Bayerns Kliniken machen Verlust und einige stehen vor dem Aus. „Für uns ist es nicht entscheidend, dass jedes Krankenhaus gerettet wird“, sagt der Chef der Krankenhausgesellschaft. Wie meint er das?
München - Die Bayerische Krankenhausgesellschaft ist insgesamt recht zufrieden mit dem Koalitionsvertrag. Dass die Krankenhausreform beibehalten wird, findet Geschäftsführer Roland Engehausen gut. „Es wäre fatal, wenn wir jetzt alles streichen würden“, sagt Engehausen im Interview mit dem Münchner Merkur. In der neuen Regierung hofft er auf „mehr gesunden Menschenverstand“.
Herr Engehausen, vor Kurzem stellten Sie den bayerischen Krankenhaustrend vor und sprachen dabei von einer „dramatischen Prognose“. Ist es wirklich so schlimm?
Ja, acht von zehn Krankenhäusern machen laut unserer Erhebung Verluste. Vor etwa zehn Jahren hatten zwei von zehn Krankenhäusern ein Defizit.
Wenn man von Defiziten spricht, geht es immer auch um die Frage: Warum muss ein Krankenhaus überhaupt Gewinn machen?
Es muss keinen Gewinn machen, aber das Defizit ist nun mal da. Und irgendjemand muss es zahlen. Bei staatlichen Krankenhäusern wie den Unikliniken und kommunalen Krankenhäuser findet sich aufgrund des Sicherstellungsauftrags in der Regel noch jemand, der die Defizite ausgleicht. Die Defizite gehen dann zwar zu Lasten anderer staatlicher Aufgaben, etwa des Geldes für Kitas, aber die Krankenhäuser überleben. Viele Kliniken sind jedoch privat oder frei gemeinnützig. Können sie das Defizit nicht ausgleichen, müssen sie in die Insolvenz gehen, sonst ist es Insolvenzverschleppung. Und auch kommunale Krankenhäuser müssen immer häufiger in Insolvenz- oder Schutzschirmverfahren gehen, wie erst vor wenigen Wochen die Kreiskliniken Dillingen-Wertingen.
Bayerns Krankenhäuser machen Verlust
Sie zeigen auf Ihrer Website die sogenannte „Defizit-Uhr“ bayerischer Krankenhäuser. Demnach haben die Kliniken im Freistaat ein Defizit von mehr als zwei Milliarden Euro. Pro Stunde kommen fast 50.000 Euro neu dazu. Wie kommen diese Zahlen zustande?
Wir behandeln in Deutschland zwar viel, aber der Erlös pro Behandlung ist extrem niedrig. Hinzu kommen Inflation und immer mehr Auflagen. Durch eine Meldepflicht nach der anderen muss jede Kleinigkeit mehrfach dokumentiert werden. Und: Manche Behandlungen dürfen nur noch besonders qualifizierte Ärzte mit abgeschlossenen Zusatzweiterbildungen machen, was immer teurer wird. Dadurch haben wir die verrückte Situation, dass immer mehr Geld für die stationäre Versorgung ausgegeben wird und die Kliniken dennoch Defizite machen.
Welche Behandlungen zum Beispiel?
Nehmen wir einen Oberschenkelhalsbruch. Früher war das eine normale chirurgische Krankenhausleistung. Jetzt hat es der Gesetzgeber zu einer Art Spezialleistung definiert. Das heißt, sie muss mit teureren Ärzten erbracht werden, doch der Erlös dafür hat sich nicht angepasst …
… auch nicht durch die Krankenhausreform, die Union und SPD fortsetzen wollen. Ist es richtig, das Lauterbach-Projekt jetzt umzusetzen?
Die Reform läuft ja schon, und es wäre fatal, wenn wir jetzt alles streichen würden. Das haben wir auch nie gefordert. Unsere Kritik war folgende: Die Überschriften, die Herr Lauterbach gesetzt hat, hatten mit dem, was in den Gesetzen drinsteht, relativ wenig zu tun.
Können Sie das konkretisieren?
