War die Tür ein Notausgang oder nur „Servicetür“? Neue Details zum Bar-Unglück in der Schweiz enthüllen brisante Ungereimtheiten.
Crans-Montana – Die Ermittlungen zum verheerenden Silvesterbrand in der Bar „Le Constellation“ im Schweizer Skiort Crans-Montana konzentrieren sich Berichten zufolge nun verstärkt auf die Fluchtrouten. Eine Tür im Erdgeschoss, die laut einem Medienbericht als Notausgang hätte dienen müssen, war in der Unglücksnacht verschlossen. Dies steht im Widerspruch zu den Aussagen der Barbetreiber, berichtet die Deutsche Presse-Agentur am Sonntag (25. Januar). Dass in der Bar die Aufnahmen der Überwachungskameras offenbar nur drei Minuten vor dem Vorfall stoppten, ist nicht minder rätselhaft.
Die Katastrophe forderte 40 Menschenleben, unter den Opfern befanden sich zahlreiche Teenager. Das Feuer brach im Kellergeschoss der Bar aus, wo funkensprühende Partyfontänen offenbar schalldämmenden Schaumstoff an der Decke entzündeten. Die Flammen griffen mit enormer Geschwindigkeit um sich. Bei dem Unglück erlitten 116 Menschen Verletzungen, viele davon schwerste Brandwunden. Immerhin erwachte zuletzt die 15-jährige Elsa wieder aus dem Koma.
Brand in Crans-Montana: Barbesitzer wieder auf freiem Fuß – Meloni empört
Die Staatsanwaltschaft führt bislang ausschließlich die Barbetreiber Jacques und Jessica Moretti als Beschuldigte. Gegen sie wird wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung sowie fahrlässiger Brandstiftung ermittelt. Das Ehepaar befindet sich derzeit dennoch gegen Kaution auf freiem Fuß. Das zuständige Gericht im Kanton Wallis hob am Freitag auch die Untersuchungshaft des 49-Jährigen gegen eine Kaution von 200.000 Schweizer Franken (etwa 215.000 Euro) auf, was für Wut und Empörung sorgte.
Selbst Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni reagiert „empört“ auf die Nachricht der Freilassung. „Ich halte dies für eine Beleidigung des Andenkens an die Opfer der Silvester-Tragödie und eine Beleidigung ihrer Familien, die unter dem Verlust ihrer Angehörigen leiden. Die italienische Regierung wird die Schweizer Behörden zur Rede stellen“, wird Meloni vom Corriere della Sera zitiert.
Neuer Fokus der Ermittler auf Fluchtroute
Die Frage nach den Notausgängen scheint für die Ermittlungen zentral zu sein. Laut Recherchen der „NZZ am Sonntag“ hatte die Feuerpolizei bereits 2015 bei der Erteilung einer Baubewilligung festgelegt, dass eine Westtür als Notausgang markiert werden müsse. Diese Bedingung war Teil der Genehmigung für den Bau einer verglasten Veranda vor dem Haupteingang. Der Barbetreiber Moretti bezeichnete diese Tür jedoch in Befragungen lediglich als „Servicetür“ und es war dort auch keine entsprechende Beschilderung als Notausgang angebracht.
In der Unglücksnacht versuchten mehrere Gäste erfolglos, durch diese Tür zu entkommen. Erst als sie von außen aufgebrochen wurde, öffnete sie sich. Tragischerweise überlebte mindestens eine Kellnerin, die sich hinter dieser Tür befand, das Unglück nicht. Es bleibt ungeklärt, ob Moretti überhaupt darüber in Kenntnis gesetzt wurde, dass die Tür als Notausgang gekennzeichnet und freigehalten werden musste. Den Bauantrag hatte nicht Moretti selbst, sondern der Eigentümer des Gebäudes gestellt.
Rätsel um dritte Tür
Nach dem Vorfall erklärte der Gemeindepräsident Nicolas Féroud, die Bar habe ordnungsgemäß über zwei Notausgänge für die zugelassene Besucherzahl von jeweils 100 Personen pro Stockwerk verfügt. Die besagte Westtür wäre somit ein zusätzlicher, dritter Ausgang gewesen. Die tatsächliche Anzahl der Gäste in der Silvesternacht ist bisher noch nicht bekannt.
Ein Stammgast, der zudem Barkeeper im Ort Crans-Montana sei, hatte laut Bild-Zeitung nach dem Brand bereits erklärt: „Es gab einen Eingang, der zugleich auch Ausgang war. Und dann gab es noch einen Notausgang. Aber wenn ich dort zu Gast war, war der immer versperrt. Alle im Ort wussten, das läuft irgendwann schief.“ Für die Barbetreibenden gilt weiter die Unschuldsvermutung. (Quellen: Deutsche Presse-Agentur, Bild.de) (mke)
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