„Hier wird nichts gespritzt“: Ismaninger Landwirt hat ein Herz für alte Apfelsorten

  1. Startseite
  2. Lokales
  3. München Landkreis
  4. Ismaning

Kommentare

Eine Ausbildung zum Baumwart hat Stephan Haller 2024 als Jahrgangsbester abgeschlossen.  © Dieter Michalek

Stephan Haller (29) aus Ismaning ist Obstbauer aus Leidenschaft. Doch ohne die Liebe für Äpfel, Birnen und Co. hätte der gelernte Kaufmann im Einzelhandel den Hof der Familie wahrscheinlich nicht weitergeführt.

Hunderte Äpfel hängen an den Ästen der mehrere Dutzend Bäume im Garten von Stephan Haller in Ismaning. Sie leuchten in verschiedenen Rot-, Grün- und Gelbtönen, manchmal auch in einer Mischung aus allen. Dazwischen stehen Zwetschgen- und Birnbäume, ebenso prall gefüllt mit Früchten. Jedes Gewächs ist eine andere Sorte, denn hier im Hausgarten, wie Haller den Grund neben Haus und Hof nennt, der früher als Kartoffelacker genutzt wurde, experimentiert er gerne und probiert sich aus beim Obstanbau. „Zur Firmung habe ich meinen ersten Apfelbaum bekommen“, sagt der 29-Jährige und deutet auf ein prächtiges Exemplar. Damit war die Leidenschaft entfacht – und hält bis heute an.

90 verschiedene Sorten

Haller schlendert durch den Obstgarten, Blätter streifen sein T-Shirt mit der Aufschrift „Ein Herz für alte Apfelsorten“. Denn weder Zuhause noch auf seiner Streuobstwiese in einigen hundert Metern Entfernung sind Supermarkt-Vertreter wie Gala, Braeburn, Golden Delicious oder Granny Smith zu finden. „Ich habe 90 verschiedene Sorten und die Wunschliste ist noch lange nicht erfüllt, doch es sich alles alte Apfelsorten, die es im Obstregal gar nicht zu kaufen gibt.“ Roter Bellefleur, Brettacher, Gravensteiner oder Prinz Albrecht hängen an den Bäumen im Ismaninger Moos. „Die sind nicht nur viel verträglicher. Ein Prinz-Albrecht-Apfel enthält etwa so viel Vitamin C wie fünf Gala-Äpfel“, sagt der Nebenerwerbslandwirt. „Außerdem kommen bei vielen Menschen, alte Erinnerungen an ihre Kindheit hoch, wenn sie die Namen der Sorten hören oder den Geschmack wiedererkennen.“ Hallers Liebling ist der Berlepsch, ein rot-grüner Apfel, der „fest und saftig ist, fein säuerlich schmeckt und ein edles Aroma hat“.

Junglandwirt Stephan Haller aus Ismaning, 25.08.2025Foto: MichalekFeld mit Obstbäumen
„Wir haben hier Glück mit dem Almboden, der speichert viel Feuchtigkeit“, sagt Haller. So können die Bäume auf der Streuobstwiese auch bei längerer Trockenheit wachsen. © Michalek

Wissen aus Büchern und Kursen angeeignet

Mitten im Hausgarten von Stephan Haller steht ein mehrere Meter hoher, rund 40 Jahre alter Birnbaum, den sein Großvater gepflanzt hat. „Der war kurz vorm Vergreisen, hatte kaum Wachstum und Früchte. Ich habe ihn vor ein paar Jahren dann geschnitten und seitdem geht es ihm wieder super.“ Sein Wissen hat sich der 29-Jährige, der als Kaufmann im Einzelhandel arbeitet, in den vergangenen 15 Jahren mithilfe von Büchern, aber auch Kursen angeeignet. Erst 2024 hat er eine Ausbildung zum Baumwart in Niederbayern gemacht und sie als Jahrgangsbester abgeschlossen. „Ich habe viel gelernt von Veredelung über Schnitt, Sortenbestimmung und Ernte – aber am meisten bringt mir doch die Erfahrung.“

Junglandwirt Stephan Haller aus Ismaning, 25.08.2025Foto: MichalekStephan Haller zeigt eine Veredelungsstelle
In seinem Hausgarten pflanzt Haller fast keine neuen Bäume, er veredelt. © Dieter Michalek

Bäume wieder gesund dank Veredelung

Dank dieser muss Haller, wenn er eine neue Sorte ausprobieren möchte, nicht jedes Mal einen neuen Baum pflanzen, er veredelt den Bestand. Wie das geht, zeigt er am Beispiel der Rubinola. Die Schorf-Resistenz des Herbst-Apfelbaums ist mit der Zeit gebrochen, die Früchte bekamen immer wieder olivgrüne bis braunschwarze Flecken auf der Schale, Fäulnis breitete sich schneller aus. „Ich habe den Baum radikal geschnitten“, sagt Haller und zeigt auf die Stelle, wo er den alten Baum mit der neuen Sorte verbunden hat. „Mit insgesamt sechs Sorten habe ich veredelt. Seitdem ist der Baum wieder gesund und hat keinen Schorf mehr.“ Zwar könnte Haller die Krankheit auch mit Pflanzenschutzmittel bekämpfen – was deutlich weniger Zeitaufwand bedeuten würde, für den Nebenerwerbslandwirt kommt der Einsatz von Pestiziden aber nicht infrage. „Ich benutze nur natürlichen Dünger, hier wird nichts gespritzt“, sagt Haller. „Ich will mit gutem Gewissen in den Apfel beißen.“

