Polen hat die größte Armee der EU aufgebaut, aber die Bedrohung hat sich verändert

  1. Startseite
  2. Politik

Kommentare

Soldaten der polnischen Armee (Symbolbild). © Klaudia Radecka/Imago

Polen hat seine Armee massiv ausgebaut. Doch die Bedrohung durch Drohnen zeigt neue Schwächen auf. Die Frage bleibt, ob die Anpassungen ausreichen. Eine Analyse.

Warschau – Regierungen begannen damit, ihre Streitkräfte auszubauen. Fabriken stellten von zivilen Produkten auf Panzer und Jets um. Angestoßen von US-Präsident Donald Trump verpflichteten sich die NATO-Mitglieder Europas im vergangenen Jahr, fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Sicherheit, Verteidigung und verwandte Infrastruktur auszugeben.

Während einige Länder noch mit dem früheren NATO-Ziel von zwei Prozent des BIP für Verteidigung rangen, lag Polens Quote im vergangenen Jahr bei 4,7 Prozent – dem höchsten Wert in der Allianz. Das Land ist das fünftbevölkerungsreichste der Europäischen Union und ihre sechstgrößte Volkswirtschaft, verfügt aber über die größte stehende Armee im Block.

The Washington Post vier Wochen gratis lesen

Ihr Qualitäts-Ticket der washingtonpost.com: Holen Sie sich exklusive Recherchen und 200+ Geschichten vier Wochen gratis.

Eine neue Bedrohungslage für Europas Verteidigung

Während Europa sich auf die doppelten Bedrohungen durch russische Aggression und US-Gleichgültigkeit vorbereitet, ist Polen zumindest nach den Zahlen bereits dort angekommen. Das Problem ist, dass sich die Natur der Bedrohung verändert hat, während die Staaten fieberhaft ihre Fähigkeiten ausbauen.

Russische Drohneneinsätze im polnischen Luftraum und die Sabotage einer wichtigen Bahnlinie haben die Grenzen einer herkömmlichen Armee aufgezeigt. Polen hat eine solche Armee erfolgreich aufgebaut. Doch sie stößt im Kampf gegen hybride Kriegsführung an ihre Grenzen. Zweifellos ist Polen ein europäisches Vorbild für Militarisierung. Ob diese Militarisierung aber zur neuen, sich schnell verändernden Risikolandschaft passt, ist unklar.

„Wir haben uns auf eine eher konventionelle Art von Krieg vorbereitet“, sagte der polnische Vizeverteidigungsminister Pawel Zalewski in einem Interview. „Nun zeigt sich, dass billigere Mittel, konkret Drohnen, sehr effektiv sein und an der Front entscheidende taktische Vorteile verschaffen können – vor allem im Vergleich zu teuren, konventionellen Waffensystemen.“

Abhängigkeit von den USA bleibt bestehen

Am Montag hielt NATO-Generalsekretär Mark Rutte den europäischen Staats- und Regierungschefs einen Realitätscheck. Europa müsse sich nicht einbilden, sich ohne die Vereinigten Staaten verteidigen zu können – insbesondere nicht ohne das abschreckende Potenzial des US-Atomwaffenschirms.

„Wenn hier jemand meint, die Europäische Union oder Europa insgesamt könne sich ohne die USA verteidigen, der soll mal weiterträumen“, sagte Rutte in einer Rede vor dem Europäischen Parlament. „Das geht nicht. Wir können das nicht. Wir brauchen einander.“

„Wenn Europa wirklich alleine dastehen will … reichen fünf Prozent niemals“, führte Rutte weiter aus. „Dann braucht ihr zehn Prozent. Und ihr müsstet eine eigene nukleare Abschreckung aufbauen. Das kostet Milliarden über Milliarden Euro. Das bedeutet aber auch: Ihr würdet den ultimativen Garanten unserer Freiheit verlieren – den US-amerikanischen Nuklearschirm. Viel Erfolg, würde ich sagen.“

Weder Hightech noch Abschreckung – Europas Dilemma

Europäische Staaten stecken damit in der Zwickmühle: Ihnen fehlen sowohl die ganz großen Waffen als auch die jüngste, flexible Drohnentechnologie.

