Zwei Jahre lang hat ein Fachbüro Tegernsee-Süd unter die Lupe genommen, Gefahren und Risiken von Sturzfluten und Starkregenereignissen bewertet. Das Ergebnis wurde jetzt dem Stadtrat präsentiert, der nun eine Strategie beschlossen hat und zu Jahresbeginn die Bürger detailliert informieren wird.
Tegernsee – Als eine der ersten Kommunen im Landkreis hatte Tegernsee im Oktober 2022 ein Fachbüro mit einem Gutachten beauftragt, um die Gefahren von Sturzfluten künftig zu managen. Rund 200.000 Euro lässt sich die Stadt das Projekt für einen ersten Abschnitt in Tegernsee-Süd kosten, wobei ein Drittel an Staatszuschüssen wieder in die Stadtkasse zurückfließt. Stefan Kanne von der Fichtner Water & Transport GmbH präsentierte dem Stadtrat bei einer Sondersitzung jetzt die Ergebnisse. Dabei wurde klar: Das Risiko kann vor allem reduziert werden, wenn die Öffentlichkeit gut informiert und das Risikobewusstsein geschärft ist, wenn Hausbesitzer in Eigenregie ihre Anwesen und Objekte schützen und die Kommune laufend Unterhaltsmaßnahmen an Bächen und Durchlässen durchführt sowie bei konkreten Starkregenereignissen akute Maßnahmen ergreift.
Verheerende Überschwemmungen im Juni 2013
Tagelanger Dauerregen hatte etwa im Juni 2013 zu verheerenden Überschwemmungen am Tegernsee geführt. Doch um dieses Szenario geht es diesmal nicht. Es geht um Starkregen, der lokal begrenzt, in kurzer Dauer und hoher Intensität vom Himmel kommt und um Sturzfluten, die durch ungewöhnlich heftige Starkregenereignisse ausgelöst werden und schnell ansteigende Wasserstände und Abflusswellen mit hohen Scheitelabflüssen zur Folge haben. „Das kann überall vorkommen, auch fernab von Gewässern“, erläuterte der Experte und sprach von „keinen oder geringen Vorwarnzeiten“ und von Schadenssummen, die mit Flusshochwasserschäden vergleichbar seien.
Gefahrenkarten und Animationen
Zu sehen bekamen die Stadträte Gefahrenkarten und Animationen, die genau aufzeigen, wo welche Flächen und mit welcher Fließgeschwindigkeit in Tegernsee-Süd überflutet werden, wenn es 45 Minuten lang regnet – und zwar mit einer fünf-, dreißig-, hundert- oder tausendjährlichen Heftigkeit. Entsprechend wurden Risikokarten von dem Fachbüro erstellt – für sämtliche Anwesen und Bereiche.
„Noch genauer geht‘s kaum“, kommentierte Bürgermeister Johannes Hagn (CSU) zufrieden das Gutachten mit folgenden Ergebnissen: Auf der Schwaighofstraße (B307) beim Wiesenbach und Schwaighofbach ist die Überflutungsgefährdung bei sogenannten fünfjährigen und auch bei einem 30-jährigen Ereignis hoch, bei einem 100- und 1000-jährlichen Ereignis sogar sehr hoch. Es folgen in der Bewertung der kritischen Bereiche, zu denen unter anderem das Gewerbegebiet Tuften, der Ludwig-Thoma-Weg (Ried) der Leebergbach 1 und 2, die Riedersteinstraße sowie die B 307 am Almbach, die Kellerheißstraße, der Mühlgraben sowie der Kapellenbach gehören. Das Maßnahmenkonzept sollte mehrere Bausteine beinhalten. Zum einen das Thema Information und Verhaltensvorsorge. Konkret: So müsse die Bevölkerung sensibilisiert und das Risikobewusstsein geschaffen werden. Am besten könne dies durch Info-Veranstaltungen, der Veröffentlichung von Infomaterial und dem Aufzeigen von Maßnahmen zum Objektschutz erreicht werden. Idealerweise solle es in der Stadt einen Ansprechpartner geben. Eine entsprechende Bauleitplanung, Flächennutzung und Landbewirtschaftung, Krisenmanagement sowie verstärkte Gewässerunterhaltung durch die Kommune, etwa das regelmäßige Reinigen von Durchlässen, Verrohrungs- und Straßeneinläufen, gehören zum Konzept.
Schwaighofstraße besonders gefährdet
Für besonders gefährdete Bereiche, allen voran die Schwaighofstraße, wurden technische Maßnahmen empfohlen, um deren Befahrbarkeit zu erhalten und eine Absenkung der Wassertiefe im Überflutungsfall auf maximal 20 Zentimeter zu erreichen. Am Seniorenzentrum Schwaighof, so die Empfehlung, würden Zugänglichkeit und Rettungswege erhalten bleiben, wenn etwa dafür gesorgt sei, dass Wasser, das sich in einer bergseitigen Mulde sammelt, abgeleitet werde.
„Die Maßnahmen diesen der Allgemeinheit, wir können nicht ganze Siedlungen und Privathäuser schützen“, fasste Hagn zusammen, der die Stadt im Schadensfall nicht in der Haftung sieht, angesichts einer Veröffentlichung des Gutachtens. Vize-Bürgermeister Michael Bourjau (FWG) hatte sich danach erkundigt. Auch ein anwesender Mitarbeiter des Wasserwirtschaftsamts Rosenheim gab zu bedenken, dass es sich um freiwillige Maßnahmen handle und um eine Hilfestellung, gefördert vom Freistaat, zur Sensibilisierung der Bürger. Die Mahnung: „Es hat sich gezeigt, dass es jetzt zu Fluten kommt, wo früher nichts war.“
Maßnahmen beschlossen
Beschlossen wurde am Ende einstimmig, dass Maßnahmen, die kurz- und mittelfristig wichtig sind, umgesetzt werden. Auch sollen das Ausufern von Bächen verhindert und die Befahrbarkeit der Bundesstraße sichergestellt werden. Für Anfang 2025 ist eine Bürgerversammlung geplant. An einem Management für Tegernsee-Nord wird bereits gearbeitet. Ende 2026 sollen auch hier die Ergebnisse vorliegen.