Bewegender Weltrekord in Bayern: Dr. Bernd Ullrich lebt seit 41 Jahren mit demselben Spenderherz

  1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landsberg

Kommentare

Dr. Bernd Ullrich lebt seit 41 Jahren mit dem selben Spenderherz. © Schelle

Wer die nächste Ausgabe des Guinness-Buches der Rekorde aufschlägt, wird darin einen Landsberger finden. Dr. Bernd Ullrich lebt seit 41 Jahren mit demselben Spenderherz – solange, wie kein anderer Mensch auf der Welt.

Landsberg – Als Ullrich die Tür seiner Wohnung in Landsberg öffnet, telefoniert er. Ein großes Medienhaus hat angerufen und möchte mit einen Termin für ein Interview ausmachen. Mittlerweile haben schon viele Zeitungen und Fernsehsender bei Ullrich angefragt – denn alle wollen seine Geschichte hören. Die Geschichte eines Mannes, der „viel Glück“ hatte, wie er selbst sagt. Hätte er keines gehabt, wäre sein Leben schon vor 41 Jahren vorbei gewesen.

Bernd Ullrich aus Landsberg lebt seit 41 Jahren mit dem selben Spenderherz - Medizinstudium in Erlangen

Dr. Bernd Ullrich wurde 1939 in Prag geboren. „Mein Vater wurde als Amtsarzt von Berlin nach Prag versetzt“, erzählt er. Mit dem Kriegsende kam Ullrich mit Familie nach Bayern und sollte dort auch bis heute bleiben. Er war im Internat in Berchtesgaden, in St. Ottilien besuchte er das Gymnasium „und mein Abitur hab ich im Allgäu gemacht.“ Nach Erlangen verschlug es ihn dann fürs Studium. „Ich wollte nie etwas anderes als Medizin studieren – das war immer klar“. Und so wurde Ullrich Allgemeinmediziner. Im Jahr 1974 ließ er sich dann nach dem Staatsexamen in Landsberg nieder und eröffnete seine Praxis am Georg-Hellmair-Platz.

Etwa zur gleichen Zeit fielen Ullrich erstmals Atembeschwerden auf. Immer öfter musste der Allgemeinmediziner nach Luft ringen und bemerkte, dass seine Beine immer dicker wurden. Er schob seinen körperlichen Zustand aber auf das Rauchen und das viele Sitzen in der Praxis. „Ich hatte keine Schmerzen“, beteuert er.

(Unser München-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Isar-Metropole. Melden Sie sich hier an.)

Immer mehr Atemnot

Vor allem die Atemnot wurde langsam aber stetig schlimmer, bis Ullrich irgendwann die Treppen zu seiner Praxis, die sich im ersten Stock befand, nicht mehr auf einmal gehen konnte. „Bei der Hälfte musste ich stehen bleiben, weil ich keine Luft mehr bekommen habe“, erinnert er sich. „Meine Patienten haben mich dann überholt und gefragt, was los sei.“ Doktor Ullrich antwortete dann, dass er etwas vergessen habe und überlege, ob er es noch holen solle. „Ich hatte immer Ausreden, dabei hätte ich keine Stufe mehr gehen können.“ Als die Atemnot so schlimm wurde, dass Ullrich nur noch im Sitzen schlafen konnte, weil er anders keine Luft mehr bekam, machte er sich doch auf den Weg zum Röntgenologen. „Und der zeigte mir mein Herz, das völlig zusammengefallen war und nur noch unregelmäßig vor sich hin schlug.“ Dass er überhaupt bis zu diesem Zeitpunkt überlebt hat, bezeichnet der Mediziner, der schlagartig selbst zum Patienten wurde, als großes Glück.

