Die Kanzlerin bereut nichts: Seehofer rechnet mit Merkel-Memoiren ab – „steht nichts Neues drin“

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An der Migrationsfrage wären CDU und CSU fast zerbrochen – in ihren Memoiren beschreibt Angela Merkel nun unter anderem ihre Sicht auf 2015. Erkenntnisgewinn: gering. Dafür muss ihr alter Rivale Horst Seehofer nun doch kein Buch schreiben.


München – Nicht, dass es zwischen diesen beiden Männern noch einen Wettstreit gäbe, aber wollte man ihn suchen, dann läge Horst Seehofer weit in Führung. Nur wenige kommen in den gerade erschienenen Memoiren Angela Merkels so oft vor wie der frühere CSU-Chef (an zwölf Stellen), viele müssen sich mit einer Erwähnung begnügen oder, wie Markus Söder, mit drei. Wurmt ihn das? Vielleicht. Muss es? Eher nicht. Denn man kann es auch so lesen: Söder mag Randfigur sein – Seehofer ist Reizfigur.

Merkel-Memoiren: Altkanzlerin schreibt auch über Spannungen mit Seehofer

Es ist ja kein Geheimnis, dass es zwischen Merkel und der CSU oft nicht harmonisch zuging. Besonders in Erinnerung bleibt die Zeit ab Herbst 2015. Seehofer, damals bayerischer Ministerpräsident und CSU-Chef, stemmte sich mit Gewalt gegen Merkels Migrationskurs, sprach von einer „Herrschaft des Unrechts“, manche orakelten die Spaltung der Union herbei. So kam es nicht. Trotzdem arbeitet sich die Altkanzlerin in „Freiheit“ auch an der CSU ab, etwas zumindest.

Es ist keine harte Abrechnung, eher eine zwischen den Zeilen. Merkel beschreibt die Ereignisse von 2015 ohne inhaltliche Überraschungen, aber detailreich. Da ist zum Beispiel jener Abend Anfang September, als sie mit Seehofer klären will, ob man die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge ins Land lassen solle, ihn aber nicht erreicht. Erst am nächsten Tag, die Entscheidung ist getroffen, telefonieren sie. Der CSU-Chef habe ihr gesagt, das sei ein Fehler, der nicht rückgängig zu machen sei, schreibt Merkel. „Ich hatte geantwortet, dass ich das anders sähe. Das Telefonat war so deprimierend verlaufen, wie ich es bereits geahnt hatte.“

Typisch Merkel: kein direkter Vorwurf, null Sprengkraft, aber ein Fingerzeig, dass sie nichts zu bereuen habe. So geht das weiter. Im Ton kühl, im Stil oft langatmig, beschreibt sie protokollartig, wie das damals aus ihrer Sicht war. Für Emotionen ist da kaum Platz, nur hier und da ahnt man, woran Merkel zu knabbern hatte. An jenen berühmten CSU-Parteitag, bei dem Seehofer ihr quasi auf offener Bühne eine Standpauke hielt, erinnert sie sich so: „Ich dachte: Hier stehst du jetzt als Parteivorsitzende, das ficht dich nicht an, das bekommst du hin. Aber du bist auch Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Was wird das in Brüssel, was wird das in der Türkei für einen Eindruck machen, wenn die dich hier sehen?“ Das sei der „Tiefpunkt“ in ihrem Verhältnis zu Seehofer gewesen.

Seehofer rechnet mit Merkel-Buch ab: „Ich fühle mich bestätigt“

Es ist nicht allein das Migrations-Thema, das die akribische, sicher bemühte Memoiren-Schreiberin Merkel mit der CSU hadern lässt. Sie wirft der Schwesterpartei auch vor, ihr Entscheidungen anzulasten, die die CSU selbst vorangetrieben hat: den Atomausstieg, die Abschaffung der Wehrpflicht. Und doch ist Asyl, um mit Seehofer zu sprechen, die Mutter aller damaligen Probleme zwischen Merkel-CDU und CSU.

Heute ist die Wunde wenn nicht verheilt, dann doch gut bandagiert und Seehofer selbst sieht in Merkels Buch keinen Grund, sie nochmals zu öffnen. „Da steht in der Tat nichts Neues drin“, sagte der 75-Jährige unserer Zeitung. „Ich sehe das deshalb gelassen, weil niemand ernsthaft bestreiten kann, dass die Entwicklung mir Recht gegeben hat.“

Er selbst blickte vor Wochen noch etwas bang auf die Veröffentlichung, sagte, am liebsten wäre ihm, er käme gar nicht in Merkels Buch vor. Nun ja, es blieb bei dem Wunsch. Den Gedanken, eventuell selbst noch ein Buch zu schreiben, eine Entgegnung quasi, hat Seehofer trotzdem verworfen. „Das wäre eine Überreaktion“, sagte er. „Mir reicht, dass mir viele Leute sagen: ‚Sie haben damals recht gehabt‘.“ Es gehe ihm dabei nicht um Rechthaberei. „Wenn ich auf die heutigen Auswirkungen der damaligen Politik blicke, fühle ich mich einfach bestätigt.“

Merkel-CSU-Beziehung: Flüchtlingsfrage belastete das Verhältnis

Man sollte bei alldem auch erwähnen: Die schwierige Merkel-CSU-Beziehung hat sich über die Jahre entspannt. Söder verlieh der Altkanzlerin Mitte 2023 den bayerischen Verdienstorden, Seehofer lobt immerhin, später habe man ein „vernünftiges Verhältnis der Zusammenarbeit“ gehabt. Merkels Buch kennt er nur in entscheidenden Auszügen, will es aber ganz lesen. „Ja, ich werd’s lesen, im neuen Jahr sicher“, sagte er. Gerade habe er aber anderes zu tun.

Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) sollte einen Teil ihres Honorars aus der Veröffentlichung ihrer Memoiren spenden – das findet einer Umfrage nach eine große Mehrheit der Bevölkerung. In einer am Dienstag veröffentlichten Forsa-Befragung für den „Stern“ sprachen sich 69 Prozent der Befragten dafür aus. 24 Prozent sehen das nicht so, sieben Prozent äußerten sich nicht. Frauen (76 Prozent) raten Merkel etwas häufiger zur Spende als Männer (62 Prozent). Dass die Ex-Kanzlerin ihre Honorare ruhig ganz für sich behalten sollte, meinen am ehesten noch die Anhänger der FDP, aber auch unter ihnen keine Mehrheit (41 Prozent). Die Höhe von Merkels Honorar für das am Dienstag veröffentlichte Buch „Freiheit“ ist nicht bekannt, auch nicht, ob Merkel die Summe ganz oder zum Teil spendet. Ihr Büro äußerte sich dazu im Stern nicht.

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