Wenn das Geld nicht reicht: Warum immer mehr Rentner arbeiten gehen – auch in Rosenheim

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Harald Neubauer kümmert sich um passende Jobs für Leute im Ruhestand © Sophie Mischner

Viele Leute im Ruhestand gehen wieder Arbeiten, um Geld zu verdienen. Der Weg zurück kann aber schwierig sein. Der jahrelange Vorstandsvorsitzende der Agentur für Arbeit Rosenheim, Harald Neubauer, will dabei helfen. Im Interview spricht er über berührende Geschichten, Barrieren und Chancen für die sogenannten „Silver Worker“ und hat Tipps für all jene, die es werden wollen.

Rosenheim - Die Arbeit bestimmt sein Leben. Ob es seine eigene oder die der anderen ist. Er möchte für Seniorinnen und Senioren da ansetzen, wo die Agentur für Arbeit aufhört: bei Leuten, die den Ruhestand erreicht haben. Im OVB-Interview klärt Harald Neubauer über die Chancen und Barrieren auf, welche Senioren begegnen.

Sie sind im Ruhestand, arbeiten aber trotzdem. Warum?

Harald Neubauer: Bevor ich in den Ruhestand gegangen bin, habe ich mir überlegt: Was möchte ich tun? Halte ich das aus, zu Hause zu sitzen? Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, ich kann das nicht (lacht). 

Deshalb haben Sie sich vor kurzem selbstständig gemacht.

Neubauer: Genau. Ich leite die Firma “Jobmanagement Inntal”. Diese versucht Unternehmen zu gewinnen, die interessiert sind, Menschen im Ruhestand zu beschäftigen. Das ist gar nicht so einfach. Gleichzeitig versuchen wir auch Senioren zu gewinnen. In Neudeutsch heißen sie übrigens Silver-Worker (lacht).  Ich versuche hier nicht Stellen zu vermitteln, sondern gehe individuell vor, indem ich mit den Menschen spreche, sie kennenlerne und auch herausfinden, ob vielleicht gesundheitliche Einschränkungen da sind. So kann ich alles berücksichtigen.  Eine ganze Reihe von Studien belegt, dass bis zu 50 Prozent von denen, die in den Ruhestand gehen, noch tätig sein möchten. Am Ende sind es 15 bis 20 Prozent, die das tatsächlich umsetzen. Es gibt eine ganze Reihe von Barrieren.

Zum Beispiel?

Neubauer: Das Leben findet heute sehr stark im Internet statt. Wenn man schaut, wo die Stellen ausgeschrieben sind, muss man sich eigentlich online bei dem Unternehmen oder Wohlfahrtsverband bewerben. Menschen in meinem Alter (67), sind oft in hohem Maße nicht so IT-affin und haben Angst, sich im Internet zu bewegen. Wenn sie dann online eine Stelle gefunden haben, müssen sie Bewerbungsunterlagen hochladen und fragen sich ‚Was muss ich denn da rein schreiben? Zeugnisse und Beurteilungen müssen hochgeladen werden, wie mache ich das?‘. Das sind große Barrieren.

Wieso wollen Menschen im Ruhestand trotzdem wieder arbeiten?

Neubauer: Die Beweggründe sind sicherlich sehr unterschiedlich und ich würde auch differenzieren zwischen Beschäftigungen mit Entgelt und Beschäftigung ohne Entgelt in Richtung Ehrenamt. Zum einen fühlt man sich in dem Alter gar nicht so alt, wie man eigentlich aufgrund der Geburtskunde ist. Da möchte man einfach die Fachkompetenz, die man sich über viele Jahrzehnte erarbeitet hat, nochmals nutzbringend einsetzen. Oft sagen Rentnerinnen und Rentner auch: ‚Die Lebenshaltungskosten sind hoch und steigen, meine Rente steigt nicht in dem Umfang.‘ Daher sind manche gezwungen, wenn sie einigermaßen ihren Lebensstandard erhalten wollen, nebenbei noch etwas dazuzuverdienen. 

Wie oft kommt das vor?

