FOCUS online bei Klaasohm-Fest - „Mädels fehlt das heute“: So reden sich Borkumer ihre bizarre Prügel-Tradition schön

Jahrzehntelang blieb das Brauchtum weitgehend unbeachtet, plötzlich blickt die gesamte Republik auf Borkum. Am Donnerstag haben die Insulaner einmal mehr ihr Klaasohm-Fest gefeiert – erstmals, ohne dass Frauen mit Kuhhörnern geschlagen wurden.

Ein Bericht von „Panorama“ und „STRG_F“ über diese Praxis hatte Ende November bundesweite Empörung ausgelöst. Mehrere Frauen hatten von starken Schlägen, teils auch gegen ihren Willen, erzählt.

Borkumer sehen ihr Klaasohm-Fest beschmutzt

Auf Borkum selbst herrscht darüber vor allem eins: Unverständnis. Allerdings nicht über die kritisierte, langjährige Praxis des Schlagens, sondern über die Berichterstattung dazu. Die Insulaner fühlen sich missverstanden , unter Generalverdacht gestellt, sie sehen ihr wichtigstes Fest beschmutzt und auf einen Nebenaspekt reduziert.

Viele wollen gar nicht mit Pressevertretern reden, die meisten nur anonym. Das Bild, das sie von Klaasohm zeichnen, ist ein ganz anderes. „Ganz Borkum kommt zusammen, wir feiern und haben Spaß“, sagt eine Borkumerin im Gespräch mit FOCUS online.

„Nein war immer nein, das wurde respektiert“

Trotz der Anspannung angesichts der unverhofften Aufmerksamkeit herrscht am Donnerstagabend eine ausgelassene Stimmung. Die Restaurants und Kneipen sind gefüllt, immer wieder schallen Tröten und Töne aus Kuhhörnern durch die Straßen, gelegentlich auch Böller.

Der Leuchtturm wirft seine Lichtkegel in den Nachthimmel. Währenddessen ziehen die drei Klaasohm-Gruppen durch die Straßen, nachdem sie ihre Showkämpfe abgehalten haben. „Es regt mich auf, dass alles so zerrissen und falsch dargestellt worden ist“, sagt die Borkumerin in der Fußgängerzone.

Kern des Fests sei immer das Zusammenkommen gewesen. Viele Borkumer kehren extra für den Tag vom Festland zurück in die Heimat, um ihre alten Freunde zu sehen. „Das ist alles echt toll gewesen“, sagt die Borkumerin, „das Gemeinschaftsgefühl ist ziemlich krass.“ Jährlich begrüßen die Insulaner Hunderttausende Gäste. Doch Klaasohm sei der Tag nur für sie gewesen. In all den Jahren habe sie nie Gewalt gegen Frauen erlebt. „Nein war immer nein, das wurde respektiert“, so ihre Erfahrung.

Bericht über Klaasohm: „Da wurden Extremfälle geschildert“

Gleichwohl sind da die Berichte und Videos, die einen anderen Eindruck erwecken . Wie Frauen festgehalten und mit dem Kuhhorn auf ihren Hintern geschlagen wird, nach ihren Aussagen auch gegen ihren Willen. Sie berichten von blauen Flecken und tagelangen Schmerzen beim Sitzen. „Da wurden Extremfälle geschildert“, sagt ein Jugendlicher Borkumer und wirft den Reportern vor, nicht das ganze Fest gezeigt zu haben: „Das wird komplett aus dem Kontext gerissen.“ Das findet auch Georg Poppinga, der einzige Gesprächspartner, der bereit ist, mit Namen genannt zu werden. Auch er spricht von „grottenschlechtem Journalismus“ und einseitiger Berichterstattung.

Der alteingesessene Borkumer hebt ebenfalls die Gemeinschaft, das Zusammenkommen und den Spaß beim Feiern hervor. „Ich habe 50 Jahre mitgemacht und hatte nie blaue Flecken“, sagt seine Frau, die nicht namentlich genannt werden möchte.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass „Panorama“ den ausrichtenden Verein Borkumer Jungens, den Bürgermeister und die Polizei vor ihrem Beitrag um Stellungnahmen gebeten hatte – vergeblich. Diese Verschwiegenheit und der Ausschluss von Medien sei nicht richtig gewesen, sagt Poppinga rückblickend: „Das ist uns jetzt auf die Füße gefallen.“

„Den Borkumer Mädels fehlt das heute“

Auch anderen Borkumern stößt sauer auf, wie sie nun dargestellt werden. „Das Bild, das rüberkommt, ist ein minderbemitteltes Volk, das am 5. Dezember Frauen verkloppt“, beschreibt ein Borkumer seinen Eindruck. In Reaktion auf die Berichte sahen sich viele Borkumer heftiger Kritik bis hin zu Drohungen ausgesetzt, Hotelbetreiber sprachen von stornierten Urlauben.

„Über die Gewalt kann man diskutieren“, sagt der Borkumer, die sei immer zu verurteilen. Doch sei das Fest eben nicht so, wie es in den Videos dargestellt werde – erst recht nicht so wie in den veröffentlichten Archivaufnahmen. Die „Kloppereien“ habe es zwar auch in den Vorjahren noch gegeben, die hätten allerdings mehr einem Katz-und-Maus-Spiel geglichen.

„Wer nicht mitmachen wollte, hat auch nicht mitgemacht“, sagt der Insulaner und sein Begleiter ergänzt: „Den Borkumer Mädels fehlt das heute.“ Mit diesem „Nervenkitzel“ wüchsen die Borkumer schließlich auf. Nun so in Verruf zu geraten, habe der Ort nicht verdient.

Ist das Schlagen von Frauen doch keine Tradition?

Allerdings stellt sich auch die Frage, inwieweit das „Frauenschlagen“ tatsächlich Tradition auf der Insel ist. In einem Pressebericht von 1938, den die „Nordwest-Zeitung“ veröffentlicht hat, ist davon keine Rede. Stattdessen wurden Männer wie Frauen gefangen genommen und mussten „freigekauft“ werden.

Zum Klaasohm ist die Polizei nun mit einem Großaufgebot auf Borkum präsent; für die Insulaner reine Symbolpolitik. Zwischenfälle melden die Einsatzkräfte bis zum frühen Abend nicht. Wie in den Vorjahren auch ziehen die Klaasohm-Gruppen durch den Ort – nur ohne das Schlagen. An der Litfaßsäule werden sie von den Borkumern jubelnd empfangen, klettern darauf, tanzen und springen zum krönenden Abschluss in die Menge.

So zeigen die Borkumer, dass sie ihr Fest feiern und ihre Tradition weiterleben können – ohne sich der Kritik vom Festland aussetzen zu müssen. Und auch die Frauen, denen der Kuhhorn-Brauch in der Vergangenheit zu weit ging, können nun unbeschwert mitfeiern. „Das wird auch in den nächsten Jahren unser Fest sein“, ist der Borkumer Georg Poppinga überzeugt.