„Den Apfel muss man behandeln wie ein rohes Ei“

Die ersten Früchte – Klarapfel oder Discovery – hat Haller schon geerntet. Hauptzeit ist allerdings Mitte September, wobei Haller heuer weniger Äpfel von den Bäumen pflücken wird, als im vergangenen Jahr. „Da hatten wir eine sensationelle Ernte.“ Nach einem ertragreichen Jahr folgt ein schwächeres. Wichtig ist bei der Ernte: „Den Apfel muss man behandeln wie ein rohes Ei“, weiß Haller. Er bekommt leicht Druckstellen, deshalb erfolgt alles in Handarbeit. Außerdem müssen die Früchte, wenn sie vom Baum geklaubt werden, trocken sein, sonst droht Pilzbefall.

Junglandwirt Stephan Haller aus Ismaning, 25.08.2025Foto: MichalekBaja Marisa
Eine besondere Sorte: Die Baya Marisa zeichnet sich durch ihr rotes Fruchtfleisch aus. © Dieter Michalek

Nach der Ernte kommen die Äpfel in den 24 Quadratmeter großen Kühlraum, den Haller vor rund einem Jahr errichtet hat und der mit Strom von der PV-Anlage auf dem Dach betreiben wird. Hier überwintert das Obst bei drei Grad. „Davor haben wir die Äpfel in einem kühlen Raum im ehemaligen Stall gelagert. Das war aber oft noch zu warm.“ Denn die richtige Lagerung ist das A und O. „Sonst werden die Äpfel schnell mehlig.“ Auch Hobby-Obstbauern rät er, die Ernte in „einem ausrangierten Kühlschrank im Keller“ zu lagern – für den besseren Geschmack.

66 Bäume auf 6000 Quadratmetern

Nachdem Haller der Hausgarten schnell zu klein wurde, hat er weitere Apfelbäume auf einem Grundstück einige hundert Meter vom Hof entfernt gepflanzt. Mittlerweile stehen auf der 6000 Quadratmeter großen Streuobstwiese, die etwas kleiner als das Fußballfeld der Allianzarena ist, 66 Bäume. „Leider bedienen immer wieder Leute. Das ist sehr ärgerlich, denn es steckt viel Zeit und Kosten dahinter.“ In Zukunft will Haller eine weitere Streuobstwiese auf einem Feld anlegen, das bis vor Kurzem zu nass für die Landwirtschaft war. „Da die Niederschlagsmenge immer mehr zurückgeht, können wir den Grund bald nutzen.“ Ein seltener positiver Aspekt des Klimawandels, doch es gibt auch negative. Durch lange Trockenheiten breiten sich Krankheiten wie der Schwarze Rindenbrand leichter aus.

Junglandwirt Stephan Haller aus Ismaning, 25.08.2025Foto: MichalekGrafensteiner
„Die Natur ist der schönste Zeichner“: Jeder Apfel in Hallers Hausgarten sieht anders aus. © Dieter Michalek

Auch wenn Stephan Haller seine Äpfel sehr gerne selbst isst – am liebsten als säuerliches Apfelmus zum Kaiserschmarrn, verkauft er auch einen Teil des Kernobsts. „Aktuell nur per Bestellung.“ Wer Interesse hat, kann sich unter haller.obst@gmail.com melden. Sobald alle Bäume auf der Streuobstwiese Früchte tragen, rechnet der 29-Jährige mit einem Ertrag von rund sechs Tonnen. „Da möchten wir den Verkauf einen festen Tag die Woche öffnen“, sagt Haller.

Von der Haupt- zur Nebenerwerbslandwirtschaft

Stephan Haller stammt aus einer Landwirtfamilie mit Ackerbau und Viehwirtschaft. Früher war der Hof noch im Ort angesiedelt, bis die Großeltern ins Moos zogen. Sein Vater, der mittlerweile in Rente ist, war Haupterwerbslandwirt. Heute baut er noch Kartoffeln und Kraut an. Der 29-Jährige hat sich dazu entschieden, den Hof im Nebenerwerb weiterzuführen und als Kaufmann im Einzelhandel zu arbeiten. „Hätte ich die Leidenschaft für den Obstanbau nicht entdeckt, würde es den Hof nicht mehr geben. Man braucht etwas das einem Spaß macht, vor allem wenn man es im Nebenerwerb macht, das ist ja alles in der Freizeit.“ Während beim Obstbau der Sommer und Winter eher ruhig sind, hat Haller während der Ernte im Herbst alle Hände voll zu tun, im Frühjahr geht es an den Schnitt.

Auch interessant

Kommentare