Es wurde angekündigt, dass es eine Endökonomisierung gibt und dass das Fallpauschalensystem überwunden werden soll. Das ist aber nicht der Fall. Außerdem hat die Krankenhausreform mehr Qualität in der Versorgung versprochen.
Lauterbachs Krankenhausreform: „Es geht leider nicht um die Frage, wer was gut kann“
Kern der Reform ist eine Umverteilung von Kompetenzen. Gerade schwierige, planbare OPs sollen verlagert und von denen durchgeführt werden, die es am besten können. Das sorgt nicht für mehr Qualität?
Es geht leider in der Reform von Lauterbach nicht um die Frage, wer was gut kann. Das wäre Ergebnisqualität, die wir begrüßen. Man bräuchte dann messbare Parameter, die die Qualität prüfen, zum Beispiel Komplikationsraten, Wundheilungen oder Patientenbefragungen. Diese Kennzahlen haben wir in Deutschland, aber sie werden gar nicht genutzt. Die Krankenhausreform sagt nur, man muss eine bestimmte Zahl an Fachärzten haben. Das ist das einzige Kriterium für Qualität – und nicht sehr aussagekräftig.
Lauterbachs Krankenhausreform
Die noch von der Ampel-Koalition beschlossene Reform soll finanziellen Druck auf die Kliniken mindern und komplexe Behandlungen stärker in spezialisierten Häusern konzentrieren. Grundlage der Finanzierung durch die Krankenkassen sollen neue „Leistungsgruppen“ sein. Sie sollen Klinik-Behandlungen genauer beschreiben und einheitliche Qualitätsvorgaben etwa bei Personal oder Behandlungserfahrung durchsetzen. Engehausen sieht die Kriterien für die Ergebnisqualität kritisch.
Wird die Reform die bayerische Krankenhauslandschaft verändern?
Das wird sehr unterschiedlich sein. Die größeren Krankenhäuser werden weitgehend so weitermachen können wie bisher. In kleineren Häusern im ländlichen Raum wird es entweder die Fokussierung auf eine Basis- und Notfallversorgung mit weniger zusätzlichen Leistungen geben oder zu einer Spezialisierung als Fachkrankenhaus kommen. Das kann sinnvoll sein, vielleicht aber auch zu Lasten der Erreichbarkeit einer flächendeckenden Notfallversorgung gehen und den wirtschaftlichen Druck im ländlichen Raum noch weiter erhöhen. Da müssen wir genau aufpassen.
In welchen Regionen ist die Notfallversorgung gefährdet?
Dort, wo wir eine weniger hohe Bevölkerungsdichte haben, macht es die Reform ganz sicher nicht leichter. Die flächendeckende Notfallversorgung auf dem Land muss sichergestellt sein. Das wäre aber mit der Lauterbach‘schen Reform akut gefährdet gewesen. Deswegen ist es richtig, dass es laut dem Papier der Arbeitsgruppe Gesundheit gewisse Ausnahmen geben könnte.
Bayern drohen Klinikschließungen: „Da muss man kein Prophet sein“
Aber es wird trotz dieser Ausnahmen zu Klinikschließungen kommen?
Ja, es wird sicherlich zu Klinikschließungen kommen.
Auch in Bayern?
Auch in Bayern. Da muss man jetzt kein Prophet sein. Wir hatten in den letzten Jahren übrigens immer Klinikschließungen. In den letzten 20 Jahren hatten wir insgesamt zehn Prozent Schließungen. In den nächsten zehn Jahren könnten es bis zu 20 Prozent Schließungen oder Umwandlungen in sogenannte sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen sein. Das wäre aber aus unserer Sicht auch die Höchstgrenze. Für uns ist es nicht entscheidend, dass jedes einzelne Krankenhaus gerettet wird. Es gibt ja auch den medizinischen Fortschritt und mehr ambulante Möglichkeiten. Für uns ist wichtig, dass das Ganze in einem geordneten Prozess läuft und nicht an starren Vorgaben hängt, sondern die Potenziale der Kooperation und telemedizinischen Vernetzung klug genutzt werden
Sind die drohenden Klinikschließungen überhaupt auf Lauterbachs Reform zurückzuführen, oder hätte es sie ohnehin gegeben?
