„Sorgende Gemeinschaften“ im Oberallgäu als eine Antwort auf den Pflegenotstand vor Ort

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Pajam Rais-Parsi vom Landratsamt Landsberg stellt das Konzept der Quartierspflege in Sonthofen vor. © Josef Gutsmiedl

Im Rahmen der „Woche der Demenz“ hatte das Landratsamt Oberallgäu, die Fachstelle für pflegende Angehörige und Demenzhilfe Oberallgäu, zu einem Vortrag eingeladen, der den Blick über die Demenzerkrankung hinaus auf ein neues Pflegemodell lenkte, die sogenannte „Quartierspflege“.

Oberallgäu – Beispielhaft für „neue Wege in der Pflege“ stellte Pajam Rais-Parsi vom Landratsamt Landsberg/Lech ein Projekt vor, das erfolgreich versucht, alle Pflegeangebote und -bedarfe lokal zusammenzuführen, ohne kostentreibende Aspekte noch bestimmender einzubinden.

Quartierspflege im Oberallgäu für den Pflegenotstand in der Region

Rais-Parsi, Altenpfleger, Pflegepädagoge und Master of Public Health. Seit 2014 ist er beim Landkreis Landsberg am Lech in der Altenhilfeplanung und in Projekten zu Alter und Demografie tätig. Die zu beobachtende demografische Entwicklung sei hinlänglich bekannt, so Pajam Rais-Parsi; doch trotz der Erkenntnisse habe man „vergessen“, Lösungen zu finden. „Der generelle Trend ist sehr, sehr klar“, so seine Meinung. Fakt sei: „Wir werden mehr, wir werden bunter, wir werden älter.“ Die „Vermehrung“ sei vor allem auf Zuzug zurückzuführen, nicht auf mehr Nachwuchs; die Gesellschaft wird vielfältiger in ihrer Zusammensetzung, und die Menschen dieser Gesellschaft werden älter. Unterm Strich, so die Rechnung des Referenten, der Unterstützungsbedarf wird weiter zunehmen, wenngleich auch in „höchst unterschiedlicher“ Ausprägung.

Etwas tun gegen den Pflegenotstand

Die Pflege, so greift Rais-Parsi eine Feststellung des DAK-Pflegereports auf, stehe vor dem Kipppunkt. Mit anderen Worten: Die aktiven Pflegenden aus dem Kreis der sogenannten Babyboomer werden bis Ende des Jahrzehnts in Ruhestand gehen; dann drohe ein weiterer Mangel in der pflegerischen Versorgung. „Da kommt ein handfestes Problem auf uns zu, und wir stehen vor einer Katastrophe, falls wir nicht anfangen, etwas dagegen zu tun“, warnt Rais-Parsi. Einen neuen Ansatz sieht er in dem Projekt, das derzeit im Landkreis Landsberg läuft: Die „Sorgende Gemeinschaft“. Ein Ansatz, der „für alle“ Vorteile bringe, also auch für den Kreis der Demenzkranken und ihre pflegenden Angehörigen. Ambulante Versorgung werde zu 60 Prozent von Angehörigen bestritten, ergänzt Rais-Parsi. Aber das Prinzip ambulant statt stationär funktioniere auf Dauer nur, wenn jemand die Versorgung zu Hause übernimmt.

Derzeit, so Rais-Parsi weiter, seien rein rechnerisch vier Personen mit der Pflege von einer Person befasst; im Jahr 2040 würden es nur noch zwei sein. Sein Fazit: „Die Strukturen tragen nicht mehr, auch aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen, vor allem der Mobilität. Pflege über weite Distanzen sei auf Dauer unmöglich. „Und die professionellen Strukturen schaffen es auch nicht beliebig.“ Hier setzt das Projekt der „Sorgenden Gemeinschaften“ an, die sogenannte Quartierspflege. Lösung der aufgezeigten Problematiken könne ein Hilfe-Mix aus Hilfen aus dem näheren Umfeld – familiär und/ oder nachbarschaftlich – und professionellen Dienstleistern wie Pflegediensten sein. Dieser Mix könnte auf kommunaler Ebene etabliert werden, aus Ehrenamtlichen oder auch geschulten Mitarbeitenden im Mini-Job oder der Nachbarschaftshilfe. Um die Situation für die pflegenden Familienangehörigen zu entspannen, können etwa Nachbarn und Bekannte bei guter Koordination regelmäßige „Dienste“ übernehmen, etwa Einkäufe, Begleitung bei Spaziergängen und andere unterstützende Tätigkeiten.

Einfache Hilfe vor Ort als Mittel gegen den Pflegenotstand

Unterm Strich sieht Rais-Parsi einen wertvollen Beitrag für eine kommunale pflegerische Grundversorgung für die ältere Generation – die sorgende Gemeinschaft. „Einfache Hilfestellungen vor Ort setzen auch Kapazitäten frei bei professionellen Unterstützungseinrichtungen.“ Unter Quartier sei in diesem Zusammenhang ein Umkreis mit rund 1.500 Menschen zu sehen, nicht der Mensch im unmittelbaren Umfeld, ergänzt Rais-Parsi seine Skizze der Sorgenden Gemeinschaft. Eine kleinräumige Versorgung erübrige zudem den Unterhalt eines Fuhrparks. Die Kleinräumigkeit sei letztlich der Schlüssel. Es ermöglicht das Hineinwachsen in diese Tätigkeit, schafft Vertrauen. Rais-Parsi geht noch weiter: Ein solches Angebot zähle er zur Daseinsvorsorge einer Kommune, wenngleich es auch andere Lösungen gebe.

Drängende Aufgaben beim Thema Pflegenotstand

Die Aufgabe, pflegebedürftige Menschen so lange wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld zu halten, sieht auch Petra Christiansen-Lammel von der Demenzhilfe Allgäu bei der Fachstelle für Senioren am Landratsamt Oberallgäu als drängend. In 20 Jahren, so ihre Prognose, gehe es um die geburtenstarken Jahrgänge. „Spätestens dann holt uns das Problem ein“, pflichtet sie dem Referenten bei. „Wir müssen uns auf den Weg machen.“ Die Seniorenbeauftragte des Landkreises, Christine Rietzler, wünscht sich einen „demenzsensiblen Landkreis Oberallgäu“. Generell fordert sie Hilfestellungen, um ein lebenswertes Leben zu schaffen – für Menschen mit Demenz, aber genauso für die pflegenden Angehörigen. Das Modell im Landkreis Landsberg sollte auch im Oberallgäu näher betrachtet werden, können sich die Kreisrätin und Petra Christiansen-Lammel vorstellen.

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