Würdigung nach 139 Jahren

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Erinnerung an Prof. Bernhard von Gudden: Seit Mitte Mai gibt es an der Votivkapelle in Berg eine Gedenktafel. © Andrea Jaksch

Das Leben von Prof. Bernhard von Gudden bietet deutlich mehr als sein gewaltsames Ende im Starnberger See an der Seite von König Ludwig II. im Jahr 1886. Dass dies nun eine Gedenktafel im Berger Schlosspark dokumentiert, freut die Familie Gudden sehr. „Es hat sich ein Knoten gelöst“, sagt Dr. Wolfgang Gudden über die Aktion des Hauses Wittelsbach.

Berg - Darauf hat die Familie Gudden fast 139 Jahre lang gewartet. Eine Tafel, die Herzog Franz von Bayern gestiftet hat, erinnert seit vergangener Woche im Schlosspark in Berg an das Wirken ihres Vorfahrens, des Arztes Prof. Bernhard von Gudden, der am 13. Juni 1886 im Starnberger See zusammen mit König Ludwig II. ums Leben kam. „Bisher wurde er nur auf die letzten 14 Tage seines Lebens reduziert“, sagt sein Ururenkel, der Psychiater Dr. Wolfgang Gudden. Das habe sich nun geändert. „Mein Cousin hat nach der Gedenkfeier gesagt: ,Jetzt hat sich ein Knoten gelöst.‘ Und so empfinde ich das auch.“

Wie berichtet, haben die Familien Wittelsbach und Gudden am 21. Mai bei einer Feier im Schlosspark des verstorbenen Psychiaters gedacht und eine Gedenktafel für Bernhard von Gudden weihen lassen. Aufkirchens Pfarrer Mathias Klein-Heßling hielt eine Andacht. Anschließend waren Vertreter beider Familien miteinander beim Essen im „Strandhotel“.

Bis dato hatte das Gedenken an das Drama vom 13. Juni 1886 nur König Ludwig II. gegolten. „Herzog Franz wollte die Dysbalance in der Würdigung der beiden an Ort und Stelle auflösen“, beschreibt Dr. Wolfgang Gudden den Wunsch, mit dem die Wittelsbacher an ihn herangetreten waren. „Zuerst war ich skeptisch und misstrauisch“, gibt der 72-Jährige zu. Doch die Vorgespräche, die Freundlichkeit und der Respekt der herzoglichen Verwaltung und der Wittelsbacher hätten ihn überzeugt. „Die Absicht von Herzog Franz von Bayern ist wunderbar.“

In der Familie Gudden hat der Berger Schlosspark bisher keine Rolle im Gedenken an den Ururopa gespielt, „weil er nicht spürbar mit ihm verbunden war“, so Wolfgang Gudden. „Wir sind mit Verwandten von auswärts auch mal hingefahren, aber es gab auch Ressentiments in der Familie, weil er nur eine Weihestätte für die Wittelsbacher war, mit unserem Vorfahren hatte das nichts zu tun.“ Das sei nun anders.

Als vor gut einem Jahr zum 200. Geburtstag Bernhard von Guddens auf einmal ein Kreuz neben dem Kreuz für Ludwig im See an der Votivkapelle stand, hatte Herzog Franz begonnen, über das Ungleichgewicht des Gedenkens an die beiden Verstorbenen nachzudenken. Und Wolfgang Gudden bekam damals einen Anruf: „Ich wurde gefragt, ob ich das zweite Kreuz aufgestellt habe“, erzählt er. „Ich habe es zuerst für einen Scherz gehalten. Dann war ich völlig platt.“

Der gewaltsame Tod ihres Vorfahren hat die Familie belastet. Wie sehr, erschütterte auch die Wittelsbacher, wie Gudden im Gespräch mit dem Starnberger Merkur erzählt. „Ich bin als Sechsjähriger auf dem Schulhof in München als ,Königsmörder‘ beschimpft worden“, erzählt er. Als er das daheim erzählte, sagten die Eltern zu ihm und seinen Geschwistern: „Wir müssen euch was erzählen.“