„Man kann nicht jedes Mal Kampfjets losschicken, um ein paar Drohnen abzuschießen“, sagt Kai-Olaf Lang, Politikwissenschaftler und Polen-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Das ist leicht gesagt. Aber was tun, wenn man die Abwehrsysteme noch gar nicht hat?“

Einer der größten Weckrufe kam eines Nachts im September, als rund 20 russische Drohnen in den polnischen Luftraum eindrangen. Polen und NATO-Kräfte schossen mehrere von ihnen ab – ein Vorfall, den Politiker wie Analysten als Test von Wladimir Putin für die NATO-Verteidigung werteten. Seither schickte Polen mehrfach Jets in den Himmel, um auf Raketen- und Drohnenangriffe Russlands gegen die Ukraine nahe der polnischen Grenze zu reagieren.

Im November wurde eine Eisenbahnlinie gesprengt, über die Hilfsgüter für die Ukraine durch Polen transportiert wurden – für Premierminister Donald Tusk ein „noch nie dagewesener Sabotageakt“. Außenminister Radoslaw Sikorski warf Russland „Staatsterrorismus“ vor.

Hybride Bedrohungen für Polen: Desinformation und Sabotage

Polnische soziale Netzwerke wurden zeitgleich mit Desinformationskampagnen geflutet, die die Polen spalten sollten – etwa mit der Behauptung, die Drohnen seien ukrainisch. Viele der Beiträge kamen laut Experten offenbar aus russischer Quelle oder von Bots.

Polen arbeitet daran, sich gegen hybride Kriegsführung zu wappnen. Nach den Drohnenangriffen im September habe man erkannt, wie schnell die Luftverteidigung – gerade gegen Drohnen – verstärkt werden müsse, sagte Zalewski. „Wir treiben das so zügig wie möglich voran.“

Ob diese Bemühungen ausreichend sind, ist umstritten. Tomasz Szatkowski, ehemaliger Vizeverteidigungsminister und Ex-Botschafter bei der NATO unter der konservativen Vorgängerregierung, sorgt sich, dass die Reaktion der jetzigen Mitte-Links-Regierung zu „provisorisch, improvisiert“ sei.

„Obwohl wir grundsätzlich in die richtige Richtung gehen, bin ich immer mehr überzeugt, dass jetzt eine grundlegende analytische und planerische Anstrengung auf strategischer Ebene notwendig ist“, so Szatkowski.

Die polnische Haltung: Historische und strategische Hintergründe

Polens Verteidigungsstreben hat laut Lang tiefe historische Wurzeln. Jahrhundertelang sei das Land „Spielball der Großmächte“ gewesen, eingezwängt zwischen Deutschland (früher Preußen) im Westen und Russland im Osten, die Polen gemeinsam mehrfach von der Landkarte radierten.

Nach dem Ende des Kommunismus 1989 versuchte Polen, eine erneute Dominanz durch große Nachbarn wie die Sowjetunion zu verhindern. „Das Ziel war, einen Zustand zu schaffen, in dem Polen kein einfaches Angriffsziel mehr für Aggressionen wäre“, sagt Lang.

Zwischen 2014 – als Russland die Krim annektierte – und 2025 hat Polen seine Streitkräfte etwa verdoppelt und die Militärausgaben verdreifacht.

Die Skepsis der Alliierten und der Wandel nach 2022

Polens Verbündete teilten die russlandkritische Haltung Warschaus jedoch nicht immer. „Wir hatten in Polen eine einheitliche Wahrnehmung der Bedrohung, die aber unsere engsten Verbündeten leider nicht teilten“, sagte Zalewski.

Das begann sich ab 2014 langsam zu ändern. Doch erst nach Russlands Großinvasion 2022 und insbesondere nachdem Trump klar machte, dass auf den Schutz durch die USA nicht immer Verlass sei, begannen auch Polens europäische Partner wirklich zu handeln – wenn auch oft weniger entschlossen als Warschau.

US-Unsicherheit und Polens Zukunftspläne

Doch wenn Trump Europa in Verteidigungsfragen in Bewegung gebracht hat, schafft er für Polen ein neues Problem.

