Der Christopher Street Day in Ebersberg hat 2024 mit viel Andrang Premiere gefeiert. Dass sich junge Menschen aus der Region für Toleranz und geschlechtliche Vielfalt starkmachen, schmeckte nicht allen.
Ebersberg – Mit wehenden Regenbogenfahnen, schrillen Outfits, lauter Musik und ganz viel Liebe im Gepäck hat die queere Community im Landkreis vergangenen Juli für einen Nachmittag den Ebersberger Marienplatz gekapert. 250 Besucher beim Christopher Street Day (CSD) – ein friedliches Fest mit einer sehr politischen Botschaft für Offenheit und Toleranz: Für die Organisatorinnen ein Erfolg, den sie heuer am Samstag, 19 Juli, wiederholen wollen.
CSD Ebersberg 2025: Viel positive Resonanz vor Ort trotzt Hass im Netz
Queer, so bezeichnen sich Menschen, die anders lieben oder eine andere Geschlechtsidentität leben, als es die gängige Männlein-Weiblein-Norm so kennt: Der Begriff fasst etwa schwule, lesbische, uneindeutige und transgeschlechtliche Identitäten und Sexualitäten zusammen. Für manche ist das anscheinend ein bisschen viel. Als die EZ vergangenes Jahr im Print und online über die anstehende Veranstaltung berichtete, brach auf Facebook ein Shitstorm los: Hunderte Kommentare aus dem ganzen Bundesgebiet prasselten auf die fünf jungen Erwachsenen ein, die im Interview ihr Vorhaben erklärten.
Die EZ sperrte die Beitragsfunktion schließlich, da der Hass ins Justiziable ausuferte, darunter in Vergewaltigungs- und Gewaltfantasien gegen die jungen Organisatorinnen. Ein Mann kokettierte gar damit, ein Fahrzeug in die Menschenmenge beim Ebersberger CSD zu steuern. Auf Nachfrage bestätigt die Münchner Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen mehrere Personen wegen der öffentlichen Aufforderung zu Straftaten, Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten sowie Belohnung und Billigung von Straftaten. Die Grenze zur Strafbarkeit sei aber aus Sicht der Staatsanwälte nicht überschritten gewesen, weshalb die Ermittlungen eingestellt worden seien: „Die Kommentare waren zu unkonkret gefasst oder es fehlte an der Eignung zur Friedensstörung.“
Fast ein Jahr später sitzen Marla (18), Vanessa (19) und Leonie (20) vom CSD-Organisationsteam in der EZ-Redaktion. „Wir haben schon mit Reaktionen gerechnet, aber das war echt krass“, sagt Leonie. Marla gesteht, ihr sei im Vorfeld ein wenig mulmig gewesen, doch habe sie der Hass aus dem Netz auch wütend gemacht und eine Jetzt-erst-recht-Haltung ausgelöst: „Wir wollen uns nicht einschüchtern lassen.“ Glücklicherweise seien die übelsten Entgleisungen, zu denen das Organisationsteam Strafanzeigen erstattet habe, nach aktuellem Stand nicht von Menschen aus dem Landkreis Ebersberg gekommen.
Wir wollen zeigen, dass es uns auch in Ebersberg und auf dem Land gibt.
Liberalitas Bavariae hin oder her: Auch hier seien die Organisatorinnen manchmal schwach angeredet worden, weil die CSDler halt nicht so etabliert wie der Faschingszug, das Weinfest oder der Marktsonntag sind – und sich trotzdem zu Hunderten mit Bühne und Demo-Zug in der Innenstadt austobten. „Warum wir mit dem Scheiß nicht in München bleiben?“, zitiert Leonie mit einem bitteren Lächeln. Für Vanessa, die neu im Organisationsteam ist, liegt die Antwort schon in der falsch gestellten Frage, schließlich sind sie alle drei hier daheim: „Wir wollen zeigen, dass es uns auch in Ebersberg und auf dem Land gibt.“ Die Teilnehmer seien aus dem ganzen Landkreis und darüber hinaus gekommen. Heuer soll es zur Anreise sogar einen eigenen Shuttlebus aus Richtung Markt Schwaben geben.
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CSD Ebersberg 2025: Bühnenprogramm und Umzug
Denn bei allem Schock über den Hass aus dem Netz und einigen schwachen Sprüchen: Die Reaktionen vor Ort auf den ersten Ebersberger CSD seien fast durchweg positiv gewesen. Marla berichtet von vielen netten Gesprächen auch mit älteren Mitbürgern. Eine Seniorin um die 80 etwa sei ganz begeistert mit dem Regenbogenarmband davongezogen. Der Zuspruch motiviert die Organisatorinnen, die Veranstaltung am Samstag, 19. Juli, zu wiederholen, unter dem Motto „Stadt – Land – Queer“, unter anderem mit rund 6000 Euro unterstützt vom Kreisjugendring.
Vieles aus dem Konzept des vergangenen Jahres habe sich bewährt, und so sollen auch heuer wieder Drag-Künstler wie Vicky Voyage, Perry Stroika oder Ruby Tuesday wahlweise für Gaudi und ein bisserl sexuelle Verunsicherung sorgen. Dazu spielen Bands, eine Art Poetry-Slam und ein Schwung Redebeiträge sind an der Bühne geplant, dazu der Demo-Zug, dieses Mal mit einem Wagen, der auch für die Beschallung sorgen soll. Eine bunte Party eben, für alle, die diesen einen queeren Ebersberger Nachmittag im Jahr als gemeinsames Fest der Offenheit statt als Zumutung verstehen. Mittelfristig will sich das Orga-Team zu einem Verein formieren, um mehr Struktur und bessere Vernetzung auch mit anderen CSDs wie in Wasserburg, Rosenheim, Landshut oder Dachau zu ermöglichen.
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