Im August 1865 zog sich der junge König Ludwig II. mit Richard Wagner auf eine Jagdhütte am Walchensee zurück. Die Begegnung prägte nicht nur die Beziehung der beiden, sondern hatte auch weitreichende Folgen für die Musikgeschichte.
Jachenau/Walchensee – Der junge bayerische König Ludwig II. war ein glühender Verehrer und Mäzen des Komponisten Richard Wagner. Er himmelte sein Idol schwärmerisch an, wie es auch heutzutage bei 19-Jährigen vorkommt. Doch das Musikgenie hatte dunkle Seiten: Er neigte wie der junge König zu maßloser Verschwendungssucht, machte hemmungslos Schulden, betrog selbst seine Gönner, wurde von der Staatsanwaltschaft gesucht, hatte Affären mit verheirateten Frauen und tat sich mit antisemitischer Hetze hervor.
Freundschaft und Skandal: Wie Ludwig II. und Richard Wagner am Walchensee Geschichte schrieben
Das war für Münchens bessere Gesellschaft zu viel. Im Sommer 1865 entstand dort eine feindselige Stimmung gegen den Komponisten. Um Richard Wagner aus der Schusslinie zu nehmen, lud ihn der König für knapp zwei Wochen auf seine Jagdhütte am Altlacher Hochkopf südlich oberhalb des Walchensees ein. Das geschah vom 9. bis zum 21. August, also vor 160 Jahren.
Flucht und Unterstützung: Wagners Rettung
Abgetaucht in der Bergeinsamkeit soll Wagner dort an seinem „Parsival“ gearbeitet haben. Die Jagdhütte hatte bereits König Maximilian II. um 1850 errichten lassen. Später zog sich sein Sohn Ludwig II. öfters an diesen Ort zurück; zweimal hat er dort oben seinen Geburtstag verbracht.
Richard Wagner befand sich zu jener Zeit in einer schwierigen Situation. Vor Gläubigern war er aus Wien geflüchtet und wurde am 4. Mai 1864 vom jungen König empfangen – wenige Wochen nachdem dieser die Krone übernommen hatte. Spontan übernahm Ludwig II. persönlich alle Schulden Wagners in Höhe von 170.000 Gulden (nach heutigem Geldwert sind das rund 1,7 Millionen Euro) und bewahrte ihn damit vor dem Schlimmsten.
Politische Spannungen und Skandale
Der 32 Jahre ältere Wagner wurde für den jungen König zum väterlichen Freund und Berater. Er nahm dabei auch politischen Einfluss und mischte sich in die Regierungsgeschäfte ein. Das sorgte in München ebenfalls für Empörung. Schon damals deutete sich ein wenig das Zerwürfnis zwischen Ludwig II. und der Staatsregierung an, das gut 20 Jahre später in seiner Absetzung gipfelte.
Im selben Jahr ging der verheiratete Wagner ein Liebesverhältnis mit der 24 Jahre jüngeren Cosima ein. Sie war die Tochter von Franz Liszt und noch mit dem Stardirigenten und Wagner-Förderer Hans von Bülow verheiratet. Das war damals ein gesellschaftlicher Skandal ersten Ranges. Trotzdem stellte der König dem ungleichen Paar ein Haus in der Münchner Brienner Straße als Wohnsitz zur Verfügung. Am 10. April 1865 wurde Tochter Isolde geboren. Umso erstaunlicher, dass die Uraufführung der Oper „Tristan und Isolde“ zwei Monate später im Münchner Nationaltheater zu einem großen Erfolg wurde. Bizarr daran war, dass die Aufführung vom gehörnten Hans von Bülow dirigiert wurde.
Exil und fortbestehende Freundschaft – „Werther als alle Schlösser“
Doch im Dezember 1865 musste sich Ludwig II. dem Widerstand von Staatsregierung, empörter Münchner Bürgerschaft und seiner eigenen Familie beugen und das unbeliebte Paar auffordern, München ins Schweizer Exil zu verlassen. Die enge Freundschaft von Wagner und Ludwig II. blieb aber weiter bestehen. Zwei Jahre später, am 21. Juni 1867, schrieb der menschenscheue König von seiner Hochkopfhütte aus an den Komponisten:
„Gestern begab ich mich nach dem geräuschvoll unruhigen Treiben des Tages hierher nach dem abgeschiedenen trauten Hochkopf, wo ich auflebe in wonniger Einsamkeit, fern der Welt, die mich stets verkennt und mit der ich mich nie und nimmer anfreunden kann und will… Warum diese stille, einfache Hütte mir wert und teuer ist und zwar werther als alle Schlösser mit ihrem Glanz und hohlen Prunk, brauche ich dem Theuren (gemeint ist Wagner) wohl kaum zu sagen; denn die trauthe Stätte war ja auch ihm ein Zufluchtsort…“
Bayreuth, Antisemitismus und Erbe
Ohne die Unterstützung durch Ludwig II. hätte es auch Bayreuth und die Festspiele so nie gegeben. Doch trotz aller Bewunderung: Für Wagners antisemitischen Pamphlete („Das Judenthum in der Musik“) und seine nicht minder antisemitische Cosima hatte Ludwig II. nichts übrig. Die dunkle, offen rassistische Seite des Komponisten überschattet sein Ansehen und auch den Ruf von Bayreuth bis heute. Das Musikgenie war ein unangenehmer Mensch, der keine Freunde kannte, nur Leute, die ihm nützlich waren. Dazu kamen noch seine Gehässigkeiten gegen andere Große der Musik wie Johannes Brahms und Felix Mendelssohn-Bartholdy.
Umbauten am einfach eingerichteten Königshaus am Hochkopf ließ der König 1869/70 durch den Zimmerermeister Paul Schwarzenberger aus Lenggries vornehmen. Der vollständig mit Holzschindeln verkleidete Bau mit schwarzem Kachelofen und ornamentierter hölzerner Wandverkleidung ist weitgehend im Originalzustand erhalten und steht unter Denkmalschutz. Die Forstverwaltung hat das Gebäude 2001 an die Alpenvereinssektion Vierseenland verpachtet, die das Haus sorgfältig restauriert hat. Sie ist als Selbstversorgerhütte nur für Sektionsmitglieder zugänglich.
Die Hochkopfhütte am Walchensee: Ein Ort der Erinnerung
Ausgangspunkt für eine Wanderung zur Hochkopfhütte ist der Parkplatz bei der Siedlung Altlach am Südufer des Walchensees. 300 Meter westlich davon stehen am Abzweig einer Forststraße ein Wegweiser und eine Richard-Wagner-Gedenktafel, die der König-Ludwig-Club München aufgestellt hat. Von dort wandert man in knapp zwei Stunden auf dem landschaftlich schönen historischen Reitsteig zur Hütte, die auf einem Bergsporn steht. Dort öffnet sich der Wald und man hat einen herrlichen Blick auf Soierngruppe und Wettersteingebirge.
Mit dem „Das Gelbe Blatt“-Newsletter täglich zum Feierabend oder mit der neuen „Das Gelbe Blatt“-App immer aktuell über die wichtigsten Geschichten informiert.