Wer im Passionsspieldorf zum Osterbichl hoch steigt, kommt zu einer riesigen Kreuzigungsgruppe, die der Märchenkönig einst den Oberammergauern schenkte.
GAP - Ein bisserl menschenscheu war Ludwig II. schon, aber der Monarch kannte Oberammergau und die Menschen dort bereits seit Kindertagen. So bereitete es ihm keine Kopfschmerzen, als er am 25. September 1871 von Linderhof rüber kam, um sich eine Privatvorstellung des Passionsspiels anzuschauen.
Er ertrug also die jubelnde Menschenmenge und winkte tapfer zurück. Entspannt war er allerdings erst auf der Passionswiese: Alleine und ergriffen vom geistlichen Gelübdespiel.
Eine kleine Info am Rande: Die Passionssaison im regulären Zehnjahresrhythmus musste am 16. Juli 1870 wegen des Krieges gegen Frankreich abgebrochen werden. Erst ein Jahr später wurden die ausstehenden Spiele nachgeholt.
Kunstwerk sollte hell ins Dorf leuchten
Zurück zu Ludwig II. Nach Ende der Sondervorstellung holte er die Hauptdarsteller zu sich nach Linderhof. Dort schenkte er jedem Akteur einen Silberlöffel. Nur ‚Judas‘ bekam mit empörten Worten einen Löffel aus Blech: „Was hast du gefühlt, als du den Herrn verraten hast.“
Noch im selben Jahr stiftete der König die monumentale Kreuzigungsgruppe; als Geschenk und Anerkennung an die Oberammergauer. Die Schenkungsurkunde wird im Oberammergau-Museum aufbewahrt. Den Auftrag erhielt der Münchener Bildhauer Johann Halbig (1814 bis 1882). Ludwig II. hatte zuvor das Material ausgesucht, nämlich Kehlheimer Marmor, der ihm besonders majestetisch erschien.
Auch den späteren Standplatz auf dem Oberammergauer Osterbichl hatte Ludwig persönlich gewählt, denn das Kunstwerk sollte hell strahlend auf das Dorf hinab leuchten und von dort unten gut zu sehen sein.
Akademieprofessor Helbig arbeitete zwei Jahre an der zwölf Meter hohen Figurengruppe. Es sollte das größte Steinbildnis der damaligen Welt werden.
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Das Kreuz, Christus und der Sockel wiegen 60 Tonnen. Maria und Johannes daneben kommen zusammen auf vier Tonnen. Gekostet hatte das Gebilde 400.000 Gulden; umgerechnet sind das viermillionen Euro. Dafür hätte man auch viermillionen Kilogramm Brot oder 800.000 Kilogramm Rindfleisch bekommen.
Dramatischer Transport auf Berg
Die Jahre vergingen, König Ludwig wurde wegen der langen Zeit ungeduldig. 1875 war die gewaltige Arbeit schließlich fertig. Jetzt stand der Transport von München nach Oberammergau auf dem Programm.
Bis Oberau ging es recht zügig mit der Eisenbahn. Von der Trasse über den Ettaler Berg, so schildert es der Heimatforscher Hans Pörnbacher in seinem 1988 erschienen Bildband über Oberammergau: „Von Postkutschenromantik war das Reisen im 19. Jahrhundert weit entfernt, besonders wenn die Strecke so steil war, wie die von Oberau nach Ettal. Geradezu dramatisch verlief der Transport der von Ludwig II. gestiftete Kreuzigungsgruppe.“
Eine Straßenlokomotive der Münchener Firma Maffei, ein viel bestauntes und von den Kindern gefürchtetes technisches Wunderding, konnte das 480 Zentner schwere Marmorkreuz den Berg nicht hinaufziehen. Die 80 Mann zählende Feuerwehr aus Oberammergau musste anrücken und mit Flaschenzügen helfen. Vier ganze Tage brauchte der Transport.
Beim Befördern der Johannesfigur wurden am 15. August 1875 der Steinmetzmeister Franz Xaver Hauser und sein Gehilfe Kufelenz bei einem Bremsmanöver von der vom Wagen abrutschenden Figur erschlagen.
Am 15. Oktober 1875 war es endlich soweit. Die Kreuzigungsgruppe wurde feierlich enthüllt und geweiht. Es ist überliefert, dass der Märchenkönig, König Ludwig II., die folgenden Jahre alleine den Osterbichl hinauf stieg, um dort am Geburtstag seiner Mutter Marie zu beten.
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