Mitglieder des Vereins Stolpersteine in Memmingen trafen sich zur Jahreshauptversammlung mit Neuwahlen, Ausblicken und einem spannenden Vortrag zum nationalsozialistische Euthanasieprogramm während der NS-Zeit in Kaufbeuren.
Memmingen – Vergangene Woche fand die Jahreshauptversammlung des Vereins „Stolpersteine in Memmingen e.V.“ in der Staatlichen Realschule statt. Im Vorfeld referierte Michael von Cranach, ehemaliger leitender ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, über das nationalsozialistische Euthanasieprogramm und die Rolle der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren in dieser Zeit.
Im Rahmen der Jahreshauptversammlung wurde ebenfalls ein neuer Vorstand gewählt. Rolf Spitz, der den Verein gut dreieinhalb Jahre lang geführt hatte, trat nicht erneut zur Wahl an. Die rund zwanzig anwesenden Vereinsmitglieder wählten einstimmig Dr. Thomas Epple zu seinem Nachfolger. Walter Stenzel wurde zum 2. Vorsitzenden gewählt. Das Vorstandsteam wird durch Egon Sterzer (Kassierer), Reinhard Forster (Schriftführer) sowie Jörg Link, Andrea Wanner, Rolf Spitz, Rolf Kleidermann und Simon Stein (Beisitzer) komplettiert.
In seinem Jahresrückblick hob Rolf Spitz einige Höhepunkte der vergangenen eineinhalb Jahre hervor. So wurden zwölf neue Stolpersteine verlegt, wodurch sich die Gesamtzahl in Memmingen auf 143 Steine an 56 Standorten erhöht hat. Die Pflege der Stolpersteine wird von der Staatlichen Realschule übernommen, deren Schülerinnen und Schüler zu den jeweiligen Personen recherchieren und Biografien erstellen.
Wissenswertes über die Stolpersteine
Stolpersteine sind eine Erinnerungsinitiative, die von dem Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufen wurde und heute von vielen lokalen Vereinen und Initiativen mitgetragen wird. Die quadratischen Steine aus Messing erinnern an Menschen, die in der Zeit der Nationalsozialisten ermordet, deportiert oder vertrieben wurden. Sie werden in der Regel vor der letzten frei gewählten Adresse der Opfer verlegt, sowohl in Deutschland als auch in über 30 anderen Ländern. Der erste Stein wurde 1992 in Köln verlegt.
Jahreshauptversammlung des Vereins „Stolpersteine“ – Neue Website
Ein weiteres bedeutendes Projekt des Vereins war die Gestaltung einer neuen Website (www.stolpersteine-mm.de), mit deren Ergebnis alle Beteiligten sehr zufrieden sind. Rolf Spitz betonte besonders das Logo, welches eine detaillierte Kartenansicht der Memminger Altstadt zeigt.
Der erste Satz auf der Website, ein Zitat aus dem Talmud, bringt das Kernanliegen der Stolpersteine auf den Punkt:
Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.
Jahreshauptversammlung des Vereins „Stolpersteine“ – Herausforderungen für die Zukunft
Dr. Thomas Epple, der neue Vorsitzende, umriss in seiner Antrittsrede die zukünftigen Herausforderungen. Neben der geplanten Verlegung weiterer Stolpersteine, die nächste ist erst für 2027 vorgesehen, nannte er als wichtige Ziele die Gewinnung neuer Mitglieder, insbesondere jüngerer Generationen und mehr Frauen. Er wies auch auf die mögliche Entwicklung der politischen Lage hin. In Kommunen, in denen Politiker der AfD in den Kommunalvertretungen (beispielsweise im Stadt- oder Gemeinderat) sitzen, gebe es Tendenzen, die Verlegung neuer Stolpersteine zu verhindern. In Memmingen sei dies bisher nicht der Fall gewesen. Man wolle die Entwicklung aber genau beobachten, so Epple.
Jahreshauptversammlung des Vereins „Stolpersteine“ – Ein dunkles Kapitel beleuchtet
Der Auftakt der Jahreshauptversammlung begann mit einem Blick in die Vergangenheit: einem Vortrag von Michael von Cranach über das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten und dessen Umsetzung in Kaufbeuren.
Von Cranach, der von 1980 bis 2006 leitender ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren war und sich seit Jahrzehnten für die Aufarbeitung der Psychiatriegeschichte in der NS-Zeit engagiert, wurde für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet.
Jahreshauptversammlung des Vereins „Stolpersteine“ – Aktion forderte Hunderttausend Menschenleben
Von Cranach erläuterte, dass dem Euthanasieprogramm, auch bekannt als „Aktion T4“, etwa 230.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Behinderungen zum Opfer fielen. Er betonte, dass die erste Phase der Euthanasie als „Probelauf des Holocausts“ zu betrachten sei.
In Kaufbeuren fielen dem Programm 240 Kinder zum Opfer. Das letzte Kind – und das löste unter den Zuhörerinnen und Zuhörern besondere Betroffenheit aus – starb im Juni 1945, also nach dem Ende des Krieges. Die Alliierten erreichten die Einrichtung erst mehrere Wochen später.
Die „Aktion T4“
Das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten wird auch „Aktion T4“ genannt. Das ist die Abkürzung für die Adresse der Koordinierungsstelle des Programms in Berlin: Tiergartenstraße 4.
Grundlage des Programms war der bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Umlauf gebrachte Gedanke, dass es unwertes Leben gebe und dieses getötet werden dürfte. Bereits 1920 erschien das Buch „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ des Juristen Karl Binding und des Psychiaters Alfred Hoch. Dieses Gedankengut fand bei den Nationalsozialisten Anklang.
Im Rahmen der „Aktion T4“ mussten Heil- und Pflegeanstalten sowie Behinderteneinrichtungen deutschlandweit Meldebögen zu ihren Patienten ausfüllen. Psychiater entschieden anhand dieser über Leben oder Sterben der Menschen. Bis Ende des Zweiten Weltkriegs fielen rund 230.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen oder mit Behinderungen diesem Programm zum Opfer.
Die Aufarbeitung dieser dunklen Kapitel der deutschen Psychiatriegeschichte begann erst in den 1970er Jahren mit einer neuen Generation.
Jahreshauptversammlung des Vereins „Stolpersteine“ – Aufarbeitung gegen das Vergessen
Erst Anfang 2025 beschloss der Bundestag ein Gesetz, das die Opfer der NS-Euthanasie und Zwangssterilisationen als Verfolgte des NS-Regimes anerkennt. Dies sei wichtig, denn so stehe der Forschung zu dem Thema sowie der Gedenkarbeit staatliche Förderung zu, so von Cranach.
Von Cranach betonte jedoch, dass es weiterhin lokaler Vereine und Initiativen bedarf, um das Erinnern an diese Verbrechen dauerhaft zu gewährleisten: „Es muss ein Gedenken von unten gefördert werden.“
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