Wer aus seiner Heimat flieht und alles Vertraute, alles Liebgewonnene aufgibt, hat einen Grund. Für Rabia und Mujibullah Beena ist es die Herrschaft der Taliban in Afghanistan, die sie 2001 den Schritt in eine völlig andere Kultur wagen lässt. Die Familie strandet in Landsberg. „Schicksal“, sagen die beiden im Nachhinein. Denn inzwischen sind die Beenas und ihr Asia-Markt ein fester Bestandteil der Lechstadt.
Landsberg - Wer die Beenas besucht, klingelt an der Ladentür. Seit 2018 lebt die Familie im Vorderen Anger 226, über ihrem Asia-Markt. Hinter dem Tresen geht es zur Treppe in die verwinkelte, helle Altstadtwohnung. An der Wand hängen Fotografien. Bilder aus Afghanistan, Landschaften oder auch Steve McCurrys berühmtes Porträt eines afghanischen Mädchens. Die alte Heimat ist noch da. Und steht neben Familienfotos, die in Deutschland, in Landsberg entstanden sind. Und auf denen schon das zweite Kind der Beenas, die 2003 hier geborenen Tochter zu sehen ist.
„Am Anfang war es sehr schwer hier“, erinnert sich Rabia. Eine fremde Kultur, kein eigenes Zuhause, „wir hatten gerade mal noch 50 D-Mark“, erzählt Mujibullah. „Aber wir haben in Afghanistan keine Zukunft mehr für uns gesehen.“ Vor allem die Rolle der Frau, die die Taliban den Bewohnerinnen des Landes aufzwingt, ist Grund für die beiden, 2001 aus ihrer Heimat zu fliehen. Nach mehreren Monaten kommen die Beenas im Juli nach Landsberg. Die junge Familie, deren Sohn damals gerade ein Jahr alt ist, landet in der Asylunterkunft am Schongauer Dreieck – zentrale Erstaufnahmeeinrichtungen gab es da noch nicht.
„Sieben Monate sind wir dort geblieben“, erzählt die 51-jährige Rabia. Danach konnten sie in eine Wohnung in der Augsburger Straße umziehen. Denn nach dem 11. September 2001 werden die Beenas als Geflüchtete anerkannt. Und Mujibullah fängt sofort an, in einer Fleischerei in Landsberg zu arbeiten. „Ich habe nicht viel Lohn netto gehabt“, erzählt der Afghane, weshalb er auch noch Pizzen ausliefert.
Auf Risiko
„Die Miete war aber relativ niedrig“, weiß Rabia, „und wir haben sehr anspruchslos gelebt.“ Weshalb sie auch sparen können, um sich vor 18 Jahren, am 2. August 2007, ihren Traum erfüllen zu können: einen eigenen Laden, in dem sie Obst, Gemüse und asiatische Lebensmittel anbieten, zu einer Zeit, als es noch nicht in jedem Supermarkt ein Regal mit Asiatischem gibt. „Wir haben uns damals gesagt, jetzt gehen wir auf Risiko, gewinnen oder verlieren“, erinnert sich Mujibullah. „Verhungern werden wir nicht. Irgendeine Arbeit finde ich immer.“
Das „Zu vermieten“-Schild des ersten Ladens im Vorderen Anger 287 sehen die beiden zufällig bei einem Stadtspaziergang. Sie wagen es, bestellen Asia-Lebensmittel aus den Niederlanden oder auch Belgien, bieten frisches Obst und Gemüse – und es funktioniert. „Wir haben von Anfang große Hilfe und Unterstützung von der Stadt und vor allem von den Landsbergern bekommen“, sagt der heute 51-Jährige Mujibullah. „Der erste Laden war noch sehr klein, aber viele sind extra zu uns gekommen. Landsberg ist für uns sowas wie ein Sechser im Lotto.“
Genauso wenig wie Erstunterkünfte gibt es damals verpflichtende Sprachkurse für Geflüchtete. Deutsch lernen beide durch ihre Arbeit: im Gespräch mit den vielen Kunden, die ihnen treu sind. Und es auch bleiben: „Wir haben heute noch Kunden, die von Anfang an zu uns gekommen sind“, sagt Mujibullah. Einige seien auch Freunde geworden.
Im Blumenladen
2012 erhalten die Beenas die Kündigung ihres Mietverhältnisses – aber sie haben Glück: Nur ein paar Meter weiter, im Vorderen Anger 262, bis dato ein Kleidergeschäft, wird ein Nachmieter gesucht. Der dortige, zweite Asia-Markt ist schon etwas größer. Und bleibt Heimat für das Geschäft der Beenas bis 2018. Da erhält die Familie wieder eine Kündigung, weil das Haus einen neuen Eigentümer hat. Bis sie etwas finden, dauert es diesmal ein bisschen länger. Aber es klappt – wieder im Vorderen Anger, sogar direkt gegenüber. Denn dort schließen die Strassers nach 19 Jahren ihr Blumengeschäft. „Ihr sucht doch etwas“, fragt Helmut Strasser die Beenas – die im September 2018 nicht nur das Geschäft, sondern gleich das ganze Haus anmieten. „Wir haben da wieder so viel Glück gehabt“, sagt Rabia.
Dass die Beenas ihren Asia-Markt seit so langer Zeit halten können, fußt auf großem Engagement, auf Glück – und auf viel Arbeit. Dreimal pro Woche steht Mujibullah nachts um zwei auf, um drei Uhr ist er am Großmarkt in München zum Einkaufen. Beim Einräumen und Organisieren der Ware helfen inzwischen zwei Minijobber, danach stehen Mujibullah oder seine Frau an der Kasse.
Ab und zu helfen auch ihre beiden Kinder – sozusagen ein Familienbetrieb. „Unsere Tochter hat als kleines Kind oft direkt unterm Tresen geschlafen“, erinnert sich Rabia und lacht. „Beide Kinder sind sozusagen im Laden groß geworden. Sie helfen, seit sie helfen können. Sie kennen das von Anfang an und unterstützen uns auch heute noch.“ Die 22-jährige Tochter ist Bankkauffrau, der Sohn macht jetzt mit 25 seinen Master als Wirtschaftsprüfer, erzählen die stolzen Eltern.
In Frieden leben
Die Beenas werden nicht zurückgehen. Sie wollen es auch nicht: In Afghanistan sind seit 2021 wieder die Taliban an der Macht. Natürlich bleiben die Erinnerungen an ihre Heimat. Aber in Landsberg haben sie ein Zuhause gefunden. „Wir können hier in Frieden und ruhig leben. Unsere Kinder haben eine Chance, ihr Leben zu gestalten. Und dafür ein großes Dankeschön an Landsberg von der Familie Beena.“