Rentner (84) brutal angegriffen: Den Prozess erlebte er nicht mehr

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Bei der Auseinandersetzung im Supermarkt wurde das 84-jährige Opfer schwer verletzt (Symbolfoto). © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Ein 84-jähriger Rentner wurde vor knapp einem Jahr Opfer eines brutalen Überraschungsangriffs. In einem Schlierseer Supermarkt boxte ihm ein Mann in den Bauch – mit schlimmen Folgen.

Der bis dato rüstige Rentner fiel auf den Hinterkopf und erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Gestern begann vor dem Landgericht München II der Prozess gegen seinen Peiniger.

Eigentlich standen der 84-Jährige und seine Frau schon an der Kasse. Dann bemerkten sie, dass die Petersilie fehlte. Der Mann ging noch einmal los, um sie zu holen. Vor der Wursttheke nahm das Drama seinen Lauf. Opfer und Angreifer standen sich plötzlich gegenüber. Der Ältere erschrak und hob wie zur Verteidigung die Hände hoch. In dem Moment schlug der Jüngere zu.

Das Opfer prallte auf den Hinterkopf. Es kam ins Krankenhaus, zunächst auf die Intensivstation, dann knapp drei Wochen auf die normale Station. An den Vorfall konnte sich der Mann nicht mehr erinnern. Seine Frau hatte ihm später alles erzählt. Das gab er bei der Polizei zu Protokoll. Wie auch seine schlimmen Schwindelanfälle und Sehstörungen. Und seine Erinnerungslosigkeit. „Das ist alles weg im Kopf“, sagte er. Gestern wurde seine Vernehmung im Gerichtssaal verlesen. Der Mann selber konnte nicht mehr vernommen werden. Er verstarb heuer im April – nicht ursächlich an den Folgen des Sturzes. Doch sein Allgemeinzustand hatte sich nach der Verletzung immer mehr verschlechtert.

Angreifer als etwas verwahrloster Herr bekannt

Und der Angreifer? Er war im Supermarkt als ein etwas verwahrloster Herr bekannt, der sich dreimal in der Woche ein Flascherl Weinbrand kaufte. Vermutlich auch am Tag der Attacke. Doch statt sich um das Opfer zu kümmern, hatte er umgehend das Weite gesucht. Der Bruder führte die Polizei knapp anderthalb Stunden später zur Wohnung des 49-Jährigen. Dort sollte sich dann das nächste Drama abspielen.

Polizei muss zum Elektro-Schocker greifen

Tatsächlich wehrte sich der Täter vehement gegen die Festnahme. Weil er ein Messer in der Hand versteckte, gingen die Polizeibeamten kein Risiko ein und alarmierten eine Spezialeinheit. Die rückte mit drei Kollegen in langen schnittfesten Kettenhemden an. Der 49-Jährige wehrte sich vehement gegen eine Festnahme und stach auch mit seinem Messer auf die Beamten ein. Erst per Elektro-Schock-Gerät konnte er entwaffnet werden.

Was in dem Mann an besagtem Junitag vorgegangen war, ließ sich zum Prozessauftakt noch nicht genau sagen. Seine erste Reaktion nach Verlesung der Anklage lautete: „Ganz so, wie es dargestellt wird, war es nicht.“ Aber wie es war, konnte er auch nicht sagen. Tatsächlich erinnerte er sich nur an einen Mann, der im Supermarkt auf dem Boden gelegen war.

Ursache dafür dürfte seine Schizophrenie gewesen sein. In den Wochen vor der Tat hatte der 49-Jährige nicht mehr seine Medikamente genommen. Eine Depotspritze, die das Problem gelöst hätte, verweigerte er – wie er nach vier Jahren Heroin-Abhängigkeit generell jede Spritze ablehnte.

Auch an seine umständliche Festnahme durch die Polizei hatte er keine wirkliche Erinnerung mehr – nur an die seltenen Kettenhemden der Spezialeinheit. Die Männer hatte er für mittelalterliche Kämpfer gehalten. Wegen seiner Schuldunfähigkeit zum Tatzeitpunkt kann der Frührentner auch nicht bestraft werden. Nun geht es um seinen Verbleib in einem psychiatrischen Krankenhaus. Der 84-Jährige hatte ursprünglich als Nebenkläger am Prozess teilnehmen wollen. Mit seinem Tod erlosch allerdings dieses Recht. Der Prozess dauert an.

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