Eine 65-Jährige zahlte vier Jahrzehnte in die Rentenkasse ein. Heute reichen ihr 1063 Euro monatlich kaum zum Leben in Starnberg. Deshalb geht sie zur Tafel.
Die Vita von Brigitte Melcher liest sich grundsolide: Ausbildung zur Zahnarzthelferin, Weiterentwicklung beim Kieferorthopäden, dann ein spannender Job bei der Bundeswehr, später als Mutter von zwei Söhnen teilzeitbeschäftigt im Geschäft des Partners. Was nicht im Lebenslauf steht: der Herzinfarkt mit 43 Jahren, die schwere Knochenerkrankung, die Panikattacken und das Ende der Beziehung.
Die 65-jährige Starnbergerin, die ihren wirklichen Namen in diesem Text aus Sorge vor Ressentiments nicht lesen möchte, wurde von einer klassischen Abwärtsspirale erfasst. „Ich hätte mir das selbst nicht vorstellen können“, sagt sie – und meint die Tatsache, dass sie sich jeden Donnerstag in die Schlange der Tafel auf dem Hof der Evangelischen Kirche einreiht. „Hauptsächlich Gemüse“ besorge sie sich dort. Weil sie auf jeden Euro schauen muss. Und weil ihre Rente für manches vom Allernötigsten in dieser hochpreisigen Region einfach nicht reicht.
Jeder Betrag zählt
Immer mehr Menschen können sich in der teuren Region München das Leben nicht mehr leisten. Die Tafeln helfen. Der Münchner Merkur mit seinen Heimatzeitungen und die tz wollen gemeinsam mit Ihnen, liebe Leser, die Tafeln vor Ort unterstützen. Das Motto: „Miteinander gegen Armut“.
Mit Ihrer Spende, sei sie auch noch so klein, unterstützen Sie die Aktion. Der Erlös kommt ausschließlich Menschen zugute, die trotz aller eigener Anstrengungen auf Hilfe angewiesen sind. Wer per Überweisung spenden will, findet einen großteils vorausgefüllten Überweisungsträger für die Hilfsaktion „Miteinander gegen Armut“ am 20. Dezember eingelegt im Starnberger Merkur. Natürlich kann man auch einen eigenen Überweisungsträger nutzen. Geben Sie bitte als Empfänger den Namen der Tafel an, für die Sie spenden möchten, also zum Beispiel Tafel Starnberg oder Tafel Gilching.
Bei Spenden bis 300 Euro gilt der Einzahlungsbeleg bzw. der Kontoauszug als Quittung fürs Finanzamt. Bei größeren Beträgen bekommen Sie direkt von der Münchner Tafel oder dem Landesverband Bayern e. V. eine Spendenquittung zugesandt. Wichtig: Bitte geben Sie im Feld Verwendungszweck unbedingt zusätzlich Ihren vollständigen Namen und Ihre Adresse an, nur dann kann die Spendenbescheinigung an Sie verschickt werden.
Das Konto für die Tafel Bayern e.V. lautet:
IBAN DE61 7735 0110 0038 0874 82.
Unter www.tafel-bayern.de gibt es einen direkten Link zum Portal für Spenden für eine bestimmte lokale Tafel.
In Zahlen: Brigitte Melcher hat wegen ihrer Krankheitsgeschichte Anspruch auf eine Altersrente für Schwerbehinderte, 50 Prozent beträgt der Behinderungsgrad. Rund 800 Euro erhält sie, mit Sozialhilfe kommt sie auf 1063 Euro im Monat. Davon bezahlt sie erst mal die etwa 500 Euro Warmmiete. Ohne die günstige, genossenschaftliche Zwei-Zimmer-Wohnung wäre sie komplett aufgeschmissen. Sie ist ein Glücksfall – wie weniges in Melchers Leben.
„Meine Buam“, ihre beiden Söhne, mittlerweile in den 30ern, zählen auch dazu. Sie helfen der Mutter, wenn das Auto kaputt ist, wenn schwere Sachen zu tragen sind oder anderweitig. Aber sie spielen indirekt und unverschuldet auch eine Rolle in der Abwärtsspirale. Fast ein Jahrzehnt arbeitete Melcher bei der Bundeswehr, eine interessante Aufgabe, sagt sie. „Dass ich den Job aufgegeben habe, war der größte Fehler meines Lebens.“ Vielleicht ist sie etwas zu streng mit sich: Denn es war die Zeit, in der die Kinder kamen und beide mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatten, um die sich die Mutter kümmern musste. Sie schaffte den Job zeitlich einfach nicht mehr. Die Teilzeitbeschäftigung war der Anfang vom Ende.
Ich hätte mir das selbst nicht vorstellen können.
Für ihre Kinder da zu sein, sei ihr sehr wichtig gewesen, betont Melcher. Sie arbeitete zwar weiterhin, allerdings als Geringverdienerin im Betrieb ihres Partners, von dem sie sich eines Tages trennen sollte. „Leider habe ich nicht geheiratet, dadurch stand mir nichts zu“, sagt die 65-Jährige im Rückblick. Sie habe nahezu ununterbrochen und rund 40 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt. Sie pflegte nicht nur ihren Vater, sondern später auch acht Jahre lang einen anderen Mann, als Privatperson bestellt von der Krankenkasse. „Das war harte, körperliche Arbeit.“ Große Frustration klingt durch, wenn Melcher ihren Lebensweg skizziert. „Das ist nicht gerecht.“
Die Starnberger Tafel, die wöchentlich rund 550 Menschen versorgt, ist für Brigitte Melcher mehr als eine Lebensmittelquelle geworden. „Wir sind da so eine Damentruppe“, erzählt sie. „Wir verstehen uns gut und tauschen uns über vieles aus.“ Die Tafeln – vergleichbare Einrichtungen gibt es auch in Gilching, Gauting, Herrsching, Dießen, Feldafing und Tutzing – sind ein sozialer Treffpunkt, wenn auch aus der Not geboren.