Rein in die Kartoffeln: Das ist das Motto der Schwestern Elisabeth Widmann und Katharina Fichtner. Sie übernehmen den Heisshof in Ismaning von ihren Eltern. Ein seltener Fall, denn nur jeder zehnte Betrieb wird von einer Frau geführt.
Ismaing - Endlich hat es geregnet. Elisabeth Widmann (27) und Katharina Fichnter (29) knien am Feldrand und heben das Vlies, unter dem Frühkartoffeln wachsen. Die Pflänzchen sprießen schon zehn Zentimeter aus den Reihen. Elisabeth streicht prüfend über die Blätter. Seit Wochen hatte die Trockenheit den Boden staubig werden lassen – jetzt bringt der Regen Erleichterung, „er war dringend nötig“, sagt Elisabeth.
Vom Feld geht die Agrarigenieurin in eine Halle. Hier ist es dunkel und kühl, es riecht erdig nach Kartoffeln. Hier lagert die restliche Ernte vom Vorjahr. An einem Display kontrolliert sie Lüftung und Temperatur: „Fünf Grad in der Knolle, acht Grad in der Halle. Eigentlich optimal.“
Pflanzkartoffeln sind stichprobenartig auf Viren und Bakterien untersucht
Zugekauft werden nur die Mutterknollen, weil eigenes Pflanzgut das Risiko birgt, Krankheiten in den Boden zu bringen. „Deswegen haben wir immer einen hundertprozentigen Austausch.“ Die zertifizierten Pflanzkartoffeln sind stichprobenartig auf Viren und Bakterien untersucht. „Die bringen wir im Februar mit viel Wärme und Licht zum Keimen.“ Anfang März werden sie in den Boden gelegt und maschinell ein Erddamm darüber gehäuft. „Darin hat es die Pflanze schön warm.“ Im Juni soll die Ernte beginnen.
1500 Tonnen können die Widmanns einlagern. Annabell, Antonia, Monique, Agria, Sissi oder Bernina heißen die Sorten, die sie auf rund 100 Hektar anbauen. Alles Frauennamen – passend zur Hofnachfolge. Elisabeth übernimmt im Juli die Leitung von ihrem Vater Mathias Widmann (56) – in fünfter Generation. Das ist selten, denn nur jeder zehnte deutsche Betrieb wird von einer Frau geführt, oft mangels männlicher Nachfolger. Auch Elisabeth und Katharina haben keine Brüder. Aber die Eltern drängten sie nicht – die Initiative kam von den Töchtern selbst. „Ich bin schon als Kind gern mit dem Opa aufs Feld gefahren“, erzählt Elisabeth, mit 16 Jahren lenkte sie den Schlepper selbst und mit 21 den Lkw.
Am Hof surrt die Schälmaschine in einer Halle, in der früher Bullenmast betrieben wurde. Mitarbeiter, in Schutzkleidung und Handschuhen, kochen, schneiden und verpacken Kartoffeln. Katharina, die mit ihrem Mann ein paar Gehminuten entfernt wohnt, ist Nachwuchschefin der „Heisshof Schälbetrieb GmbH“. Mit Mutter Christine koordiniert die Betriebswirtin Bestellungen und Lieferungen an Großküchen, Gastronomie und Feinkostbetriebe.
Drei Generationen arbeiten Hand in Hand. Großvater Korbinian Reisinger hebt mit dem Gabelstapler einen Korb zum Förderband, dann sortiert er die Knollen: groß, mittel, klein. „Der Opa macht das ganz freiwillig“, sagt Elisabeth. Der ist mit 87 Jahren noch Kartoffelbauer durch und durch. Als 1996 die Pfanni-Werke schlossen, entschieden Korbinian und Anna Reisinger, deren Tochter Christine und ihr Mann Mathias Widmann, ihre Kartoffeln selbst zu veredeln und zu vermarkten. Seither gehören Produktion und Schälbetrieb zusammen, wie zwei Seiten derselben Medaille.
Nach schwerem Arbeitsunfall des Vaters übernehmen die Töchter
Doch als der Vater vor acht Jahren einen schweren Arbeitsunfall hatte, übernehmen die Töchter früher als gedacht Verantwortung. Katharina kommt nach einem Auslandssemester in Kanada zurück. Elisabeth legt ein Urlaubssemester ein und springt mit 19 Jahren ins kalte Wasser. „Untergehen war keine Option.“ Überwältigend sei die Hilfe der Ismaninger Landwirte gewesen: „Auch der Burschenverein hat bei der Ernte geholfen.“ Nach einer Reha kommt der Vater voll in den Beruf zurück.
Die landwirtschaftlichen Betriebe in Ismaning gehen auch Partnerschaften ein, um Felder zusammenzulegen oder die Fruchtfolge einzuhalten. So bauen Nachbarn nach der Kartoffelernte Mais oder Weizen an. Ein Tausch, von dem alle profitieren. Dieses vertrauensvolle Miteinander habe sie bei ihrer Berufswahl bestärkt, sagt Elisabeth.
„Unsere Böden sind unser Kapital“
Die Klimakrise mit Dürre oder Starkregen zwingt Landwirte, über ihre Anbaustrategien nachzudenken, von der Sortenwahl, über Dünger bis zur Bewässerung. Zum Glück können die Ismaninger Almböden Wasser gut speichern. „Unsere Böden sind unser Kapital“, sagt Elisabeth. Sorgen bereitet ihr eine neue Krankheit. Die Schilf-Glasflügelzikade wurde in mehreren Regionen registriert. „Wir hängen Klebfallen auf, um festzustellen, ob sie sich bei uns ausbreitet.“
Was die Eltern angefangen haben, wollen die Schwestern weiterführen: „Unser Schlüssel zum Erfolg ist, dass wir die selbst angebauten Kartoffeln vertreiben und die Wertschöpfung am Hof bleibt“, sagt Elisabeth: „Wenn wir zusammenhalten, haben wir gute Chancen.“ Nachfrage gibt es im Großraum München ja immer.