Die Schließungen und Insolvenzen der letzten Jahre gab es leider aufgrund der Unterfinanzierung. Aber: Lauterbachs Reform ändert nichts an dieser Unterfinanzierung und dieser kalte Strukturwandel würde trotz der Reform weitergehen. Eine neue Regierung muss die Krankenhausreform mit ausreichender Selbstreflexion an den handwerklich schlechten Stellen nachbessern. Dann kann die Reform wirklich gut werden.
Was wünschen Sie sich sonst von einer neuen Bundesregierung?
Wir brauchen weniger Bürokratie und mehr digitale Vernetzung und Patientensteuerung. Bei der elektronischen Patientenakte sehen wir leider aktuell noch keinen Nutzen, obwohl es große Chancen gibt. Wenn ein Patient in die Notaufnahme kommt und nicht ansprechbar ist, dann sollte die elektronische Patientenakte als Standard genutzt werden können. Aber da gibt es bisher keine Regelung.
Im Koalitionsvertrag wird das Thema nur kurz angeschnitten. Wie zufrieden sind Sie mit den Ergebnissen?
Es wird ein Paket mit kurzfristigen Stabilisierungen und tiefgreifende Reformen angekündigt, was wir für richtig halten. Zur kurzfristigen Stabilisierung lesen wir aus dem Koalitionsvertrag auch den dringend notwendigen Inflationsausgleich heraus. Umso mehr ist uns bewusst, dass nun auch wir gefordert sind, unseren Beitrag zu leisten. Daher bieten wir für die geplanten Kommissionen ausdrücklich unsere Unterstützung an, um das Gesundheitswesen insgesamt besser und für die Beitragszahler finanziell tragfähig zu machen. Dazu gehört auch die Weiterentwicklung in der Pflege.
Das heißt?
Die sehr gut ausgebildeten Pflegekräfte haben oft eine viel breitere Kompetenz, als heute eingesetzt werden darf. Wir sehen große Potenziale, durch mehr Prävention insbesondere auf kommunaler Ebene, ein verbindliches ambulantes Primärarztsystem, eine Notfallreform und bessere digitale Vernetzung sowie ein neues Verständnis in der Pflege, die Behandlungsbedarfe zu senken und Doppeluntersuchungen zu vermeiden. Dazu stehen richtige Punkte im Koalitionsvertrag und wir sind bereit, diese Punkte aktiv zu unterstützen. Im Papier finden sich auch Ankündigungen zum Bürokratieabbau, wodurch sich der Fokus hoffentlich wieder stärker auf die Versorgung der Patienten und Patienten statt auf die Verwaltung richten kann. Dies ist alles richtig, aber es wird auf die praktische Umsetzung ankommen.
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War Karl Lauterbach in der praktischen Umsetzung zu schlecht?
Leider ja.
Das heißt, Sie finden es gut, dass das Gesundheitsministerium an die CDU gehen wird?
Man muss anerkennend sagen, dass Herr Lauterbach durchaus mutig war. Am Ende hat der Mut nur nicht zu einer guten Lösung, sondern zu komplizierten Gesetzen geführt. Darauf kann zwar aufgebaut werden, aber hoffentlich mit mehr gesundem Menschenverstand und Verständnis für die praktische Umsetzung durch die Menschen, die tagtäglich im Gesundheitswesen tätig sind. Wir setzen sehr darauf, dass aus Fehlentwicklungen der Vergangenheit gelernt wird, wozu aus unserer Sicht auch richtigerweise eine Aufbereitung der Coronapandemie gehört.
Auch das steht im Koalitionsvertrag. Sie sind also insgesamt zufrieden?
Das Papier passt. Zufrieden sind wir dann, wenn den Worten auch Taten folgen. Wir sind bereit, unseren Beitrag dafür zu leisten.
Interview: Andreas Schmid