Chaos bei Behörde – Angestellte lässt Frust freien Lauf: „Mitarbeiter sind am Ende“

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Die Zustände in der Ausländerbehörde in Stuttgart sind alarmierend. Eine Mitarbeiterin offenbart jetzt, wie schlimm das Ausmaß ist.

Stuttgart - Um sich ein Bild vom Chaos bei der Ausländerbehörde zu machen, genügt ein Blick in die Google-Bewertungen. „Ich bin absolut entsetzt über die Ausländerbehörde Stuttgart“, schreibt Dunyo Nozilov. Seine Erfahrungen seien durchweg „katastrophal“: „Es ist nahezu unmöglich, jemanden telefonisch zu erreichen. Ich habe buchstäblich über 1000 Mal versucht anzurufen, aber niemand geht ran. Die Leitung ist entweder ständig besetzt oder es geht einfach niemand ans Telefon. Auch per E-Mail ist keine Kommunikation möglich.“

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„Freunde sind in ihre Heimat zurückgeflogen“

Was Nozilov erlebte, deckt sich mit vielen weiteren Erfahrungen. Eklatant dabei: Für viele Betroffene geht es um Anliegen rund um ihren Aufenthaltsstatus. Sprich, sie sind auf die Behörde existenziell angewiesen. Davon berichtet David in einer Rezension: „Das Problem ist, dass diese Behörde nicht in der Lage ist, Anträge in der Zeitspanne zu bearbeiten, innerhalb der man seinen Aufenthaltstitel erneuern muss. Ich habe mehrmals aus erster Hand erfahren, dass Freunde kurzzeitig nicht arbeiten dürfen oder für zwei Monate in Ihre Heimat zurückgeflogen sind, bis sie wieder einen Aufenthaltstitel mit Arbeitsgenehmigung bekommen. Das, obwohl sie alles fristgerecht eingereicht haben.“

Zustände, die Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) herunterspielt. Zuletzt behauptete er in einem Fernsehinterview, in dem er letztlich sogar ausrastete, dass es in anderen Ausländerbehörden noch schlimmer zu gehe. Dass es jedoch gar nicht viel schlimmer zu gehen kann, unterstreicht eine Aussage einer seiner Angestellten. „Die Stimmung ist am Boden, die Mitarbeiter am Ende – und die Stimmung bei den Kunden ist nicht viel besser“, wird Dienststellenleiterin Ilona Schuster von der Stuttgarter Zeitung zitiert.

Vor der Ausländerbehörde in Stuttgart bilden sich regelmäßig lange Warteschlagen.
Vor der Ausländerbehörde in Stuttgart bilden sich regelmäßig lange Warteschlagen. © Bernd Weißbrod/dpa

Inzwischen ist die Anzahl potenzieller Antragsteller auf 126.000 gestiegen

Wie eingangs von Betroffenen beschrieben, beklagt auch sie, die zu wenigen Termine. Außerdem beschwert sich Schuster darüber, dass immer noch Fiktionsbescheinigungen statt richtigen Aufenthaltsgenehmigungen ausgestellt würden. Durch Fiktionsbescheinigungen kann lediglich ein vorläufiges Aufenthaltsrecht nachgewiesen werden.

Die Hauptursache des Chaos bei der Ausländerbehörde in Stuttgart liegt auf der Hand: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind überfordert. Einer der Verantwortlichen ist Susanne Scherz, sie ist Leiterin des Ordnungsamts, zu dem die Ausländerbehörde gehört. Ihren Angaben nach seien 30 Prozent der Stellen unterbesetzt.

Eine Situation, die aussichtslos scheint. Denn immer mehr Menschen wollen sich einbürgern lassen. Wie die Stuttgarter Zeitung schreibt, hat sich die Anzahl der potenziellen Antragsteller von 90.000 auf 126.000 erhöht und von Juli bis Oktober gab es demnach 2500 Neuanträge, was einer Verdoppelung entspricht. Die Wartezeit der Betroffenen erhöht sich dementsprechend ebenfalls von neun auf 18 Monate.

Um den Ansturm zu bewältigen, hat der Gemeinderat jüngst zehn weitere Stellen bewilligt. Aktuell sind es 30, wobei rechnerisch 72 nötig wären. Scherz blickt dennoch positiv in die Zukunft. Sie spricht von Verbesserungen der Abläufe im Kundenservice und interner Prozesse. Erfolgversprechend klingen die Ansätze allerdings nicht und ausbaden müssen es letztlich die Betroffenen, die sich regelmäßig verzweifelt mit dem Chaos bei der Ausländerbehörde auseinandersetzen müssen.

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