Ganz anders war der Klang des Namens Gudden in Fachkreisen. Bernhard von Gudden war eine Koryphäe in der Psychiatrie. Er hat im Schloss Werneck 1855 die erste „Kreisirrenanstalt“ eingerichtet, in der Patienten gewaltfrei und respektvoll behandelt und nicht nur verwahrt wurden. „Er hatte auch Glück“, sagt Gudden, der über seinen Vorfahren seine Doktorarbeit geschrieben hat. Mit Clarissa Voigt habe Gudden eine Frau an seiner Seite gehabt, die keinerlei Berührungsängste gegenüber psychisch Kranken gehabt habe. Nach 13 Jahren in Werneck ging Gudden nach Zürich, von wo ihn die Wittelsbacher an die Isar holten, weil sie einen fähigen Arzt für Otto von Bayern, Ludwigs Bruder, brauchten, der psychisch erkrankt war. „Sie holten ihn gegen alle Widerstände nach München“, unterstreicht Wolfgang Gudden im Gespräch.

Dr. Wolfgang Gudden ist in die Fußstapfen seines Ahnen getreten. „Ich wollte ursprünglich Kinderarzt werden“, erzählt er. Ein sehr gutes Angebot für Neurologie habe er aber nicht ablehnen können. Er ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatische Medizin und hatte viele Jahre lang eine Praxis in Freising.

Die Absicht von Herzog Franz von Bayern ist wunderbar.

Bernhard von Gudden hatte sich auch als Wissenschaftler einen Namen gemacht. „Er hat das Mikrotom entwickelt“, erklärt sein Ururenkel. Dadurch sei es möglich gewesen, extrem dünne Gehirnscheiben mikroskopisch zu untersuchen und Strukturen zu erkennen. „Er ist einer der Väter der Neuroanatomie“, sagt Gudden. So sei sein Name in die neuroanatomische Nomenklatur eingegangen.

Die Würdigung dieser Seite des Ururgroßvaters gibt der Familie viel. Bei der Feier im Schlosspark waren Wolfgang Guddens Schwester und Bruder dabei, seine Frau, eine Cousine aus dem Allgäu, eine weitere aus Innsbruck und ein Cousin aus Zürich. Im Familienkreis nach der Gedenkfeier stellten die Cousins fest, dass alle von ihren Großmüttern dieselbe Information bekommen haben: „Bernhard von Guddens Leiche hatte an der Schläfe einen Abdruck des Siegelrings des Königs.“

Bei aller Versöhnung verliert Wolfgang Gudden nicht aus dem Blick, was in seinen Augen 1886 passiert ist. „Letztlich hat die Staatsregierung Gudden beauftragt, den König in Gewahrsam zu nehmen. Dann kommt Gudden zu Tode, und die Staatsregierung macht nichts.“ Wäre er obduziert worden, wäre es am Ende womöglich um ein Tötungsdelikt gegangen. Und aus dem „Königsmörder“ wäre ein „vom König Ermordeter“ geworden. „In unserer Familie hieß es immer: Der Ururgroßvater ist umgekommen.“

Als Mann vom Fach bewertet er die Vorgänge am 13. Juni 1886 so: „Ein regierender Monarch wurde entmündigt und aus der Regierung entfernt.“ Ludwig habe keine Perspektive mehr gesehen. Beim ersten Spaziergang Ludwigs mit Gudden seien Pfleger dabei gewesen, weil der Arzt gewusst habe, dass Patienten aggressiv werden könnten. Das sei aber nicht der Fall gewesen, deshalb habe Gudden beim zweiten Spaziergang auf Begleiter verzichtet. Als Ludwig ins Wasser gehen wollte, habe Gudden ihn abhalten wollen. Dass sein Vorfahr den König getötet habe, erscheint ihm unwahrscheinlich: „Er war 62 Jahre alt und deutlich kleiner und schwächer als der Patient.“

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