Vor der Bundestagswahl findet traditionell die – nicht ganz repräsentative – U18-Wahl in Schulen und Jugendzentren statt, um auf die Themen der Minderjährigen aufmerksam zu machen. Bei der Jugend im Wahlkreis Starnberg-Landsberg am Lech liegen Linke und AfD im Vergleich zu 2021 hoch im Kurs, während sich die Ergebnisse von Grünen und FDP halbiert haben.
Landkreis - Wenn Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren wählen dürften, sähe die politische Landschaft ganz anders aus. Die CSU hätte im Wahlkreis Starnberg-Landsberg am Lech nur 20,5 Prozent erreicht, während die Union in den Wahlumfragen bei den Erwachsenen auf rund 30 Prozent kommt. Bei den Jugendlichen besonders weit vorne liegt die Die Linke mit 17,6 Prozent an zweiter Stelle, bundesweit ist die Partei mit 20,8 Prozent sogar auf Platz eins gelandet. Die AfD (14,9 Prozent), SPD (12,5) und Grüne (11,6) schneiden bei den Jugendlichen des Wahlkreises schlechter ab. Die FDP liegt zwar trotzdem nur auf Platz sechs, im Wahlkreis mit 7,7 Prozent allerdings weit über dem bundesweiten Ergebnis von nur 3,4 Prozent.
Die U18-Wahlen finden bundesweit vor Wahlen statt. Weil Minderjährige keine Stimme haben, soll ihnen so trotzdem Gehör verschafft werden. „Viele Parteien interessieren die Meinungen der Jugendlichen nicht, weil sie nicht mitwählen dürfen“, sagt Claus Piesch, Vorsitzender des Kreisjugendrings Starnberg, der die Abstimmung organisiert hat, im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. „Wir wollen deutlich machen, was die Themen der Jugendlichen sind.“
Die Linke und die AfD konnten ihre Ergebnisse im Vergleich zur U18-Wahl 2021 ungefähr verdreifachen, während Grüne (2021: 23,1 Prozent) und FDP (2021: 16,2 Prozent) jeweils mehr als halbiert wurden. Die CSU blieb relativ gleich, die SPD verlor zwei Prozentpunkte.
U18-Wahl: Abstimmung in 15 Wahllokalen
Prof. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für politische Bildung Tutzing, geht in ihrer Analyse für den Starnberger Merkur auch auf den Unterschied zwischen dem Wahlkreis- und dem Bayernergebnis ein: „Die AfD schneidet mit 14,5 Prozent bei den unter 18-Jährigen im Wahlkreis Starnberg-Landsberg schwächer ab als im restlichen Bayern (18 Prozent). Das hat möglicherweise mit den unterdurchschnittlichen Arbeitslosenquoten in den Landkreisen Starnberg und Landsberg zu tun, also der besseren wirtschaftlichen Lage“, schreibt Münch und fügt hinzu: „Die Erfahrung von Arbeitslosigkeit im eigenen Umfeld begünstigt nämlich die Wahl einer populistischen oder extremistischen Partei.“
Erststimmen standen – wie noch 2021 – diesmal in der Region nicht zur Wahl, da die U18-Wahlen immer vor der Bundestagswahl stattfinden und zum Zeitpunkt der Organisation noch nicht alle Direktkandidaten und -Kandidatinnen feststanden.