„Die gesamte polnische Sicherheitspolitik beruhte auf funktionierenden transatlantischen Beziehungen und ganz enger Zusammenarbeit mit den USA“, sagt Lang. Viele konservative Polen stehen Deutschland und der EU skeptisch gegenüber und betrachten die USA als wichtigsten Verbündeten und Beschützer. Doch es ist ungewiss, wie entschlossen die Amerikaner Polen und Europa künftig noch verteidigen werden.

Besonders irritierend war es für viele Polen, als die US-Armee im vergangenen Jahr ankündigte, Personal und Material vom Flughafen Jasionka bei Rzeszów abzuziehen. Der Flughafen war seit 2022 Hauptdrehkreuz für Militär- und Hilfslieferungen in die Ukraine.

„Nach drei Jahren in Jasionka ist dies die Gelegenheit, unsere Präsenz neu auszurichten und den amerikanischen Steuerzahlern jährlich zig Millionen Dollar zu sparen“, sagte General Christopher Donahue, Chef der U.S. Army Europe and Africa.

Derzeit sind rund 8.500 US-Soldaten in Polen stationiert, erklärte Zalewski vergangene Woche vor dem Verteidigungsausschuss des Parlaments – der Großteil der etwa 9.900 Soldaten verbündeter Staaten im Land. Zu Beginn des Jahres 2025 waren es noch rund 10.000 US-Soldaten.

Neue Bedrohungsbewertung: Migration statt Russland

Der größere Schock folgte, als die Trump-Regierung im Dezember ihre nationale Sicherheitsstrategie veröffentlichte. Sie spielte die russische Gefahr herunter und rückte stattdessen die Risiken von Migration in den Vordergrund – und warnte vor einer drohenden „zivilisatorischen Auslöschung“ Europas.

Zalewski bemühte sich, die Strategie für Europa positiv zu deuten: Selbst wenn sie Dissens betone, zeige sie doch das amerikanische Interesse an europäischer Sicherheit und Stabilität. Aber er fügte hinzu: „Natürlich ist Russland die größte Gefahr. Ich würde ihn als existenzielle Bedrohung für Europa bezeichnen.“

Der Wandel, den Polen braucht

Um dieser Bedrohung wirksam begegnen zu können, braucht Polen laut Experten nicht nur eine strategische, sondern auch eine finanzielle Kurskorrektur. Polen hat große Summen in traditionelle Waffensysteme investiert, was derzeit erhebliche Mittel bindet, so Lang. Die entscheidende Frage sei: „Wie gelingt es uns, diese Systeme zu erhalten und gleichzeitig auf moderne, flexible Technologien wie Drohnen zu setzen?“

Zwar habe die Ukraine bewiesen, dass sich auch ein kleineres Land gegen Moskau behaupten könne. Doch Polens Ziel sei nicht ein Eins-gegen-Eins-Krieg mit Russland, sondern als Teil des NATO-Bündnisses die eigenen Fähigkeiten zu stärken, betonen Regierungsvertreter.

Dennoch, so Zalewski, könne eine starke polnische Armee eine abschreckende Wirkung entfalten. „Die Russen verstehen am besten die Sprache der Macht“, sagte er und ergänzte: „Russland greift nur Schwache an. Sie gehen keine Risiken ein.“

Zum Autor

Aaron Wiener ist Leiter des Berliner Büros der Washington Post und berichtet über Deutschland, Österreich, Polen und Ungarn sowie über allgemeine Nachrichten aus Europa. Zuvor war er als Reporter für Wohnungswesen und Herausgeber von Retropolis, der Geschichtsrubrik der Washington Post, tätig. Senden Sie ihm vertrauliche Hinweise über Signal @aaronwiener.37.

Dieser Artikel war zuerst am 28. Januar 2026 in englischer Sprache bei der „Washingtonpost.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.

Информация на этой странице взята из источника: https://www.merkur.de/politik/polen-hat-die-groesste-armee-der-eu-aufgebaut-aber-die-bedrohung-hat-sich-veraendert-zr-94143386.html