Der Flakpanzer Gepard war die Antwort auf eine Herausforderung, die noch kommen sollte. Jetzt hofft die NATO auf den Skyranger. Selenskyj sät Zweifel.
Brüssel – „Wir sind bereit, alle Partner in dieser Verteidigung zu schulen“, sagt Wolodymyr Selenskyj. Die Deutsche Presseagentur (dpa) zitiert den ukrainischen Präsidenten, der mit ansehen muss, wie Wladimir Putin seine im Ukraine-Krieg eingeübten Drohnen-Taktiken auf die an Russland angrenzenden NATO-Partner auszudehnen sucht. Nach der Drohnen-Attacke auf Polen und eines ähnlich gelagerten Vorfalls in Rumänien sucht das westliche Verteidigungsbündnis verzweifelt und höchst eilig nach einer probaten Lösung. Möglicherweise drängt sich die „Sky Fortress" auf.
NATO sucht zündende Idee: „Was sollen wir tun? Jedes Mal F-16 und F-35 schicken? Das ist nicht nachhaltig.“
Die Ukraine hat mit dieser vernetzten Art der Luftverteidigung „beachtliche Erfolge“ erzielt in der Abwehr russischer Einwegdrohnen vom Typ Geran-2, wie bereits Mitte 2024 das deutsche Militärmagazin hartpunkt. berichtet hat. Der Clou dieser „Himmelsfestung“ sei die Kombination vieler Sensoren und ebenso vieler kleiner Flugabwehrtrupps auf Geländewagen von der Größe eines Mercedes G-Modells, das in der Bundeswehr als „Wolf“ Dienst tut. Darauf operieren Abwehrtrupps mit schweren Maschinenwaffen. Der Nachteil liegt darin, dass Einwegdrohnen wie die aktuellen Shahed-136-Modelle mittlerweile teilweise höher fliegen, als die Waffen tragen können. Dennoch bildet die „Himmelsfestung“ eine Option für eine NATO, die viele Möglichkeiten sieht, aber noch keinem stringenten Plan folgt.
„„Was sollen wir tun? Jedes Mal F-16 und F-35 schicken? Das ist nicht nachhaltig. Wir müssen uns besser mit Anti-Drohnen-Systemen ausrüsten“, sagt Ulrike Franke. Politico zitiert die Analystin des US-Thinktanks „European Council on Foreign Relations“ (ECFR), angesichts der russischen Drohnen, die Polen über seinem Gebiet aufgefunden und neutralisiert hat. Laut der dpa habe die Nato das System „Sky Fortress“ bereits 2024 getestet. In Estland seien noch Erprobungsgeräte eingelagert. Ihr zufolge seien auch Abwandlungen dieses Systems denkbar – durch individuelle oder zusätzliche Sensoren, um frühzeitig und genauer ein Lagebild über anfliegende Drohnen zu haben.
Putin wagt sich aus der Deckung: „Um die Fähigkeiten und Reaktionen der NATO einzuschätzen“
Kristóf Nagy beschreibt das System als einfach in der Handhabung sowie unschlagbar günstig. Die für die Gefechtsführung notwendigen Daten, wie beispielsweise Anflugrichtung und Geschwindigkeit, würden nach der Alarmierung auf handelsübliche Tablets der mobilen Maschinenkanonentrupps übertragen: „Einerseits werden kosteneffiziente Rohrwaffen zu der Abwehr der Drohnen befähigt. Andererseits kostet ein autarkes Sensorpaket gerade einmal 500 US-Dollar. Außerdem ist die restliche Flugabwehr entlastet und kann zur Bekämpfung von Zielen wie bemannten Systemen oder Marschflugkörpern und Raketen verwendet werden“, so Nagy. Das begünstige auch, dass teurere Systeme für lohnendere Ziele aufgespart werden könnten und die Durchhaltefähigkeit der Luftabwehr immens wachse – und für Russland den Preis für Angriffe hoch treibe.
„Zwar habe die Nato effektive Abwehrwaffen, doch habe die Ukraine ,wesentlich kostengünstigere, massivere und systematischere Lösungen‘ entwickelt.“
Der US-Thinktank „Institute for the Study of War“ (ISW) geht davon aus, dass die russischen Drohnen auch deshalb den polnischen und rumänischen Luftraum verletzt haben, „um die Fähigkeiten und Reaktionen der NATO einzuschätzen und die gewonnenen Erkenntnisse auf mögliche Konfliktszenarien mit der NATO anzuwenden“, wie deren Analysten schreiben. Laut der dpa liefen die Planungen für den weiteren Aufbau der Flugabwehr gegen Drohnen und auch ganze Drohnenschwärme aus Russland im zentralen Luftwaffenhauptquartier der Nato (Aircom) im rheinland-pfälzischen Ramstein. Der übergeordnete Aktionsplan läuft seit dem 12. September unter dem Betriff „Eastern Sentry“ (zu Deutsch etwa: „Wächter des Ostens).
Eine NATO-Option: Start-ups für Drohnenabwehr stärker in die Budgetierung einzubeziehen
NATO-Generalsekretär Mark Rutte hat in dem Zusammenhang darauf gedrängt, dass das westliche Verteidigungsbündnis als Antwort auf den Übergriff auf die westliche Integrität Entschlossenheit und Fähigkeit zur Verteidigung ihres Territoriums verdeutliche – die Frage ist nur: Wie? „Die drohnenarme Armee“, nennt Björn Müller beispielsweise die Bundeswehr. Im Magazin loyal hat der Autor des Organs des deutschen Reservistenverband die Defizite der deutschen Streitkräfte in der Aufrüstung mit Drohnen aufgezeigt. Bisher seien Drohnen kein Rüstungsschwerpunkt der Bundeswehr gewesen, so Müller; von 2026 an solle das seinen Informationen zufolge womöglich anders werden – diese Aussagen stammen aus der Zeit vor der Eskalation Putins im Verhältnis zur NATO. Inzwischen hat die Bundeswehr zwei Kamikaze-Drohnen im Test.