Die Diagnose war klar: eine kongestive Kardiomyopathie, also eine Herzmuskelerkrankung. Was genauso klar war, erklärte ihm ein Arzt im Klinikum Großhadern, zu dem Ullrich dann überwiesen worden war. „Entweder sie können noch ein halbes Jahr so weiter machen und dann ist es vorbei oder sie gehen das Risiko einer Herztransplantation ein“, habe der Arzt gesagt. „Wenn ich sowieso sterben muss, dann is‘ es ja grad wurscht“, dachte sich Ullrich – und willigte für die Transplantation ein. Rund fünf Monate wartete der 85-Jährige auf sein Herz. Die meiste Zeit verbrachte er wegen seines schlechten Zustands in Großhadern. Nur manchmal fuhr er nach Hause zu seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Ullrichs Transplanteur habe davor erst knapp zehn Transplantationen durchgeführt, auch manchmal ohne Erfolg, erklärt Ullrich. „Bei mir hat‘s dann geklappt.“

19-jähriger Spender

Am 18. Mai 1983 wurde ihm ein neues Herz transplantiert – damals war er 44 Jahre alt. Sein Spender hingegen war erst 19. Der junge Motorradfahrer verunglückte und war, zum Glück für Ullrich, Organspender. „Ich denke so oft an ihn. Bei fast jedem Motorradfahrer, den ich höre oder sehe – auch heute noch.“ Den Namen oder andere persönliche Informationen kennt Ullrich nicht – „will ich auch nicht“, meint er. Er müsse nur wissen, dass der 19-Jährige ihm eine zweite Chance geschenkt hat.

Dass die Transplantation so erfolgreich war, habe mit verschiedenen Faktoren zusammengehangen, weiß Ullrich. So lag der verunglückte Motor­radfahrer „im OP nebenan“. Oft müssten die Spenderorgane erst aus anderen Kliniken oder Ländern hergebracht werden, wodurch sie Schäden erleiden könnten, so Ullrich. Bei ihm hatte das Herz den wohl kürzesten Weg.

Auch wenn die Transplantation erfolgreich war, so waren die kommenden Monate eine kräftezehrende Zeit für den frisch Operierten. Zuerst ging es für ihn in die „Sterileneinheit“, zu der auch nur steril gekleidetes Personal Zugang hatte. „Ich wusste gar nicht ,wie die für mich zuständige Schwester aussah“, erinnert sich Ullrich. Dann ging es für ihn auf die Intensivstation. Dort hauste Ullrich vorübergehend in einer Art Glas-Box, in der sich nur das Lebensnotwenigste befand. Mehrere Monate war Ullrich in der Klinik und auf Reha. Betreten hatte er Großhadern als todkranker Mann – verlassen konnte er die Reha beinahe gesund und voller Lebensfreude.

„Mir geht es mit dem Herz wunderbar“, konstatiert der Landsberger. Mit seiner zweiten Chance wusste er über die Jahre einiges anzufangen: „ Ich war in Sri Lanka, Indien, Nepal, Kuba, Mexiko und Tibet. Überall bin ich herumgereist, das war schön.“ Und auch für seine Patienten war Ullrich schon bald wieder da. Weil er aber wegen des hohen Infektionsrisikos nicht mehr als Allgemeinmediziner arbeiten durfte, machte er eine Zusatzausbildung zum Psychotherapeuten. Danach hat er sich wieder in Landsberg niedergelassen, bis er dann vor 20 Jahren in Rente ging.

Weltrekord-Halter

„Ich bin froh und dankbar, dass ich das Herz bekommen konnte. Dass ich weiterleben kann und dass ich aus dem Leben noch was gemacht hab“, sagt Ullrich und fasst sich dabei instinktiv ans Herz. Und das dürfte am kommenden Montag noch höher schlagen. An diesem Tag wird Ullrich eine Urkunde des Guinness-Buch der Rekorde in Empfang nehmen. Damit ist es dann offiziell: Mit 41 Jahren lebt er so lange mit demselben Spenderherz, wie kein anderer Mensch auf der Welt.

Herztransplantationen

„Im Jahr 2022 wurden in Deutschland 358 Herzen transplantiert“, ist auf der Website der Organspende zu lesen. Ende dieses Jahres standen 699 Patienten auf der Warteliste für eine Herztransplantation. Die Erfolgsaussichten einer Herztransplantation verbessen sich in der Medizin stetig. „Die durchschnittliche Lebenserwartung nach einer solchen Operation beträgt zehn Jahre“, heißt es von der Deutschen Herzstiftung.

Auch interessant

Kommentare