Er trat als Gesicht der alten CDU an. Führungsstark und bereit für unbequeme Sparmaßnahmen – doch es kam ganz anders. 2025 war das Jahr der unfreiwilligen Verwandlung des Bundeskanzlers. Eine Meinung.
Kein Rütteln an der Schuldenbremse, endlich wieder konservative Tugenden und Schluss mit den ständig steigenden Staatsausgaben. Stattdessen die Wirtschaft wieder ins Laufen bringen und eine ruhig arbeitende Koalition ohne Streit. Die Versprechen von Friedrich Merz im Wahlkampf waren simpel – und doch unheimlich kompliziert umzusetzen. Mit einem enttäuschenden Ergebnis bei der Bundestagswahl schleppte sich die Union ins Kanzleramt, wollte alles besser machen als die unbeliebte Ampel. Die Erwartungen an Merz waren hoch – auch, weil er sie selbst eifrig nach oben schraubte. Zum Jahresende ist Merz knapp acht Monate Kanzler – und hat die volle Metamorphose durchgemacht. Sie zeigt, wie schwer Politik im Jahr 2025 geworden ist.
Noch bevor die Regierung vereidigt wurde, brach Merz mit einem seiner größten Wahlversprechen: keine Reform der Schuldenbremse und runter mit den Staatsausgaben. Was prompt folgte, war das größte Schuldenpaket in der Geschichte der Bundesrepublik. Noch 2025 wird die Staatsquote über 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Altkanzler Helmut Kohl sagte einmal: „Bei einer Staatsquote von 50 Prozent beginnt der Sozialismus.“
Bürgergeld, Rekordschulden, Trump und Putin: Merz‘ Jahr 2025
Auch andere Ankündigungen des Kanzlers verpufften schnell: im Wahlkampf versprochene Einsparungen beim Bürgergeld von etlichen Milliarden wurden mittlerweile zu einigen Millionen. Die Wirtschaft läuft trotz ganz anders lautender Versprechungen nach wie vor nicht an. Und auch die Ansage der Union, die Menschen entlasten zu wollen, wurde schnell nicht mehr so ernst genommen. So wurden bei der Senkung der Stromsteuer nur Unternehmen, aber keine Privatpersonen entlastet. Ähnlich sieht es mit der Gastrosteuer in Sachen Lebenshaltungskosten aus.
Das vielleicht am schwersten wiegende gebrochene Versprechen von Merz: ruhige Arbeit. Statt Debatten hinter verschlossenen Türen und einem geschlossenen Auftreten nach außen, übertrumpfen CDU, CSU und SPD sogar die Ampel-Regierung und begannen quasi zum Regierungsantritt mit dem Dauerstreit (verkorkste Kanzler- und Richterwahl, Streit um Rente, Mindestlohn, Wehrdienst und so weiter). Der Sehnsucht der Menschen, nicht jede Woche eine neue Krise aus Berlin mitbekommen zu müssen, enttäuscht Merz bisher vollends. Die Politikverdrossenheit steigt. Merz hat bisher nicht die Führungsstärke, seine Koalition in ruhige Fahrwasser zu steuern.
All das verdeutlichte sich symbolisch bereits früh, nämlich am Tag seiner Wahl. Zum ersten Mal in der Geschichte der BRD wurde ein Kanzler in spe im ersten Wahlgang nicht gewählt. Uns Hauptstadtjournalistinnen und -journalisten bot sich auf der Pressebühne an dem Tag ein einmaliger Moment: Als Bundespräsidentin die ausgezählten Stimmen verkündete und erklärte, dass Merz keine Mehrheit hinter sich versammeln konnte, herrschte für eine Sekunde völlige Stille im Haus. Sie wurde direkt im Anschluss von fassungslosen Tuscheleien der Abgeordneten unterbrochen. Die folgenden Stunden waren ein großes Chaos, niemand wusste, was zu tun war, in Gesprächen mit Politikerinnen und Politikern hörte man andauernd widersprüchliche Aussagen. Dass weder Politik noch Reporterinnen und Reporter Antworten haben, gibt es selten. Damals dachten wir alle, dies werde der historische Streitmoment der Koalition sein. Heute weiß man: Damit wurde nur die neue Normalität geschaffen. Die Kanzlerwahl steht sinnbildlich für den Moment 2025.
Zeigt das Jahr also, dass Merz es nicht im Kreuz hat oder, dass er seine konservativen Werte nur allzu schnell über Bord warf? Ist er allein schuld an seiner Verwandlung? Klar, Merz hat selbst viele Fehler gemacht, strategisch wie verbal. Trotzdem lautet die Antwort auf die Fragen nein. Union und SPD sind ein Zweckbündnis, viele Abgeordnete haben keine Lust auf die anderen. Die SPD muss sich in einer Regierung neu erfinden, macht es dem Kanzler damit oft schwer. Aber auch die eigenen Unionsabgeordneten spuren längst nicht mehr, wie man es früher von CDU und CSU kannte. Die politischen Ränder wachsen und setzen die Mitte unter Druck, internationaler Irrsinn um Trump und Putin machen Merz täglich zu schaffen. Vor allem aber – und das wurde 2025 wegen all der Umstände deutlicher als je zuvor – ist Politik so schwer wie nie.
Der Druck auf Demokratie, Institutionen, Parteien und Politikerinnen wie Politiker – sowie auf die Menschen ist unglaublich hoch. Das hört, sieht und spürte man in diesem Jahr tagtäglich bei der Arbeit im politischen Berlin. Die komplizierte Weltlage, schnelle technische Veränderungen, meinungsmachende Algorithmen, polarisierte Bürgerinnen und Bürger. Als das erhöht die Anspannung bei den Verantwortlichen massiv. Der Dauerdruck führt zu mehr Fehlern.
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Zu beneiden sind die Politikerinnen und Politiker nicht. In Watte packen darf man sie aber auch nicht – dazu zählt auch Friedrich Merz. 2025 war das Jahr seiner Verwandlung (wohl nicht zu Guten). Aber abschließend urteilen sollten wir dennoch nicht. Die Umstände für gute politische Arbeit sind vielleicht schwerer denn je und Merz ist noch nicht mal ein Jahr im Amt. Vielleicht schafft er es ja doch noch und verwandelt sich wieder zurück: zu einem Kanzler, der halten kann, was er verspricht.