Postfiction – eine Ausstellung in der Landsberger Zedergalerie

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Kurator Bert Praxenthaler (Mitte) führte am Donnerstag bei der Vernissage zur Ausstellung „Postfiction“ in der Landsberger Zedergalerie in die Arbeiten der vier Künstler Alexander Milstein, Anton Kaun, Norbert Erdmann und Georg Eichinger ein. © Netzer

Es ist ein bisschen wilder in der Landsberger Zedergalerie: Die Werke der vier ausstellenden Künstler sind ‚laut‘, holen den Zuschauer unweigerlich zu sich - und laden ein zur Auseinandersetzung mit Wahrheit und Erfundenem.

Landsberg - Postfiction ist die aktuelle Ausstellung in der Zedernpassage des Landsberger Galerievereins benannt. Nach dem Geschichtenerzählen? Mitnichten – im Gegenteil. Der federführende Kurator Bert Praxenthaler hat hier vier Künstler zusammengebracht, die ihr Leben und die damit verbundenen Geschichten ganz in ihre Kunst einbringen und dem Betrachter mitteilen. Genau das macht gute Kunst aus.

Postfiction in der Zedergalerie: zwei Künstler aus der Ukraine

Wie könnte es Alexander Milstein auch anders. Der aus Charkiw in der Ukraine stammende Autor lebt seit 1995 in München, seit 2013 malt und zeichnet er auch. In der Zedernpassage sehen wir von ihm einen achtteiligen Zyklus auf Papier, die als Illustrationen zu seinen Büchern entstanden sind. In den oft traumartigen Zeichnungen verschwindet zuweilen die Realität. Als Betrachter stellt sich einem ganz direkt die Frage zwischen einer Fiktion und einer gefundenen Realität. Ähnlich geht es einem auch mit seiner zweiten Serie in der Ausstellung, seinen Imaginierten Büchern.

Postfiction zedergalerie Künstler
Postfiction mit (v.l.) Alexander Milstein, Anton Kaun und Norbert Erdmann. Nicht auf dem Foto: Georg Eichmann. © Netzer

Milsteins Bücher sind auf Russisch erschienen, mit dem Roman Parallelnaja akzija kam er bis in die Shortlist des NOS-Literaturpreises, eine der wichtigsten Auszeichnungen für Autoren im russischsprachigem Raum. Auf Deutsch veröffentlichte er Erzählungen in der Süddeutschen Zeitung, Zeitschriften und einen Beitrag in dem Band Durch die Zeiten. Wie virtuos Milberg dabei mit Sprache umgeht und auch mit ihr spielt, welche Vielschichtigkeit er dabei aufbaut ist faszinierend. Im Rahmen der Ausstellung liest er am 2. Juni aus seinen Werken.

„Rumpeln“: Anton Kaun in der Landsberger Zedergalerie

Im Raum daneben dann „Rumpeln“, so lautet der treffende Künstlername des ukrainischen Video- und Geräuschkünstlers Anton Kaun. An den Wänden seine schwarzweißen Zeichnungen, die mit ihrem starken Strich an Comics erinnern - vor allem der bellende Hund, der sofort ins Auge sticht. Und dann am Boden aufgebaut eine seiner Noise-Installationen aus verschiedenen Geräten und gefundenen Gegenständen. Keine Art Trouvé, sondern aus wieder zum Leben erweckten Dingen eine sorgfältige Inszenierung.

Wer die hiesige Musikszene beobachtet, dem ist Anton Kaun „Rumpeln“ sicher auch schon durch seine Zusammenarbeit mit The Notwist oder den Acher Brüdern aufgefallen, oder durch seine Unterstützung vieler Theaterprojekte.  Neben seinen Soundinstallationen unterstützt der Künstler auch Theater- und Musikproduktionen mit seinen Videos. Eine Performance von ihm findet in der Zedernpassage am 25. Mai statt.

Norbert Erdmann bringt Natur in die Zederpassage

Norbert Erdmann bewegt sich viel in der Natur, was man seinen Arbeiten ansieht. Zum einen sind da Fotografien, die Details von gefundenen Dingen abbilden, teilweise nur Strukturen eines Stückes Bruchholz, dessen Feinheit und Schönheit man ansonsten im Vorübergehen übersehen könnte. Und dann sind da Montagen aus übergebliebenen Dingen, zum Beispiel den Rahmenhölzern von Faltboten, deren Hüllen längst verrottet sind, die er mit den Marmorpapieren eines befreundeten Künstlers hinterlegt. Norbert Erdmann sagt selbst über seine Arbeiten, dass „da keine versteckten Botschaften, keine Symbolik“ ist. Eben keine Fiktion, sondern die Wahrheit der Natur. Viele seiner Arbeiten haben sich mit dem Überlagern von Diasequenzen beschäftigt. Diese zeigt er in der Zederpassage am 29. Juni.

Überwundene Machtverhältnisse? Georg Eichingers Arbeiten

Ganz dezidiert setzt sich Georg Eichinger mit einer ‚unangenehmen‘ Geschichte auseinander: Der ausgebildete Steinmetz arbeitet in einer ehemaligen Unterkunft für Zwangsarbeiter in München-Aubing, einem Ort, der der Umwidmung bedurfte. Inzwischen befinden sich dort Ateliers und Werkstätten. Viele seiner Arbeiten erinnern an Machtverhältnisse, die man gerne überwunden wüsste, die aber vielleicht doch noch bestehen. In seinem Bild „Bussi“, das auch auf dem Plakat der Ausstellung zu sehen ist, steht eine blonde Frau einem Mann in schwarzer Uniform gegenüber. Die Figur des Mannes ist einem der Marvel-Comics entnommen, also eine Fiktion - und wirkt dennoch erschreckend real und aktuell.

Zurück zum Titel der Ausstellung: „Keine neue Epoche“ wie Bert Praxenthaler in seiner Einführungsrede betont, aber doch die Aufforderung, sich immer wieder mit den Begriffen der Wahrheit und des Erfundenen auseinanderzusetzen. Eine Anregung dazu liefert genau diese Ausstellung.

Ausstellung POSTFICTION bis 29.6.2024
25. Mai 2024, 19 Uhr: Performance Anton Kaun
2 Juni 2024, 11:30 Uhr: Lesung Alexander Milstein
29. Juni 2024, 19 Uhr: Überblend-Diashow Norbert Erdmann
Zederpassage, Hauptplatz 155, 86899 Landsberg am Lech
Öffnungszeiten: Mi 11 – 14 Uhr, Fr 14 – 17 Uhr, Sa 12 – 15 Uhr und nach Vereinbarung.
Gregor Netzer

Über die letzte Ausstellung des Galerievereins Landsberg ANIMALISCH lesen Sie hier.

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