„Wenn wir an die Nato-Ostflanke denken, also 3.000 Kilometer Grenze, und mit Masse dorthin kommen, auf asymmetrische Fähigkeiten setzen, also Zehntausende Kampfdrohnen dort konzentrieren, dann ist es eine sehr glaubwürdige konventionelle Abschreckung“, sagte Gundbert Scherf gegenüber dem Sender n-tv. Der Mitbegründer und Co-Vorstandsvorsitzender des Unternehmens Helsing aus München meldete sich mit seiner Forderung eines „Drohnenwalls“ ähnlich dem von den östlichen und baltischen NATO-Partnern geplanten zum Zeitpunkt, als das neue Sondervermögen für Sicherheit gerade vom Bundesrat beschlossen worden war. Start-ups für Drohnenabwehr stärker in die Budgetierung einzubeziehen, ist eine weite Option, der die NATO nachgeht. In den Ukraine-Krieg jedenfalls sind deutsche Unternehmen mit ihrem Wissen involviert.
Den „Wächter“ schickt jetzt das deutsche Start-up Alpine Eagle an die dortige Front: Wie das Magazin Defense Express berichtet, sei das „Sentinel Airborne Counter-UAS System“, eine in Deutschland entwickelte Drohnenplattform zum Schutz von Konvois vor Unmanned Aerial Systems, also Angriffs- und FPV-Drohnen (First Person View); laut dem Magazin laufe das System bereits in der Ukraine in einer Testphase. Wie die Deutsche Presseagentur meldet, sei Geld für eilige Käufe neuer Waffentechnologien auch in der NATO vorhanden. Unter dem Begriff „crisis urgent requirement“ kann die Allianz für einen Sofortbedarf an neuen Technologien einen Zahlungsmechanismus zügig in Gang setzen.
Selenskyj wirbt für die Ukraine: „Wesentlich kostengünstigere, massivere und systematischere Lösungen“
Darüber hinaus fällt der NATO vor allem der Griff in die Mottenkiste ein. Der Ukraine-Krieg hat die Liebe zum Flakpanzer Gepard wieder entflammt. Dessen Erbe ist nicht nur moderner, sondern trägt jetzt einen entsprechenden Namen: Skyranger. Ein Rheinmetall-Produkt, dass auch für die Nahverteidigung in der European Sky Shield Initiative (ESSI) gesetzt ist. Statt des Zwillingsgeschützes des in der Ukraine zu späten Ehren gekommenen Gepard trägt der Skyranger eine einzelne 30-Millimeter-Kanone. Grundsätzlich transponiert der mobile Skyranger die Grundidee der ukrainischen „Himmelsfestung“ auf eine höhere Ebene: Er bietet agilere Mobilität samt höherer Feuerkraft als einzelne Trupps auf militarisierten Pick-ups.
Tatsächlich beweist der Skyranger, dass die Bundeswehr mit der Gepard-Flugabwehr-Lösung ihrer Zeit weit voraus gewesen war, aber zu der Zeit noch keinen Gegner dafür gehabt hatte. „Eine paradoxe Wendung: Ausgerechnet die verschrotteten deutschen Gepards zählen in der Ukraine zu den erfolgreichsten Systemen gegen russische Drohnen“, schreibt Lars Lange. Für das Magazin Telepolis fragt der Autor, inwieweit ein Skyranger-System tatsächlich die Drohnen-Abwehr der Zukunft darstellen könne. Laut Defense Express rechne Rheinmetall-Chef Armin Papperger noch in diesem Jahr mit einem Bundeswehr-Auftrag für das Skyranger-Systems über sechs bis acht Milliarden Euro.
Dem Magazin zufolge wollten die deutschen Streitkräfte von bis zu 5.000 neu zu beschaffenden Boxer-Schützenpanzern 600 mit dem Luftabwehrsystem Skyranger 30 auszustatten. Möglicherweise ist der Skyranger sogar eine gute bis sehr gute Lösung. Wie Defense News und Telepolis berichten, haftet allerdings Gepard wie Skyranger der grundsätzliche Makel der westlichen Rüstungsdoktrin an: Was gut sein soll, muss perfekt durchdacht werden und darf teuer sein. Die beiden Magazine beziffern den einzelnen Schuss aus Gepard und Skyranger auf bis zu 600 Euro; wobei der Skyranger aufgrund seiner ausgefeilteren Munition preislich etwas höher liege, worauf Telepolis-Autor Lars Lange hinweist.
Putins Russland ist dem Westen weiterhin haushoch überlegen darin, Lebensgefahr günstig herzustellen. Laut der Deutschen Presseagentur dränge sich Wolodymyr Selenskyj beinahe schon auf, der NATO zu beweisen, dass sie das auch könne – mit seiner Hilfe, wie ihn die dpa zitiert: „Zwar habe die Nato effektive Abwehrwaffen, doch habe die Ukraine ,wesentlich kostengünstigere, massivere und systematischere Lösungen‘ entwickelt.“ (Quellen: European Council on Foreign Relations, Institute for the Study of War“, Deutsche Presseagentur, hartpunkt, loyal, n-tv, Telepolis, Defense Express) (hz)