Freie Fahrt mit Gold: 76-Jähriger aus Bayern geht auf außergewöhnliche Zugreisen

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Gold für Deutschland – darauf hoffen aktuell Millionen von Olympia-Fans. Ein Rentner aus der Nähe von Passau fiebert ebenfalls mit. Aus kuriosem Grund.

Bayern – Gebannt schaut Klaus-Dieter Welzel am Montagabend in seinen Fernseher. Sieht, wie Philipp Raimund auf dem Balken der Normalschanze in Predazzo sitzt. Nur einen Sprung ist der 25-Jährige noch von der Goldmedaille entfernt. Raimund fährt den Anlauf nach unten, hebt ab – und landet bei 106,5 Metern. Gold für Deutschland! Welzel fällt ein Stein vom Herzen. Jetzt hat der 76-Jährige Gewissheit: Er darf morgen wieder ICE fahren. Und zwar kostenlos.

Klaus-Dieter Welzel auf kurioser Reise
Den Ticketautomaten braucht Glückspilz Klaus-Dieter Welzel derzeit nicht. Immer mit dabei: die aktuelle tz. © Privat

Rasierer, Laufschuhe und frische Socken – mehr braucht‘s für die kuriose Gold-Reisen nicht

Am nächsten Morgen packt Welzel seinen Rucksack. Rasierer, Laufschuhe, frische Socken, Deo – mehr braucht er für seine außergewöhnliche Reise nicht. Sie beginnt um 12 Uhr mittags am Bahnhof von Vilshofen an der Donau in Niederbayern. Mit hellblauer Jacke, grauer Mütze und Zeitung in der Hand steht der Senior am Bahnsteig. Winkt noch einmal, dann geht‘s los. In Passau steigt er um. Den Fahrkartenautomat lässt Welzel einfach links liegen, setzt sich in den ICE nach München. Ein Ticket braucht er nicht – Deutschland hat am Vorabend ja Gold geholt.

Ganz ohne Fahrschein ist der Rentner dann aber doch nicht unterwegs. Vor Kurzem hat er eine Probe-BahnCard-Gold gekauft. Eine Sonderaktion, die sich die Deutsche Bahn für die Olympischen Spiele überlegt hat. Mit der Karte gibt‘s nicht nur generellen Rabatt, sondern freie Fahrt mit allen Fernzügen – vorausgesetzt, Team Deutschland hat tags zuvor eine Goldmedaille gewonnen. Und das möchte der gebürtige Schwabe voll ausnutzen. „Wenn‘s doch nix kostet“, sagt er.

Klaus-Dieter Welzel auf kurioser Reise.
Gleich geht‘s los: Reisekönig Klaus-Dieter Welzel ist schon wieder im Zug. © Privat

Mit dem Nachtzug spontan nach Hamburg: Gold-Trips erfordern maximale Flexibilität

Bei seinen spontanen Gold-Trips muss Welzel maximal flexibel sein. Als er am Dienstagvormittag ans Telefon geht, schwebt ihm schon eine Route vor. „Ich will mit dem Nachtzug nach Hamburg fahren.“ Dort möchte der pensionierte Postbote Laufen gehen. Über die Landungsbrücken und bis zur St.-Michaelis-Kirche. „Das hält fit im Alter“, meint der 76-Jährige. Ob er seinen Plan in die Tat umsetzen kann, entscheidet sich im Eiskanal von Cortina d‘Ampezzo. Dort liegen zum Zeitpunkt des Telefonats mit Julia Taubitz und Merle Fräbel zwei deutsche Rodlerinnen vorne. Die Entscheidung fällt aber erst Stunden später.

Er ist schon ein bisschen verrückt

„Ich muss einfach hoffen, dass wir Gold holen“, sagt Welzel. Regelmäßig telefoniert er mit Tochter Sabine, sie hält ihn auf dem Laufenden. Mit seinem Seniorenhandy kann Welzel nämlich nicht im Internet surfen. „Er ist schon ein bisschen verrückt“, sagt Sabine und lacht. Für ihren Papa gibt sie aber gerne den Live-Ticker. Welzel hat Glück, Taubitz gewinnt Gold.

Rentner hat schon weitere Pläne geschmiedet – doch dafür müssen die Athleten liefern

Deutschlands Gold-Ausbeute bestimmt jetzt darüber, wie reiseintensiv die nächsten Wochen von Welzel werden. Am 76-Jährigen selbst wird‘s jedenfalls nicht scheitern. Er hat schon fleißig Pläne geschmiedet. Gibt es der Medaillenspiegel her, würde er gerne nach Berlin und Essen fahren. Seine Pläne? Na klar, Laufen! In zwei Stunden schafft er knapp zehn Kilometer. Regelmäßig läuft der Rentner noch Marathons.

Welzels kuriose Olympia-Trips haben sich in Vilshofen schon längst herumgesprochen. Nach dem Gold-Flug von Philipp Raimund, erzählt Tochter Sabine, hätte gleich das Telefon geklingelt. Am Hörer war eine Nachbarin. Sie hatte eine Frage: „Wohin geht die Reise denn morgen?“ (tsch)