Südtirols Almen sind im Ausnahmezustand: Warum Berghütten wie das Schlernhaus kaum noch mit dem Touristenandrang klarkommen.
Bozen – Die Sehnsucht nach Natur und Ursprünglichkeit treibt immer mehr Menschen in die Berge. Doch was für Wanderer ein Traumziel ist, wird für Hüttenwirte zur Belastungsprobe. „Unser Betrieb ist nicht für so viele Leute gemacht. Das kannst du nicht mehr bewältigen“, klagt Hüttenwirt Harald Gasser im Gespräch mit Rai Südtirol. Ihm gehört das Schlernhaus – ein Ort, der einst für Ruhe, Abgeschiedenheit und alpine Einfachheit stand. Doch die Idylle wird zunehmend von Touristenmassen gestört.
Idylle unter Druck: Familie Gasser kämpft mit Überfüllung auf dem Schlernhaus
Seit 50 Jahren führt Familie Gasser das Schlernhaus. Viel hat sich in dieser Zeit nicht verändert. Zumindest nicht, was die Ausstattung angeht. WLAN? Fehlanzeige. „Ich sage zu den Gästen immer: Nehmen Sie sich Zeit. Schauen Sie zum Fenster raus. Genießen Sie das Panorama“, so Hüttenwirtin Silvia Gasser gegenüber Rai Südtirol.
Heute macht der Übertourismus der Alpen der Familie zu schaffen. Tausend Essen am Tag seien keine Seltenheit. Die Küche sei längst am Limit, das Personal schwer zu finden. „Mittlerweile ist die Suche beschwerlich, früher war das anders“, erinnert sich der Seniorchef.
Belastungsgrenze erreicht: Experten warnen vor Folgen des Massentourismus
Die Entwicklung ist kein Einzelfall. Laut Zahlen des Wirtschaftsinstituts der Handelskammer Bozen zählte Südtirol über 33,5 Millionen Übernachtungen zwischen Januar und Oktober 2024. Das ist ein Anstieg von 1,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Region rechnet auch für 2025 mit einem weiteren Anstieg der Besucherzahlen, vor allem aus dem Ausland.
Hüttenwirte und Experten berichten immer häufiger von den Belastungen, die der Boom mit sich bringt: Südtirol sei an vielen Orten an seine Belastungsgrenze angekommen. Thomas Zelger, Präsident der Südtiroler Bergführer, warnte auf der Jahreshauptversammlung von Bergführern und Wanderleitern, dass die Entwicklung „aus dem Ruder gelaufen“ sei. Lange Staus, überfüllte Hütten und fehlende Infrastruktur seien die Konsequenz.
„Ich möchte, dass die Einfachheit von einem Schutzhaus erhalten bleibt.“
Die Auswirkungen zeigen sich jetzt schon deutlich. Restaurants, Gaststätten und Übernachtungen werden immer teurer. Eine Entwicklung, die sich auch auf die Einheimischen auswirkt und für Empörung sorgt. So berichtete kürzlich eine Südtirolerin von ihrem Ausflug in die Berge. Sie habe das schöne Winterwetter und die „urige“ Atmosphäre in einem Lokal genossen, doch die Preise „lassen einen den Kopf schütteln“.
Auch die Juniorchefin des Schlernhauses wünscht sich die alten Zeiten zurück: „Ich möchte nicht den übermäßigen Standard bieten, den sich die Leute mittlerweile erwarten“, sagt sie. „Ich möchte, dass die Einfachheit von einem Schutzhaus erhalten bleibt.“ (pk)