Rund 100 Totengräber, Bestatter, Leichenfrauen, Fahrer und Sargträger aus dem Raum südlich von München haben sich vor kurzem in Uffing am Staffelsee zum Austausch getroffen. Da gab es viel zu erzählen – Nicht nur Trauriges, auch lustige Anekdoten.
Uffing – Wer anderen die letzte Grube gräbt, erlebt die unwirklichsten Geschichten. Sepp Schmid aus Bichl, ehemaliger Totengräber und Bürgermeister des Dorfes, war dabei, wie Handys im offenen Grab klingeln. Quasi eine letzte Nachricht des Toten. Herbert Gretschmann, Uffings ewiger Totengräber, bekam einmal das falsche Grab gesagt, das es auszuheben galt. Bei der Beerdigung fiel es auf, man schickte die Trauergemeinde heim und traf sich zwei Tage später wieder. Solche Anekdoten sorgen dafür, dass sie den Humor nicht verlieren bei dieser – im Wortsinn – todtraurigen Beschäftigung. Sie, das sind die Totengräber, Bestatter, Leichenfrauen, Fahrer, Sargträger dieses Landstrichs südlich von München. Einmal im Jahr kommen sie am Kirchweih-Montag zusammen. Sie beten und singen in der Kirche, sie essen und ratschen im Wirtshaus. Diesmal trafen sich etwa 100 Frauen und Männer in Uffing.
Herbert Gretschmann und seine Frau Elisabeth, die Leichenfrau des Dorfes, sitzen in der ersten Reihe. Sie haben das Treffen der Totengräber, das es seit 40 Jahren gibt, hierher gebracht. Auch wenn sie das nicht so gerne laut sagen. Sie sind Menschen, die den Mittelpunkt meiden. An diesem Tag aber ging das nicht. Denn nach 40 Jahren im Dienst der Gemeinde hört Herbert Gretschmann auf. „Weil’s nimmer geht und die Rente ansteht“, sagt er. 1983, Gretschmann erinnert sich noch gut, gab’s diese Stellenausschreibung der Gemeinde. Als gelernter Maurer wusste er freilich, wie man anpackt. Und dann war da damals noch die latente Angst im Ort vor den Bestattungsinstituten. Bevor der letzte Dienst also von anonymen Mitarbeitern verrichtet wird, sagte sich Gretschmann: „Ich mache das für Uffing. Uns kennt man im Ort. So kommt kein Fremder ins Haus.“
Bei dieser Arbeit geht es nicht nur darum, eine Schaufel, einen Schubkarren und einen Pickel bedienen zu können, sondern um Nähe und um Vertrauen. Manche Familiengräber in Uffing hat Gretschmann im Laufe der vier Jahrzehnte dreimal ausgehoben. Zwischen 25 und 30 Beerdigungen begleitet er pro Jahr. Das Sterben im Jahr 2024 hat sich verändert. Im Gemeindegebiet gibt es drei Friedhöfe auf 11 500 Quadratmetern, 623 Gräber, Urnenbestattung, ein anonymes Grabfeld, Gemeinschaftsgräber, Baumbestattung – und „Gott sei Dank auch noch den Leichenzug als letztes Geleit“, sagt Andreas Weiß. Der Bürgermeister des Ortes spricht von „Veränderung im Bestattungswesen“, die sich überall breit macht. Der Aufwand soll oft so gering wie möglich gehalten werden. Immer seltener finden sich Menschen aus dem Dorf, die einen Leichnam zur letzten Statt tragen. „Der Bezug zueinander geht ab“, sagt Weiß. Wie gut, dass es da noch Männer und Frauen wie die 100 in Uffing gibt. Als kleines Präsent schenkte er jedem ein Flascherl Kirschgeist. „Damit ihr mim Boandlkramer noch ein Jahr aushalten könnt“, witzelte Weiß.
Niemals hätte Sepp Schmid gedacht, dass dieser Männerausflug vor 40 Jahren einmal so endet. Mit vier weiteren Bichlern, die sich gemeinsam um den örtlichen Friedhof sorgten, machten sie sich damals mit ihrem Lohn in der Tasche auf an den Tegernsee. Sie trugen – wie heute noch – schwarze Hüte. Im Bräustüberl aßen sie zu Mittag und wie es der Zufall sich erdacht hat, saßen am Stammtisch nebenan ebenfalls Totengräber der Gegend. Man kam ins Gespräch, verabredete sich und sah sich schon ein Jahr später in Kreuth wieder. „10, 20 Leute waren’s beim ersten Mal“, sagt Schmid. Vor 30 Jahren kamen sie dann offiziell zusammen, die Totengräber Oberbayerns und Oberösterreichs. Seitdem wird die Adressenliste von Totengräber zu Totengräber weiter gegeben. „Wir sind eine freiwillige, lockere Gemeinschaft“, sagt der Bichler, der kürzlich ebenfalls nach 40 Jahren seinen Posten abgegeben hat. Was alle Totengräber verbindet, ist der schwarze Humor. Einmal, das muss locker 15 Jahre her sein, organisierten sie gar ein Fußballspiel: Totengräber gegen Hochzeitslader. Trainer der Bestatter: Sepp Schmid. Coach der Hochzeitslader: Anton Speer, heute Landrat. „Eine saunette Sache“, erinnert sich Schmid. Die Fotos und Trikots von damals liegen heute noch bei ihm daheim herum.
Solche G’schichterln erzählen sie in Uffing zuhauf. Gegenüber von Herbert Gretschmann sitzt sein Nachfolger und Schwiegersohn: Anton Hirschvogl, von jedem Toni genannt. Seit 2016 arbeitet er am Uffinger Bauhof und hilft Gretschmann bei den Bestattungen. „Es hat sich abgezeichnet, dass ein Übergang ansteht“, sagt Hirschvogl. Und er hat Ja gesagt, damit die Tradition im Dorf nicht verloren geht. Gemeinsam mit Alois Buchner öffnet er nun die Gräber, bringt den Blumenschmuck an, hilft den Trägern und dem Pfarrer. Ob er das auch 40 Jahre machen möchte, fragt man ihn im Wirtshaus. „Ich kann nicht sagen, was die Zukunft bringt“, antwortet er.
Gretschmann hat mit seiner Arbeit ein Dorf geprägt. An die 900 Sterbefälle begleitete er, war oft der erste Gesprächspartner für Angehörige und Freunde. „Du hast uns hervorragende Dienste geleistet“, betont Weiß. Zum Abschied überreichte er einen Zuschuss für die nächste Reise in die Oberkrain. Gretschmanns große Leidenschaft ist die Musik, er dirigierte seine eigene Big Band. Ja, der Mann, der die Toten unter die Erde bringt, liebt das Leben. Oder wie es Kollege Sepp Schmid vor Jahren mal ausgedrückt hat: „Mir wurde mal gesagt: ,Lebe jeden Tag so, als ob es dein letzter wäre. Dann kannst du ohne schlechtes Gewissen sterben‘.“