Mit dem Machtverlust der Grünen hat Markus Söder sein Lieblings-Feindbild verloren. Fragt sich, wer es am Aschermittwoch in Passau stattdessen am dicksten abkriegen soll.
München/Passau – Der politische Aschermittwoch der CSU ist, wenn er gelingt, bayerische Maßarbeit. Der richtige Ton (maximal bissig, aber auch gerade noch lustig) auf der Bühne, der richtige Stimmungspegel (nach oben offen) im Saal und die richtige Musik zum Einmarsch des Ministerpräsidenten (Defiliermarsch). Dass alles drei gleichzeitig passt, ist selbst für einen Aschermittwochs-Routinier wie Markus Söder keineswegs ein Selbstläufer. So fehlte bei der Video-Variante im zweiten Corona-Jahr 2020 die Stimmung. 2023 ging es zwar wieder in der Dreiländerhalle rund, jedoch versemmelte die Stadtkapelle die Einlaufmusik. Ein denkwürdiger Lapsus.
Und auf der Bühne? Bissig ist es ohne Frage, wenn Söder losledert. Ob immer auch lustig, darüber scheiden sich die Geister. Als er vergangenes Jahr hart gegen den grünen Gerade-Noch-Vizekanzler Robert Habeck nachtrat, und ihm nahelegte, sich nach Schleswig-Holstein zurückzuziehen, war das selbst in der CSU für manche eine Spur zu viel. Auch im Vorjahr gab es Aufregung. Die damalige Bundesumweltministerin Steffi Lemke bezeichnete Söder 2024 als „grüne Margot Honecker“. Und im Gegensatz zur Grünen-Vorsitzenden Ricarda Lang habe sein Hund Molly „eine Ausbildung, nämlich zum Schutzhund“, gab er zum Besten. Macht man nicht, fanden manche. Andere sahen es lockerer.
Freie Wähler oder doch die SPD? Plötzlich fehlen Markus Söder die Grünen
Was die Episoden auch zeigen: Wenn Söder in Passau das CSU-Publikum in Wallung bringen will, hat er am besten einen gemeinsamen Gegner zum Rundmachen. Und dafür waren die Grünen wunderbar geeignet, als sie noch in der Ampel-Bundesregierung saßen. Das Problem: Die Grünen sind abgewählt, und in Berlin sitzt jetzt die CSU mit am Steuer. Da aber Selbstgeißelung nicht gerade Söders Ding ist, stellt sich die Frage: Wer soll die verbalen Nackenschläge aus Passau dieses Jahr einstecken?
Ein Blick in die Vergangenheit bringt auf Ideen. Angela Merkel, die 2018 einiges abbekam, ohne dass Söder dabei ihren Namen aussprach, darf sich dieses Mal wohl sicher fühlen. Als Söder 2019 zum ersten Mal wirklich schroff gegen die AfD schoss („Nazis“), galt das noch als Überraschung. Inzwischen gehören Attacken gegen die Rechtsaußenpartei und Hinweise auf deren Putin-Nähe fest zu seinem Repertoire. Auch in Passau dürften sie morgen nicht fehlen.
Und die SPD? Kam hin und wieder mal sporadisch vor, ist jetzt aber Koalitionspartner in Berlin, und gilt in Unionskreisen als teilweise etwas sensibel. Der robustere bayerische Koalitionspartner Freie Wähler? Den ein oder anderen Seitenhieb gegen Hubert Aiwanger dürfte es geben, echte Attacken aber wohl eher nicht.
Politischer Aschermittwoch: Bei den EU-Tonangebern dürfte sich Söder zurückhalten
Denkbar sind natürlich jederzeit auch Lästereien über das Personal der großen Schwester CDU. Insbesondere der in CSU-Kreisen mit dem gar nicht nett gemeinten Spitznamen „Genosse Günther“ bedachte Daniel Günther, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, landete schon öfter in Söders Spott-Fadenkreuz.
Und dann gibt es natürlich noch die Bürokraten in Brüssel. „Jeden Morgen geht mir Europa auf den Keks“, polterte Söder im Bierzelt schon gegen die Plastikdeckel-Vorgabe. Das war zwar nicht am politischen Aschermittwoch, würde da aber gut hinpassen. Auch das „Aus vom Verbrenner-Aus“, das Söder zuletzt als „Mogelpackung“ bezeichnet hat, bietet Futter. Doch dass er den Aschermittwoch tatsächlich zur großen Schimpftirade gegen die unionseigenen Tonangeber in Brüssel – Kommissionspräsidentin Ursula von Leyen (CDU) und EVP-Chef Manfred Weber (CSU) – nutzt, gilt in der CSU als eher unwahrscheinlich. Insbesondere, weil der Niederbayer Weber in der Passauer Dreiländerhalle morgen in der ersten Reihe sitzt.