Notgedrungen Soldat: Putin schickt arbeitslose Afrikaner in den Fleischwolf

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Aus der Not in den Tod – statt einer Perspektive erhalten Ahnungslose einen Minengürtel: Experten sehen in Putins Rekruten eine Gefahr für die NATO.

Moskau – „Die meisten Männer gaben an, getäuscht worden zu sein“, schreiben Rael Ombuor und Katharine Houreld. Die beiden Autoren der Washington Post halten fest, worüber die Welt sich gruselt: Wie ehemalige Rekruten und deren Angehörige berichtet hätten, würden Hunderte Kenianer vom russischen Militär für den Einsatz an der Front in der Ukraine rekrutiert. Dem russischen Diktator Wladimir Putin schwappen im Ukraine-Krieg die immensen Verluste seiner „Fleischwolf“-Angriffe offenbar über das Maß, das er seiner eigenen Bevölkerung zumuten kann. Aber ist das schon ein Zeichen für ein baldiges Ende seiner „Spezialoperation“? Wohl eher eine Gefahr für die Verteidigung der westlichen Wertegemeinschaft.

Spätestens seit dem Einsatz Tausender nordkoreanischer Soldaten zur Verteidigung der Front bei Kursk ist bekannt, dass die russischen Invasionstruppen zu schwach sind, um entscheidende Schläge gegen die ukrainischen Verteidiger zu führen. Aber laut Ombuor und Houreld habe die Washington Post aufgedeckt, dass der Horror weit größer ist als bisher angenommen – die Autoren betiteln Putins Rekrutierung als ein „weitverzweigtes, geheimes Netzwerk, das sich von Nairobi bis in die Wälder der Ostukraine erstreckt“. „Die russische Rekrutierung in Kenia ist weit verbreiteter und tödlicher als bisher angenommen, und die Bemühungen erstrecken sich über den gesamten Kontinent.“ Internationale Kämpfer in Kriegen sind die Regel. Auf beiden Seiten.

Ukraine-Krieg: Grundsätzlich scheint Russland Söldner aggressiver zu rekrutieren

Grundsätzlich scheint Russland Söldner aggressiver zu rekrutieren – die Financial Times berichtete Ende 2024 von Anwerbungen jemenitischer Söldner, die eher Menschenhandel als einem Vertragsverhältnis geglichen hätten, wie das Blatt nahe gelegt hatte. Auch zwei chinesische Söldner in russischer Uniform waren vor einiger Zeit von der Ukraine der internationalen Presse vorgestellt worden; die beiden Chinesen berichteten von falschen Versprechungen durch die russischen Werber. Laut dem Tagesspiegel seien 1.400 Männer aus 36 afrikanischen Ländern im Ukrainekrieg in russische Uniformen gepresst worden. Viele von ihnen offenbar gegen ihren Willen. CNN schickt sich an, mit einem menschenverachtenden Video den Beweis dafür zu führen.

„Es gilt, die zugrunde liegenden sozioökonomischen Schwachstellen anzugehen, die von Russland ausgenutzt werden, einschließlich der globalen Ungleichheiten, die solche Rekrutierungsstrategien wirksam machen.“

„Francis Ndarua aus Kenia trägt eine Uniform der russischen Armee und blickt verstört in die Kamera. Um seine Brust ist eine Landmine geschnallt – offenbar ist der 35-Jährige Teil eines Selbstmordkommandos“, schreibt Paul Starzmann über den Clip auf dem US-Nachrichtenkanal. Allerdings räumt der Tagesspiegel-Autor ein, dass Ort und Quelle unbekannt seien; auch dass die Aufnahmen von einer Front in der Ukraine stammten, sei lediglich eine Vermutung. Das Schicksal des „zwangsrekrutierten“ Afrikaners sei ebenfalls unbekannt. Wie seine Mutter Anne Ndarua gegenüber CNN geäußert habe, stamme das letzte Lebenszeichen von ihrem Sohn aus dem Oktober 2025.

Ein verdeckter russischer Soldat lädt eine Kanone mit einer Granate nach.
Kanonenfutter: Russland rekrutiert verstärkt auf dem afrikanischen Kontinent, um seine stark gelichteten eigenen Reihen aufzufüllen, ohne dass in der Heimat protestiert würde und der Krieg weiter laufen kann. Medienberichte legen nahe, dass Wladimir Putin Schwarzafrikaner als Selbstmordattentäter an die Fronten des Ukraine-Krieges schickt. © IMAGO/Alexei Konovalov

Die Geschichten mehrerer solcher Schicksale ähneln sich, und deren Perfidie liegt darin, dass Wladimir Putins Häscher Menschen aufgrund ihrer fehlenden Informationen und ihrer Not durch den Fleischwolf drehen können. Laut CNN sei Francis Ndarua ein Elektroingenieur aus einem Vorort von Nairobi – die Jobsuche habe ihn Putins Menschenfängern in die Arme getrieben. Für 620 Dollar Handgeld habe ihn ein Agent nach Russland in eine Arbeit vermitteln sollen. Offenbar werbe Russland mit Vakanzen, die von vornherein zu schön sind, um wahr zu sein. „18.000 US-Dollar, Visum, Arbeitsvertrag, Kost und Logis. Doch statt eine Karriere im Ausland zu beginnen, finden sie sich nach einer kurzen Grundausbildung an der Front wieder“, schreibt Starzmann über den Ausgang dieser Bewerbungsverfahren.