Neubauer: Bei denen, die ich im Moment betreue, ist es etwa 50:50. Manche suchen einen Minijob, da der am wenigsten bürokratischen Stress mit sich bringt. Gleichzeitig möchten sie aber auch ein Ehrenamt machen. Da gibt es eben auch die Mischung.

Eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft hat herausgefunden: Wer im Alter arbeitet, ist zufriedener.

Neubauer: Die Leute sind ausgeglichen und wenn man den Menschen ins Gesicht schaut, strahlen sie. Man merkt einfach die Zufriedenheit. 

Welche Tipps geben Sie Rentner und Rentnerinnen, die wieder in den Berufsalltag einsteigen wollen?

Neubauer: Wichtig ist, dass sich jemand über seine Stärken Gedanken macht. Was kann ich wirklich? Welche Dinge kann ich? Welche Dinge möchte ich? Das ist ein Unterschied.  Anschließend muss man im Umfeld entsprechende Unternehmen, die solche Tätigkeiten anbieten, herausfinden. Es ist immer gut, wenn man eine eher breite Palette an Dingen hat, die man machen kann. Wobei mich auch interessiert, was die Leute auf keinen Fall wollen. Das bleibt oft unausgesprochen. 

Sie helfen den Leuten im Ruhestand einen Beruf zu finden. Berühren Sie manche Geschichten der Menschen, die zu Ihnen kommen? 

Neubauer: Berühren tun mich immer die Fälle, wo jemand händeringend eine Beschäftigung sucht, weil die Rente zu gering ist. Beispielsweise eine Dame, die eine gute Ausbildung als Heilerziehungspflegerin hat, Hauswirtschafterin ist, aber leider etwas abseits von Rosenheim wohnt. Sie ist schon über 70 Jahre alt. Diese Kriterien schrecken manche Arbeitgebende ab und es kommt oft gar nicht zum Vorstellungsgespräch. Da bemühe ich mich sehr, bislang hatten wir aber keinen Erfolg. Das berührt mich dann schon. 

Wie kann man solchen Leuten helfen und entgegenkommen, damit sie es einfacher haben?

Neubauer: Wir haben im Arbeitsrecht eine etwas eigenartige Situation. Menschen, die bereits im Ruhestand sind und eine befristete Beschäftigung suchen, können im Grunde nur per Sachgrund beschäftigt werden. Heißt: Das Unternehmen braucht einen sachlichen Grund, wenn beispielsweise temporär wesentlich mehr Aufträge vorhanden sind als üblicherweise. Das ist eine Hemmschwelle und ich hoffe sehr, dass die neue Bundesregierung an der Stelle das Arbeitsrecht ein Stück modifiziert. Das haben viele Rentner einfach verdient. 

Gibt es noch weitere Probleme?

Neubauer: Ich stelle leider fest, dass viele Arbeitgeber vorsichtig sind. Es gibt viele Vorurteile gegenüber älteren Menschen: wie etwa, dass sie krank oder nicht flexibel sind. Die Vorteile werden einfach nicht gesehen. Ich glaube, meine Aufgabe ist es zum Teil auch, die Wirtschaft und die Verantwortlichen in der Wirtschaft wach zu rütteln: Es gibt ein Fachkräfteproblem. Es gibt Fachkräfte, die sind ein bisschen älter, bringen aber ein tolles Know-How mit. Da wünsche ich mir, dass die Firmen bereit sind, ein Gespräch zu führen. Eine Person nur aufgrund des Geburtsjahres im Lebenslauf abzulehnen finde ich nicht gut. Man muss den Menschen die Chance geben, sich in einem persönlichen Gespräch zu präsentieren.

Vortrag „Aktiv im Ruhestand“

Harald Neubauer informiert am Mittwoch, 4. Juni, über Wege zurück in die Berufswelt für Leute im Ruhestand. Um Anmeldung bis Donnerstag, 29. Mai, unter E-Mail info@jobmanagement-inntal.de oder 0172 246 9052 wird gebeten.

Veranstaltungsort ist das Evangelische Gemeindezentrum in der Königstraße 23 in Rosenheim. Die Veranstaltung ist eine Zusammenarbeit von Pro Senioren Rosenheim, der Dietrich Bonhoeffer-Akademie und dem Evangelischen Bildungswerk.

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