haben Sie eigentlich einen Lieblingsvogel?
Gerhard Kinshofer: Nein. Ich schätze die gesamte Vielfalt hier am Seehamer See. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir natürlich seltenere Tiere wie der Fischadler. Während der uns immerhin regelmäßig besucht, war der Seeadler, den wir mal 15 Tage bei uns hatten, schon eine Ausnahme.
Wie lange wird man Sie denn noch am Seehamer See beobachten können?
Gerhard Kinshofer: Solange es mir die Gesundheit erlaubt. Aber ich bin ein Optimist, Humor ist für mich die beste Tablette. Im Kreisvorstand des LBV würde ich mich aber nach mittlerweile 28 Jahren als Vorsitzender schon gern in die zweite Reihe zurückziehen. Aber es hat sich noch kein Nachfolger gefunden. Die meisten sagen, das ist erst was für den Ruhestand. Dabei habe ich die Vogelbeobachtung zehn Jahre lang parallel zu meinem Hauptberuf gemacht.
Gutes Stichwort: Was haben Sie eigentlich früher gemacht, wenn Sie nicht am Seehamer See waren?
Gerhard Kinshofer: Ganz früher war ich beim Miesbacher Traktor-Hersteller Primus, später dann bis zum Vorruhestand 2002 bei der Firma Kinshofer im Einkauf. Das hat auch vom Namen her gut gepasst (lacht). Und ich bin dankbar, dass man hier immer Verständnis hatte für mein Ehrenamt. Umgekehrt bin ich froh, auch beim LBV eine starke Mannschaft zu haben. Sei es bei der Biotoppflege oder den seit 1996 monatlich stattfindenden Infoveranstaltungen im Bräuwirt. Wenn ich mal verhindert bin, habe ich natürlich auch draußen am See eine Vertretung.
Eine Ablösung ist dennoch nicht in Sicht?
Gerhard Kinshofer: Nein. Der Job ist halt schon auch mal unangenehm, wenn man schwach angeredet wird. Aber mei, dann mache ich halt noch weiter.
Was ist denn immer so Ihre Zeit? Sind Sie eher der frühe Vogel oder flattern Sie erst spät aus dem Nest?
Gerhard Kinshofer: Da sage ich jetzt mal lieber nichts dazu. Sonst spricht sich bloß noch herum, wann die Schutzzone unbeobachtet ist. Sagen wir es einfach so: Ich bin und bleibe unkalkulierbar.
sg