Putins Heer: „Der Buryate als eine von 160 Ethnien in Russland weiß nicht, was ihn an der Front erwartet“

Russland rekrutiere Bürger aus Entwicklungsländern für den Krieg gegen die Ukraine und biete dabei mehr als nur gute Bezahlung, hatte bereits Ende des zweiten Kriegsjahres die Deutsche Welle berichtet – weil die Verluste eben da schon überbordend gewesen waren. Nordkoreanische Truppen waren auch zu der Zeit bereits offenbar nur eine Quelle, aus denen Wladimir Putin ausheben ließ, um die eigene Bevölkerung von den menschlichen Kosten seines völkerrechtswidrigen Feldzugs freizuhalten, so die DW-Autorin Hanna Sokolova-Stekh. Auch aus den fehlenden Informationen seiner eigenen Bevölkerung schlägt der Kreml Kapital. „Russland beginnt eigentlich erst hinter dem Ural – in Städten, deren Namen Sie vermutlich noch nie gehört haben, mit Straßen, die bis heute nicht asphaltiert sind“, sagt Markus Reisner. 

Der Oberst des österreichischen Bundesheeres hatte im Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr eine Lagebeurteilung abgeben; die fiel ernüchternd aus. „Dort sind 50.000 Euro mit einer Bonuszahlung von bis zu 16.000 Euro viel Geld – das Fünffache vom Durchschnittseinkommen. Und der Buryate als eine von 160 Ethnien in Russland weiß nicht, was ihn an der Front erwartet. Und wenn er dann dort ist, dann ist es zu spät. Und wenn der sich umdreht, dann steht dort wie vor 80 Jahren ein Kommissar und zeigt ihm den Weg an die Front.“ Reisner zufolge schiebe der Russe nach – bis zu 30.000 Mann pro Monat.

Bedrohung der NATO: „Charmeoffensiven“ auf dem afrikanischen Kontinent

„Russlands Schattenkämpfer“ nennen diese Truppen Karen Philippa Larsen und Signe Marie Cold-Ravnkilde; vor allem diejenigen aus dem Ausland. Die beiden Analystinnen des „Danish Institute for International Studies“ (DIIS) sehen darin eine Folge des globalisierten Arbeitsmarktes – den sich auch Militärs zunutze machen; und was eine Bedrohung darstellen wird für die westliche Wertegemeinschaft, wie sie die NATO zu verteidigen sucht. Larsen und Cold-Ravnkilde plädieren für ein „differenzierteres Verständnis der russischen Schattensoldaten“, wie sie schreiben; und offenbar auch für ein differenziertes Verständnis von Putins Personalgewinnung: „Viele von ihnen streben nach einer besseren Zukunft, werden jedoch von strukturellen Ungleichheiten und begrenzten Möglichkeiten angetrieben und versuchen aktiv, ihr Leben zu verbessern und ihre Familien zu unterstützen.“

In letzter Konsequenz könnte Russland einen Krieg der schieren Masse in noch größeren Dimensionen führen aufgrund seiner „Charmeoffensiven“ auf dem afrikanischen Kontinent, wie der ukrainische Botschafter in Südafrika, Olexander Scherba, gegenüber dem britischen Telegraph geäußert hat. Der in Ghana sitzende Thinktank „Afrobarometer“ schätzt, dass mehr als 121 Millionen junge Afrikaner arbeitslos seien oder der Schule fernblieben. Nosmot Gbadamosi sieht daher eine Gefahr mittelbar für die NATO beziehungsweise unmittelbar für die Ukraine in der schweren ökonomischen Krise auf dem afrikanischen Kontinent und der Tatsache, dass „die Jugendbevölkerung das Angebot an Arbeitsplätzen deutlich übersteigt“, wie sie in Foreign Policy schreibt.

Dabei verändert Wladimir Putin seine Strategie möglicherweise dahingehend, dass er keine regulären Einheiten mehr aufstellt, wie mit den Nordkoreanern, die mit Uniformen, russischen Papieren und Waffen ausstaffiert und ausgebildet werden mussten. Laut dem Telegraph beziehungsweise dem von CNN veröffentlichten Video würden die Afrikaner als Selbstmordattentäter erst recht als Kanonenfutter rekrutiert und eingesetzt. Sie hätten sogar Kredite aufgenommen, um die Formalien für ihren Stellenantritt in Russland zu finanzieren – entweder in einer Shampoofabrik oder einem Supermarkt, schreibt Ben Farmer. Einige wenige wiederum hätten anscheinend gewusst, worauf sie sich einließen, so der Telegraph-Autor.

Unbestreitbar sind diese Rekrutierungen einer der Gründe, warum sich der Ukraine-Krieg über die Zeit schleppt. Das Reservoir der notgedrungenen Teilnehmer scheint einfach unerschöpflich zu sein, was auch die dänischen DIIS-Analystinnen Karen Philippa Larsen und Signe Marie Cold-Ravnkilde als Hebel für einen Frieden ansehen: „Es gilt, die zugrunde liegenden sozioökonomischen Schwachstellen anzugehen, die von Russland ausgenutzt werden, einschließlich der globalen Ungleichheiten, die solche Rekrutierungsstrategien wirksam machen.“ (Quellen: Danish Institute for International Studies, Afrobarometer, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Washington Post, Financial Times, CNN, Tagesspiegel, Deutsche Welle, Telegraph, Foreign Policy) (hz) 

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