Pfingsthochwasser 1999: Partenkirchen wird überschwemmt - An Schulen entstehen große Schäden

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Wassermassen und jede Menge Geröll wie hier am Rathausplatz prägen die Hauptstraße im Ortsteil Partenkirchen. © Brinkmann

Straßen werden zu Flüssen, Hinterhöfe und Keller zu Schwimmbädern: Gerade der Ortsteil Partenkirchen ist von der Flut 1999 betroffen .Otmar Würl und Johann Schillinger von den St.-Irmengard-Schulen erinnern sich an enorme Schäden und große Hilfsbereitschaft.

Garmisch-Partenkirchen – Johann Schillinger funktioniert nur noch. Schleppt Turnmatten. In den Hof der St.-Irmengard-Schulen im Ortsteil Partenkirchen. „Eine Zeit hat es gehalten“, erinnert sich der frühere Hausmeister. „Dann wurde das Tor aufgerissen und das Wasser ist wie ein Sturzfluss reingeschossen.“ Das Geräusch der Fensterscheiben im Untergeschoss, die nacheinander bersten, kann er noch heute hören.

Mit einem Wassersauger will er im Gebäude gegensteuern. Vergebens. In der Turnhalle schleppt er die nächsten Matten. Diesmal die schweren, dicken, um zu verhindern, dass hier Wasser eintritt. „Keine Chance“, sagt Schillinger. „Sie sind einfach geschwommen.“ Die ganze Nacht harrt er in seiner Schule aus. Versucht, zu retten, was möglich ist. Gegen 4 Uhr am Pfingstsamstag 1999 geht der Strom aus. Die hausinterne Alarmanlage springt an. „Da war ich irgendwo im Erdgeschoss, das war alles völlig unwirklich.“ Der Keller ist da längst vollgelaufen. Im Erdgeschoss steht das Wasser mehrere Zentimeter hoch.

Völlig durcheinandergewirbelt: Im Handarbeitsraum im Keller steht nach der Flut nichts mehr an seinem Platz.
Völlig durcheinandergewirbelt: Im Handarbeitsraum im Keller steht nach der Flut nichts mehr an seinem Platz. © privat

Schneeschaufeln gegen den Schlamm

Schillinger funktionierte weiter. Seine Frau, daheim in der Mittenwalder Straße, stand derweil Todesängste aus. „Sie wusste ja nicht, wo er ist, wie’s ihm geht“, sagt Otmar Würl. Handys besaß damals kaum jemand. Den Einsatz des Hausmeisters hebt der frühere Schuldirektor auch jetzt, 25 Jahre nach dem verheerenden Hochwasser, hervor. „Was er geleistet hat, war grenzwertig.“ Im positiven Sinn. Schillinger musste zudem ansehen, wie seine Schule untergeht. „Das war auch eine große nervliche Belastung“, betont Würl. Er wusste zwar schon am Freitag, dass Teile der Marktgemeinde überschwemmt sind, sein Cousin aus der Oberpfalz war schließlich auf dem Weg nach Italien bei ihm in Grainau gestrandet. „Ich bin aber nicht auf die Idee gekommen, dass etwas mit unserer Schule ist, Herr Schillinger hätte doch angerufen.“

Also erfuhr Würl erst tags darauf von der Katastrophe. Fassungslos schaute er sich das Ausmaß der Zerstörung an. Ein Glück, dass sein Cousin, der bei der Feuerwehr und beim Bundesgrenzschutz war, das ganze Wochenende half. Er gab die Devise aus, dass vor allem der Schlamm, der von der Kanker mitgespült worden war, schnell beseitigt werden muss. „Wenn der trocknet, wird er hart wie Beton“, zitiert ihn Würl. Also kamen jede Menge Schneeschaufeln zum Einsatz, mit denen die feste Masse weggeschoben wurde. Parallel dazu liefen die Pumpen von der Feuerwehr und vom Technischen Hilfswerk. Und immer wieder floss neues Wasser rein, um den Baaz zu verdünnen und dann abzupumpen. Eine Schinderei, die letztlich aber geklappt hat.

