Mit einem lapidaren „See you“ verabschiedet man sich als Englisch Sprechender gern: „Wir sehen uns“, bis bald. Die gleichnamige Ausstellung des Landsberger Galerievereins in der Zederpassage fasst den Titel hingegen wörtlich auf: als „Ich sehe dich“. Als ein „Wir machen uns sichtbar“.
Landsberg – Sich sichtbar machen ist heute leicht: Mach ein Selfie, stell es in den Sozialen Medien ein, Hashtag „follow“ – und zack!, hat man Bestätigung in Form von „Gefällt mir“-Angaben: Ich werde wahrgenommen. Mit ein Grund, warum Social Media eine Rolle in den Arbeiten der drei ausstellenden Kunstschaffenden Julia von Kienlin, Thomas Beecht und Jürgen Rogner spielt.
„See you“ in der Landsberger Zedergalerie: Als Handys noch zum Aufklappen waren
Beecht hat sich mit dem Phänomen Selfie schon Anfang der 2000er beschäftigt, als Handys noch zum Aufklappen waren, wie in seiner Serie „hot or not“ mit kleinformatigen Porträts zu sehen ist. Seine ‚Selfies‘ sind allerdings stark verfremdet: in ‚verblasster‘ Farbigkeit, mit verwischten Konturen. Wer da an Gerhard Richter denkt, wird bei einem anderen Bild Beechts bestätigt: ein fotorealistisches Porträt einer sitzenden Frau. Vor allem die detaillierte Ausarbeitung der Haare im Gegensatz zum Plein-Air-verschwommenen Landschaftshintergrund erschafft eine beeindruckende Räumlichkeit.
Auch Beechts ‚schwarz-weiß‘-Porträts huldigen dem Realismus: nackte Menschen, deren Haut wie Marmor und dennoch weich wirkt, fast keine Pinselstruktur ist auf der Leinwand zu erkennen. „Ich arbeite hier mit Öl auf Bitumen“, erklärt Beecht. Durch Zufall habe er entdeckt, dass der schwarze Hintergrund mit dem Leinöl reagiere, wodurch sich das Zinkweiß gelblich verfärbt – „ein Prozess, der nach circa zehn Tagen aufhört“. Auch die Royal Society of Portrait Painters in London war davon begeistert: Beechts „Georg“ war dort letztes Jahr Teil der Jahresausstellung.
Julia von Kienlin in der Landsberger Zedergalerie: Infantin mit Tattoos
Die Frau auf Beechts größeren Porträts ist seine Partnerin Julia von Kienlin. Deren Arbeiten leuchten durch ihre starke Farbigkeit, dunkle Konturen erinnern an Comics. „Eine neue Generation von Selfies“ nennt sie die Bilder, die von echten Selfies inspiriert sind. Von Kienlin setzt die Menschen vom Heute dabei in klassische Sujets: In „Metamorphosis“ wird eine junge Frau mit Piercings und Tattoos vor floralem Hintergrund zur Infantin. „Diese junge Frau hat eindeutig schon gelebt, aber mich hat ihr Kindergesicht fasziniert. Und ich wollte diese Reinheit herausarbeiten.“ Ein Porträt sei für sie auch immer eine Art, ihre Zuwendung zu zeigen.
Einem Selfie eines Mädchens aus Warschau verpasst sie in „Annunciation“ statt der Handtasche die Lilie, eine andere macht sie durch eine Fahne zur Jeanne d‘Arc. „Ich benutze Leute, um etwas zu sagen. Insofern sind es allegorische Bilder.“ Durch das Hinzufügen, das Verändern versuche sie, den „Massenbildern“ ganz im Sinne Walter Benjamins wieder eine ‚Aura der Einmaligkeit‘ zurückzugeben. Auch ihre kleinformatigen iPad-Drawings, Porträt-Skizzen mit ausgearbeiteten Details, halten einen einmaligen Moment fest – aber ohne Verfremdung. Von Kienle: „Das sind Menschen, die ich direkt zeigen will.“
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Fred Jürgen Rogners Digital Art
Die Arbeiten von Fred Jürgen Rogner kommen aus dem Bereich Digital Art. Er gestaltete anfangs Plakate, so für die Krautrocker Amon Düül, arbeitete für Hochglanzmagazine, fing aber 1997 an, mit dem Computer Kunst zu schaffen. In „See You“ zeigt er auch Arbeiten, die Werke anderer Künstler aufgreifen. So Duchamps „Akt, eine Treppe herabsteigend“. Dessen Werk, das in Linien und Flächen die Dynamik der Bewegung in den Vordergrund stellt, wird bei Rogner zum deutlich erkennbaren Frauenakt – verpixelt, aber nicht an Brust oder Unterleib, sondern ein Sichtbar-Machen des in Sozialen Medien ‚Verbotenen‘.
„See you“ ist absolut sehenswert. Auch wenn sich Rogners Arbeiten nicht ganz ins Konzept fügen wollen. Was auch daran liegen mag, dass die Ausstellung in dieser Konstellation ursprünglich so nicht geplant war, wie Bert Praxenthaler vom Galerieverein sagt. Die Ausstellung läuft noch bis zum 14. September.
Hier geht‘s zur vorherigen Ausstellung des Galerievereins „Postfiction“.
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