Ein Kiosk für den Lederhosen-Macher

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Freuen sich über den Neustart im Kiosk an der Riedlerbrücke: Bürgermeister Josef Bierschneider (l.) und Pächter Stefan Ferstl. © THOMAS PLETTENBERG

Stefan Ferstl betreibt in Kreuth eine Poststation mit Kiosk und Lederhosen-Manufaktur. Der Säckler aus Lenggries hat das Häuschen an der Riedlerbrücke gepachtet.

Kreuth - Was andernorts als nicht funktional oder bestenfalls als abgefahren gelten würde, „das passt bestens zu unserem Bergsteigerdorf“. Davon zeigte sich Bürgermeister Josef Bierschneider bei der Eröffnung des ungewöhnlichen Ladens überzeugt. Er hatte die Idee dazu, den seit August verwaisten Kiosk mit Poststation an jemanden zu verpachten, der das Einraum-Häuschen direkt an der Riedlerbrücke noch anderweitig nutzen kann.

Der Gemeinde war es ein Anliegen, im Ort wieder eine Poststation zu haben. Als die bisherige Pächterin Ende August das Handtuch warf und in ihre Heimat Österreich zurückkehrte, wurde die Gemeinde aktiv. Denn die rechtliche Situation bei dem Kiosk ist vertrackt. Das Häuschen steht auf privatem Grundstück. Somit ist grundsätzlich der Grundstückseigentümer – in diesem Fall die Bayerischen Staatsforsten – auch Gebäudeeigentümer. Allerdings ist das kleine Bauwerk vor etwa 20 Jahren vom damaligen Pächter des Kiosks, Matthias Wittmann, gebaut worden. Bei den mittlerweile zwei Wechseln hat der jeweilige Nachpächter das Gebäude vom Vorpächter abgelöst.

„Nachdem sich kein Pächter gefunden hat, der bereit war, das Gebäude abzulösen, sind wir in die Bresche gesprungen. Wir haben das Gebäude von den Staatsforsten abgepachtet und von der Vorpächterin abgelöst und es dann unterverpachtet“, erklärte Bierschneider. Nach der Ausschreibung seien drei Bewerbungen eingegangen, Stefan Ferstl erhielt den Zuschlag.

Der 40-jährige Familienvater wollte seine Post-Kiosk-Lederhosen-Werkstatt eigentlich Anfang November eröffnen. Aber weil es an der Brücken-Baustelle zu Verzögerungen kam (wir berichteten), hat der gelernte Säckler aus Lenggries erst dieser Tage aufgemacht Sein Angebot ist so ungewöhnlich wie seine Öffnungszeiten (Montag bis Samstag, 8.30 bis 13 Uhr): Neben dem klassischen Postschalter, wo man Briefe und Pakete aufgeben und abholen kann, finden sich hier nicht nur Zeitschriften, Schreibwaren, eine Lotto-Annahmestelle und die klassischen Kiosk-Süßigkeiten, sondern auch Zahnpasta, Mückenspray, Lesebrillen, Landkarten und einiges mehr, das der Wanderer im Bergsteigerdorf oder der Radler für seine Alpenüberquerung noch so braucht. Außerdem hält Ferstl Frostschutzmittel und Vogelfutter vor, damit die Kreuther dafür nicht eigens zum nächsten Baumarkt fahren müssen.

Zudem können ihm seine Kunden über die Schulter schauen, wenn er Lederhosen repariert, anfertigt und individuell bestickt. Ob kurze Lederhosen oder Bundhosen aus Hirschleder oder die langen Jager-Lederhosen aus Wasserbüffelleder: Stefan Ferstl fertigt die traditionellen Beinkleider nach Maß und Gusto. Aber auch Jägerrucksäcke und Gürtel mit besonderer Lederschließe.

Gelernt hat der gebürtige Lenggrieser sein Handwerk inklusive Platt- und Reliefstickerei beim Traditionsbetrieb Bammer, wo er von 2001 bis 2021 gearbeitet hat. 2016 hat es Stefan Ferstl der Liebe wegen von Lenggries nach Kreuth verschlagen. Durch seine Lederhosen hätte er in Kreuth von Anfang an große Akzeptanz erfahren. „Ich habe nie Werbung gemacht und war von Anfang gut beschäftigt“, erzählt Ferstl. Aktuell warten Kunden zirka ein Jahr lang auf eine maßgeschneiderte Ferstl-Lederhose.

Ob sich die Lederhosen-Wartezeit mit dem neuen Standort inklusive Kundenverkehr noch verlängertn wird? Der Säckler und Kioskbetreiber denkt nicht: „Ich glaube, dieses Konzept funktioniert nur in Kreuth.“ Die Frequenz in der Kreuther Poststation sei per se nicht so hoch. Und da diese offiziell ja nur am Vormittag geöffnet sei und er erst nachmittags seinen Sohn aus dem Kindergarten hole, bleibe ausreichend Zeit für alle drei „Geschäftsfelder“ und den Sohn. Dass der mit seinen drei Jahren schon jetzt vom Handwerk seines Vaters begeistert ist, lässt hoffen, dass die Nachfolge gesichert ist und die Lederhosen-Kiosk-Kombination nachhaltig Bestand hat im Bergsteigerdorf.