Nicht mehr zu retten: Das Inventar und die Möbel aus dem Untergeschoss sind von Wasser und Schlamm komplett zerstört.
Nicht mehr zu retten: Das Inventar und die Möbel aus dem Untergeschoss sind von Wasser und Schlamm komplett zerstört. © privat

Dafür ist Würl dankbar. Auch für den Einsatz der Feuerwehr und anderer Helfer. Genau wie für Schillingers Anstrengungen, der trotz massiver Schäden an seiner eigenen Wohnung in der Schule blieb und anpackte. Außerdem für die Anteilnahme der gesamten Schulfamilie. Mit Hilfe einer Telefonkette wurden alle verständigt. Und alle kamen, die nicht schon in den Pfingstferien oder selber vom Hochwasser betroffen waren. „Sensationell und sehr berührend“ nennt der frühere Schulleiter diese Hilfsbereitschaft. Lehrer, Schüler, Eltern, Ehemalige, eine Gruppe aus dem Marshall-Center und viele mehr waren zur Stelle. Beseitigten erst den Schlamm, schleppten Möbel und Inventar aus dem 3000 Quadratmeter großen Untergeschoss, dem Musikpavillon und den beiden Turnhallen in den Hof. „Eine Kunstlehrerin hat noch versucht, Gipsdrucke zu retten“, erzählt Würl. Dann lagen die Kunstwerke draußen in der Sonne, trockneten und zerbröselten. Ein kleines Beispiel dafür, dass die Flut vor nichts halt gemacht hat. Und das meiste, über das sie geschwappt ist, zerstörte. Nur die teure Edelstahl-Küche konnte nach einer Spezialreinigung und mit neuen Pressspanplatten wieder eingebaut werden.

Nach zwei Wochen lief der Unterricht wieder an

An Ferien war nach der Katastrophe nicht zu denken. Stattdessen verbrachten Würl, Schillinger und viele andere jeden Tag in der Schule. Und schufteten. Mit Erfolg. Zwei Wochen später lief der Unterricht wieder an. „Beeindruckend war auch, wie sehr uns die anderen Schulen im Ort geholfen haben“, sagt Würl. Mit Sporthallen, Werk- und Computerräumen.

Ein Dorf ertrinkt: Die Pfingstflut 1999 überschwemmt Eschenlohe. Es sind keine Straßen mehr zu erkennen, Häuser stehen unter Wasser.
Ein Dorf ertrinkt: Die Pfingstflut 1999 überschwemmt Eschenlohe. Es sind keine Straßen mehr zu erkennen, Häuser stehen unter Wasser. © DPA

Parallel zum Schulbetrieb begann die Planung, um den gewaltigen Schaden zu sanieren. Auf 6,5 Millionen D-Mark belief sich die erste Schätzung, letztlich wurden 7,5 daraus. „Das ganze Schulhaus war betroffen“, erzählt Würl. Nach dem Hochwasser stand schließlich schnell fest, dass beispielsweise Computerräume wegen der teuren Einrichtung nicht mehr in den Keller kommen. Bis Ende November 2020 zog sich die Sanierung hin. „Eine anstrengende Zeit“, sagt Schillinger. Zumal das Ganze bei laufendem Betrieb stattfand. „Das bedeutete sehr viel Lärm“, bestätigt Würl. Aber alle, die 1000 Schülerinnen, ihre Eltern, die Lehrer und alle übrigen Mitarbeiter akzeptierten die Einschränkungen klaglos. Im Altbau wurden noch Elektroleitungen und Brandschutz auf den neuesten Stand gebracht. Im Kanal mussten Rückschlagventile eingebaut werden. Um das ganze Gebäude herum entstanden sogenannte Hochwasser-Schotten, um die Schule dichtzumachen. „Damit das funktioniert, haben wir eine Übung mit allen Lehrern gemacht“, erinnert sich Würl.

Wichtige Schutzmaßnahmen

Dass sich dieses Vorgehen bezahlt macht, zeigte sich gut sechs Jahre später. Nach tagelangem Regen waren die Flüsse immer weiter angeschwollen. Die Hauptstraße stand schon unter Wasser, Schillinger war längst in seiner Schule und schaute nach dem Rechten. Die Schutzmaßnahmen hielten, St. Irmengard war sicher. Das sah auch Würl, der kurz darauf vor Ort eintraf. „Wir haben dann einen Spaziergang durch den Ort gemacht und geschaut, was Sache ist“, erzählt der pensionierte Oberstudiendirektor. Auch da erinnerten sich er und Schillinger an das katastrophale Pfingsthochwasser. Dankbar, dass sie 2005 verschont blieben. Und dankbar, „dass wir damals nicht allein gelassen wurden“.

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