Am heutigen 2. April ist Welt-Autismus-Tag. Aus diesem Anlass haben die Dachauer Nachrichten mit Betroffenen gesprochen. Die Beispiele zeigen: Autismus ist unglaublich vielseitig.
Die Botschafterin
Nele steht nicht gerne im Mittelpunkt. Trotzdem hat die Achtjährige all ihren Mut zusammengenommen, und hat für einen Kinderwissens-Podcast ihre Geschichte geteilt. Denn Nele ist eine Sache wirklich wichtig ist: Sie will endlich, dass Vorurteile aufhören, wünscht sich, dass Menschen verstehen, was Autismus bedeutet. „Autismus ist keine Krankheit“, betont die Achtjährige. „Mein Gehirn funktioniert nur anders!“
Anders heißt im Fall von Nele, dass ihr die Umgebung schnell zu laut erscheint. Wie zum Beispiel in der Schule in der Pause. Oder dass sie es anfangs nicht aushalten konnte, wenn sie fremde Menschen berührt haben. Nele geht in die zweite Klasse der Grundschule in Weichs; bei ihr wurde das Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus, diagnostiziert. Mama Annika Rehfeldt ist stolz, wenn ihre Tochter mittlerweile sagen kann, was sie braucht. „Manchmal fällt es ihr schwer, zu verstehen, was jemand im Gespräch wirklich gemeint hat, dann kann es zu Missverständnissen kommen.“ Aber Nele hat einen einfachen Wunsch, der jede Situation für alle Beteiligten einfacher machen kann: „Die Menschen sollen fragen, wie man was gemeint hat, oder was man gerade braucht!“ Reden hilft eigentlich immer. So wie damals mit dem Mädchen, das dachte, Autismus sei eine Krankheit. Heute sind die beiden Freundinnen. Annika Rehfeldt wünscht sich vor allem, dass Menschen ihren Kindern aufgeschlossen und mit der nötigen Offenheit und Verständnis begegnen – wie die Schule von Nele. „Oft ist das Gehirn einfach überfordert, es kann die Reize nicht zwischen wichtig und unwichtig filtern. Das ist sehr, sehr anstrengend“, betont sie. Sie weiß, wovon sie spricht, auch bei ihrer älteren Tochter wurde das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Ihre Erfahrung: Jeder Autist ist anders, deswegen ist es so wichtig, miteinander zu reden anstatt zu urteilen.
Der Multitasker
Fabian Wedler war zehn Jahre alt, als bei ihm das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde. Er kann Gespräche Anderer nicht ausblenden. Wenn viele Menschen gleichzeitig durcheinander sprechen, wird ihm schwindlig, sein Kopf dröhnt, er verliert die Orientierung. Auch fällt es ihm schwer, sich in seine Mitmenschen hineinzuversetzen, ihre Emotionen zu deuten. „Als Kind und Jugendlicher war es schmerzhaft für mich, eine S-Bahn zu betreten“, erinnert sich der 27-Jährige heute.
Doch im Laufe der Zeit habe er gelernt, besser mit solchen Situationen umzugehen. Zum Beispiel, indem er sich stark auf eine bestimmte Sache konzentriert. „Wenn ich zu 100 Prozent immer das vermeide, was unangenehm ist, dann würde meine Lebensqualität darunter leiden. Ich habe lieber Kopfschmerzen, als alleine in der Wohnung zu sitzen“, sagt er. Seit sechs Jahren führt er ein eigenständiges Leben. Er wohnt alleine in einer Mietwohnung, fährt zur Arbeit. In der Gemeindeverwaltung in Hebertshausen hat er seinen Traumjob gefunden: kleine Büros, verständnisvolle und einfühlsame Kollegen. Zunächst war er als Angestellter in der Finanzverwaltung tätig, nun ist er im Bauamt.
Sein Autismus ist für ihn kein Hindernis, im Gegenteil: „Ich habe eine Art Multi-Tasking mittlerweile.“ Fabian Wedler nimmt beiläufig Informationen auf, die anderen entgehen. Das erleichtert ihm, souverän aufzutreten, wenn er einen Kollegen im Kundengespräch vertritt. Im Rathaus fühlt sich Fabian Wedler wohl. Besonders am Freitag spätnachmittags. Wenn in einer Behörde eigentlich schon Feierabend ist. Denn dann kann Fabian Wedler sich seiner Arbeit widmen, so wie er es am liebsten tut: völlig ungestört und in absoluter Ruhe.
Der Hilfsbereite
Früher hatte Lukas Schmidt, 14, aus Vierkirchen, mehr Spleens: Er konnte mit zweieinhalb Jahren über keine Staubfluse am Boden steigen, verwendete beim Lego-Bauen nur eine Farbe und Größe. „Außerdem war er akut weglauf-gefährdet“, berichtet seine Mutter. „Sogar, wenn er an der Hand ging: Hat er auf der anderen Straßenseite eine bunte Blume gesehen, ließ er los und ging über die Straße.“ Doch viele Dinge, die im Kindergarten- und Grundschulalter noch schwierig waren, haben sich verwachsen, erzählt Stefanie Schmidt. Lukas, bei dem das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde, geht auf die Elisabeth-Bamberger-Schule. Wie seine Mutter berichtet, habe er null Zeitgefühl – „ob fünf Minuten oder fünf Stunden vergehen, bemerkt er nicht“. Zudem kann er Geschwindigkeiten und Entfernungen nicht abschätzen, etwa beim Straße überqueren. Und er kann sich schlecht orientieren. „Er läuft in seiner eigenen Welt durch die Gegend“, erklärt Stefanie Schmidt. Worum die Mutter ihren Sohn aber beneidet: „Er hat nie Stress, er wird nie einen Burnout bekommen!“
Meine News
Und Lukas ist „unheimlich hilfsbereit und höflich, das sagen die Lehrer, und das wurde aus dem Rathaus in Hebertshausen berichtet, wo er ein Schülerpraktikum gemacht hat“. Lukas sieht, dass etwas zu tun ist, und erledigt es. Außerdem liest er gerne, ist sprachgewandt und hat einen guten Wortschatz. Er redet viel über Dinge, die ihn interessieren. Der 14-Jährige spielt gerne Tischtennis, mag Radlfahren und Stand-up-Paddling mit seinem Opa. Lukas hat schon Vorstellungen, was seinen Traumberuf angeht: Der große Lego-Liebhaber möchte im Legoland Legomodelle bauen oder sich bei Ravensburger Kartenspiele ausdenken – auch jetzt schon entwirft er selbst Spielkarten und erstellt Regeln. Ein weiterer Traumberuf: Spiele für die Spielekonsole Switch im Silicon Valley testen. „Wobei ihm auch das Praktikum zum Verwaltungsfachangestellten viel Spaß gemacht hat“, sagt Lukas Mutter. Er hat ja noch Zeit – nur keinen Stress.
Autismus
Autismus-Spektrums-Störung – man unterscheidet nicht mehr zwischen frühkindlichem Autismus, Asperger-Autismus und Atypischem Autismus – äußert sich sehr vielfältig und variiert stark in Ausprägung und Intensität. Es gibt Autisten, die ausgeprägte Sonderinteressen haben, bis hin zu Autisten, die nie sprechen oder Schwierigkeiten in sozialen Situationen haben. Menschen, die mit Autisten arbeiten, und Mitmenschen im Umfeld brauchen Aufklärung. Es ist wichtig, bestimmte Gegebenheiten zu schaffen und auf Dinge zu achten, dann funktioniert die Inklusion in der Gesellschaft.