Wenn ein Schweizer Finanzblog im Zusammenhang mit der größten Schweizer Bank und der Situation in Venezuela von "Panik“ spricht, ist das starker Tobak. Die Medienplattform "Inside Paradeplatz“ beschreibt so die Stimmung bei der UBS.
Demnach habe die Bank in den Wochen vor dem US-Eingriff gegen das Regime in Caracas vermögende Kunden aus Venezuela zum schnellen Abzug ihrer Einlagen gedrängt, "teils Richtung andere Schweizer Banken oder nach Panama“. Der Bankenkoloss UBS selbst will auf Anfrage von "Business Punk" "keinen Kommentar“ zu diesen Berichten abgeben.
Doch die Frage drängt sich auf: Was steckt dahinter?
Ein altes Muster: Geld, Macht und Schweizer Banken
Es ist ein Muster, das die Schweiz seit Jahren verfolgt wie ein Schatten. Schweizer Privatbanken haben über Jahrzehnte Vermögen der globalen Elite angezogen – darunter Politiker, Oligarchen und Unternehmer aus Russland, Afrika und eben Südamerika. Wie problematisch diese Kundschaft teils war, belegten immer wieder Leaks und Recherchen.
Die Enthüllungen unter dem Titel "Suisse Secrets“ über die damalige Credit Suisse beschrieben Konten von Hochrisiko-Kunden aus zahlreichen Ländern – teils trotz interner Warnhinweise. Bereits die "Swiss Leaks“ über die Genfer Privatbank HSBC hatten zuvor dokumentiert, dass dort Gelder von Diktatoren, Waffenhändlern und anderen dubiosen Akteuren verwahrt wurden. Sie zeichneten das Bild eines Systems, das Diskretion als Produkt verkaufte und Risiken allzu lange als Nebensache behandelte.
Auffällig ist dabei: Die entscheidenden Brüche mit dem System kamen selten aus Bern. Sie kamen aus Washington. Der Wendepunkt war die US-Steuer-Offensive gegen Schweizer Banken. 2009 musste die UBS mit dem US-Justizministerium ein sogenanntes "Deferred Prosecution Agreement“ schließen, 780 Millionen Dollar zahlen und Kundendaten herausgeben.
Für das traditionelle Schweizer Geschäftsmodell war das ein Dammbruch. In der Folge legte das US-Justizministerium 2013 das "Swiss Bank Program“ auf: Banken sollten reinen Tisch machen und zahlen, um Strafverfolgung zu vermeiden – andernfalls drohte der Ausschluss vom US-Markt und Schließung ihrer Filialen in den USA.
Diese Logik wirkte lange nach. 2019 akzeptierte die Schweizer Privatbank von HSBC in den USA eine Vereinbarung samt Strafzahlung wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Und auch Altverfahren aus dem Umfeld der Credit Suisse mussten noch abgewickelt werden, nachdem die Bank 2024 in der UBS aufgegangen war.
Venezuela als Altlast – und als aktuelles Risiko
Dabei geht es für die UBS nicht nur um geerbte Altlasten. Bereits 2020 war öffentlich geworden, dass die Bank Beziehungen zu bestimmten venezolanischen Kunden kappte, die von den USA aus betreut wurden. Hintergrund waren verschärfte Sanktionen der damaligen Trump-Administration.
Betroffen waren laut Berichten vor allem Konten mit Verbindungen zur Regierung in Caracas oder zur staatlichen Ölgesellschaft Petróleos de Venezuela. Darüber hatte der Wirtschaftsdienst "Bloomberg" berichtet, Schweizer Medien griffen es auf.
Das Venezuela-Thema ist für die UBS jedoch besonders heikel, weil es tief in die Vergangenheit der übernommenen Credit Suisse hineinreicht. Die "Suisse Secrets“-Recherchen des internationalen Journalistenverbunds OCCRP zeigen, wie eng Teile der politisch vernetzten venezolanischen Finanzwelt über Jahre mit der Schweizer Vermögensverwaltung verflochten waren.
Anhand geleakter Daten beschreiben die Reporter eine Phase der frühen 2000er Jahre, in der ein paralleles Devisen- und Anleihegeschäft Milliarden aus Venezuela außer Landes brachte – und wie Akteure aus diesem Umfeld Konten bei der Credit Suisse hielten, teils trotz öffentlich zugänglicher Hinweise auf problematische Geldquellen.
Die Korruptionswächter von Transparency International verweisen in einer eigenen Auswertung auf einen besonders schweren Fall: Demnach habe die Credit Suisse rund 273 Millionen US-Dollar für Venezolaner verwahrt, denen vorgeworfen wurde, Gelder aus der staatlichen Ölgesellschaft abgezweigt zu haben; einzelne Konten sollen selbst nach Schuldeingeständnissen in Korruptionsverfahren weitergeführt worden sein.
Für die UBS ist das nach dem US-Eingriff in Venezuela eine ungünstige Gemengelage. Operativ muss die Bank heute zeigen, dass sie Risiken früh erkennt und konsequent handelt. Zugleich hängt ihr die Vergangenheit der übernommenen Credit Suisse nach.
Risikoprofil: politisch exponiert und sanktionsgefährdet
Es geht dabei nicht um "Venezolaner“ als Kundengruppe, sondern um ein bekanntes Risikoprofil: politisch exponiert, sanktionsgefährdet, reputationssensibel. Der Instinkt der Banken ist dabei selten moralisch, sondern öfter betriebswirtschaftlich. Die Frage lautet: Was ist teurer – die Kundenbeziehung oder der Ärger, den sie mit sich bringt?
Dieser Ärger ist längst global organisiert. Maíra Martini, Geldwäsche-Expertin von Transparency International, brachte es im Zusammenhang mit den "Suisse Secrets“-Enthüllungen auf den Punkt: "Die Recherchen zeigen einmal mehr, dass Banken sich nicht selbst kontrollieren können.“ Ein bloßer "Klaps auf das Handgelenk“ reiche nicht aus, wenn Verstöße immer wieder auftauchten. Greifen die Kontrollen schließlich, sprechen Kunden von "plötzlichen Kontoschließungen“ – Banken nennen es "Risikoreduzierung“.
Die UBS-kritische Plattform "Inside Paradeplatz“ gießt den aktuellen Verdacht nun in diese bekannte Form. Sollten tatsächlich vermögende Kunden aus dem Umfeld des gestürzten Maduro-Lagers bei der UBS betreut und vor einem Machtwechsel zum Abzug gedrängt worden sein, wäre das kein Einzelfall. So könnte auch die Schweiz bald zu den Ländern gehören, die vor Trumps Reaktionen zittern.
Diskretion ist ein Produkt mit Ablaufdatum
Es wäre die nächste Episode in einer langen Geschichte, in der lateinamerikanisches Hochrisikogeld und Schweizer Diskretion zueinanderfinden – bis Washington die Regeln ändert. Wer in Zürich Private Banking betreibt, lernt irgendwann eine unbequeme Wahrheit: Diskretion ist ein Produkt. Und jedes Produkt hat ein Ablaufdatum, wenn der geopolitische Wind dreht.
Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit „Business Punk“