Insgesamt haben im Wahlkreis 1257 Kinder und Jugendliche in 15 Wahllokalen gewählt, die sich in Jugendfreizeiteinrichtungen und Schulen befanden. Zum Beispiel im Gymnasium Tutzing, im Gautinger Jugendzentrum oder im Herrschinger Haus der Jugend namens „Stellwerk“. Eine Altersbegrenzung nach unten gibt es übrigens nicht. „Ganz repräsentativ ist die Wahl aktuell leider nicht“, stellt Piesch fest. Viele Schulen, die die letzten Male an der U18-Wahl teilgenommen hatten, hätten sich dem Gegenangebot, den Juniorwahlen, angeschlossen. Der vom Berliner Verein Kumulus organisierte Wahlprozess wird mit Wahlbenachrichtigung und Wählerverzeichnis mehr wie eine tatsächliche Wahl simuliert. Dies würden viele Schulen zur Demokratiebildung bevorzugen, sagt Piesch. Er bedauert das: „Die Ergebnisse der Juniorwahl werden erst am Abend des Wahltages, also nach der Stimmabgabe, veröffentlicht, der Effekt bleibt so aus.“
Von Leona Sophie Müller
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Politikexpertin Prof. Ursula Münch über das U18-Wahl-Ergebnis
Tagesschau, Bayerisches Fernsehen, Deutschlandfunk: Prof. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für politische Bildung Tutzing, ist vor der Bundestagswahl sehr gefragt. Für den Starnberger Merkur ordnet die Politikexpertin das Ergebnis der U18-Wahl ein. Die 64-Jährige über...
... das starke Abschneiden von AfD und Linke: „Der Hauptgrund ist die TikTok-Präsenz einzelner Politiker. Die unter 18-Jährigen verbringen bekanntlich sehr viel Zeit auf TikTok und Instagram, und für viele von ihnen sind die Social-Media- die einzigen Kanäle – außer persönlichen Gesprächen –, über die sie in Kontakt mit politischen Inhalten kommen. Gerade die Debatten im Bundestag in der letzten Januarwoche gingen mit einer enormen Mobilisierung einher: Für die Linken war das vor allem Heidi Reichinnek. Gleichzeitig haben die Demonstrationen gegen die AfD eventuell auch zu Solidarisierungseffekten oder zumindest zu einem verstärkten Interesse an der AfD geführt. Meines Erachtens sympathisieren die Jüngeren nicht auf einmal durchgehend mit einer rechtsextremen Partei. Erstens besteht viel Unwissen, dass innerhalb der AfD autoritär-völkisches Denken weit verbreitet ist. Zweitens schürt die AfD in den digitalen Netzwerken systematisch Ängste, etwa vor den Folgen des Krieges, der Teuerung, aber auch vor tätlichen Übergriffen, etwa durch Flüchtlinge. Gerade junge Frauen scheinen systematisch verängstigt zu werden. Drittens: Insgesamt beobachten wir, dass Jugendliche massive Zukunftssorgen haben – und zwar nicht vor einer Klimakatastrophe wie zum Teil bei der letzten Bundestagswahl, sondern jetzt eher die Sorge vor wirtschaftlichem Abstieg. Auch dieses Thema spitzt die AfD in Sozialen Medien zu und heizt es an.“
... die starken Verluste der Grünen: „Das deutliche Abrutschen der Grünen führe ich auf die aktuelle Themensetzung in Politik, Gesellschaft und Medien zurück. Das war im Vorfeld der letzten Bundestagswahl völlig anders: Der Bewegung „Fridays for Future“ gelang es, Erderwärmung und Klimakrise zum zentralen Thema des Bundestagswahlkampfs zu machen. Nun wurden durch Krise und Attentate völlig andere Themen gesetzt.“
... und der FDP: „Die Erfolge der FDP bei der letzten Bundestagswahl bei den Erstwählern sowie bei der U18-Wahl hatten vor allem mit den Vorhaben bei der Gestaltung der digitalen Transformation zu tun. Wurde man vor der Wahl 2021 noch vom vergleichsweise modernen Erscheinungsbild der FDP angesprochen, scheint die FDP inzwischen vor allem als prinzipienfeste Schuldenverhinderungspartei wahrgenommen zu werden. Die FDP verweist zwar auf die Notwendigkeit, auch die Staatsfinanzen ‚nachhaltig‘ und generationengerecht gestalten zu müssen, aber das verfängt offenbar nicht.“