Keine Krankheit kann sie stoppen

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Auf dem Fahrrad hat Dorothee Bittner in Roth 180 Kilometer absolviert. © privat

Fast drei Jahrzehnte ist ihre letzte Ironman-Distanz her gewesen. Seitdem: viele gesundheitliche Rückschläge. Jetzt hat Dorothee Bittner mit 60 tatsächlich nochmal die Mega-Herausforderung geschafft.

Ein Täter kehrt bekanntlich oft an den Tatort zurück. Manchmal dauert es halt ein bisschen – sagen wir, 28 Jahre. Und auch wenn in diesem Fall keine Straftat vorliegt, ist die Leistung von Dorothee Bittner auf ihre ganz eigene Weise kriminell gut. Trotz ihrer nun 60 Jahre und jahrzehntelanger gesundheitlicher Beschwerden hat sich die leidenschaftliche Sportlerin noch mal einen Traum erfüllt und eine Ironman-Distanz im mittelfränkischen Roth bezwungen.

Die Langengeislingerin ist sozusagen die erste „Eiserne Lady“ des Trisport Erding. Bereits 1997 absolvierte sie als erste Frau ihres Vereins die legendäre Ironman-Distanz in Roth. Das sind 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und Laufen über die Marathon-Distanz von 42 Kilometern.

Knapp 15 Stunden bis ins Ziel

Und nun, 28 Jahre später, kehrte sie an die Startlinie zurück. Warum? „Mit diesem Rennen hatte ich noch eine Rechnung offen“, sagt Bittner. „Das letzte Mal hatte ich mich im Jahr 2000 angemeldet. Und ich war mal wieder krank“, erzählt sie lachend – wohlwissend, dass ihr ihre Gesundheit schon oft einen Streich gespielt hat. Jahrelang hatte sie mit Rheuma zu kämpfen, „und ich habe generell kein gutes Immunsystem“, erklärt die gelernte Anästhesie-Schwester, die heute in der Telefon-Beratung für eine Krankenkasse arbeitet.

Ihre Rückkehr nach Roth war nun ein echtes Geheimprojekt. Außer ihrem Sohn Mark und Ehemann Franz wusste keiner was. „Ich habe es niemandem erzählt – die hätten mich alle für verrückt erklärt“, sagt sie. Denn: 28 Jahre konsequentes Training? Schön wär’s eben. „Ich bin oft krank, habe 1000 Sachen, auch Probleme mit der Brustwirbelsäule, Lagerungsschwindel – und dazu immer wieder heftige Erkältungen“, erzählt die trotzdem so hochmotiviert und lebhaft klingende Sportskanone. „Gedanklich habe ich meinen Start 50 Mal abgesagt – zuletzt vier Tage vor dem Rennen.“

Die Vorbereitung? Mehr Improvisation als Ironman-Plan. „Ich bin insgesamt vielleicht 55 Kilometer geschwommen – ausschließlich im Becken. Gelaufen bin ich kaum, am meisten Zeit habe ich auf dem Crosstrainer verbracht. Radfahren ging besser, im Winter viel mit Zwift“, eine Online-Plattform für virtuelles Training. Kein klassisches Programm also. Aber das ging sie so an, wie es typisch für sie ist: mit Herz, Willen und einer Portion Trotz.

Ich bin oft krank. Ich will mich im Leben nicht immer unterkriegen lassen.

Der Renntag war ein Wechselbad der Gefühle. „Ich bin mit der vorletzten Startgruppe um 8.10 Uhr ins Wasser. Wäre das meine erste Langdistanz gewesen – ich hätte abgebrochen. Das Schwimmen war echt eine Katastrophe.“ Auf dem Rad lief es etwas runder, doch beim Marathon kam der Einbruch. Übelkeit, Dunkelheit, Erschöpfung. „Den Cut-Off bei Kilometer 30 hab ich gerade noch geschafft.“ Ausgerüstet mit neuer Stirnlampe, Ehemann und Sohn immer an ihrer Seite, ging es auf die lange Zielgerade Richtung Stadion. „Ohne die beiden hätte ich es nicht geschafft.“ Der Zieleinlauf um 23.05 Uhr „war das Größte. Dass ich noch einmal zu einem Ironman gekommen bin, ist eigentlich ein Wunder“.

Dorothee Bittner Iron Man Roth
Der Zieleinlauf kurz nach 23 Uhr „war das Größte“, schwärmt Dorothee Bittner, die zu dem Zeitpunkt fast 15 Stunden unterwegs gewesen ist. © privat

Das Stadion war zu der Zeit noch voll – tosender Applaus, Gänsehaut pur. „Das war ein einmaliger Moment. Diese Langdistanz ist das Wichtigste, was ich je gemacht habe. Ich bin so stolz“, sagt Bittner. Die BR-Abendschau berichtete sogar über sie. Dass sie in ihrer Altersklasse Letzte wurde, habe sie „nicht gejuckt“. Es sei einfach nur darum gegangen, es zu schaffen. Denn: „Ich will mich im Leben nicht immer unterkriegen lassen.“ Aufgeben? Keine Option. „Ich habe grundsätzlich eine positive Einstellung. Und oft an Jonas Deichmann gedacht, der die Challenge 120 Mal hintereinander gemacht hat. Wenn der das schafft, dann kann ich das einmal.“

Ist das Triathlon-Kapitel damit zu Ende? Nicht ganz. „Es hat einfach so viel Spaß gemacht – und ich habe ja auch einiges an Equipment angeschafft. Das muss ich jetzt auch nutzen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Im Blick: die Mitteldistanz am Brombachsee Ende August. Nur eines ist sicher: Als Geheimprojekt wird das diesmal nicht mehr funktionieren.

Caroline Cornfine, Markus Schwarzkugler

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