Es gibt keine typische Erdinger Tracht

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Früh übt sich: Beim Heimat- und Trachtenverein Edelweiß-Stamm Erding unterstützen auch die Kinder den Erhalt von klassischer Tracht. Männer und Frauen erhalten Dirndl und Lederhosen nach Beschreibungen aus dem Jahr 1909. © Verein

Experten aus Trachtenvereinen wissen mehr über die Geschichte von Dirndl und Lederhose im Landkreis Erding.

Erding - Die Volksfest-Saison erlebt mit dem heute beginnenden Erdinger Herbstfest ihren Höhepunkt im Landkreis. Dirndl und Lederhosen sind im Dauereinsatz. Da stellt sich die Frage: Gibt es eigentlich eine typische Erdinger Tracht? „Nein, die gibt es nicht“, stellt Florian Bergweiler klar. Der Vorsitzende des Heimat- und Trachtenvereins Edelweiß-Stamm Erding erklärt: „Unser Verein hat das gemeinsam mit Barbara Gruber vom Gewandhaus Gruber und dem Historischen Verein Erding vor ungefähr 15 Jahren untersucht.“

Das Problem sei, dass Erding in der Zeit, in der Trachten richtig populär wurden, schon ein Handelspunkt mit großer Fluktuation war, so Bergweiler. Natürlich habe es schon immer Trachten als Alltagskleidung gegeben. „Die waren aber innerhalb einer bestimmten Gesellschaftsschicht ähnlich.“

Das bestätigt auch Anton Lechner, Vorsitzender des Trachtenvereins Waldeslust in Grünbach: „Die heimischen Trachten, die bis circa 1900 im Landkreis getragen wurden, waren eher typisch für beispielsweise klein- oder großbäuerliche Schichten als für bestimmte Orte.“ Zur Zeit der Jahrhundertwende wurde dann laut Lechner die Beliebtheit von Trachten aktiv vom Königshaus der Wittelsbacher forciert, um die Heimatverbundenheit und den Patriotismus der Bayern zu fördern. Vom Prinzregenten Luitpold gebe es viele Fotos in kurzer Lederhose.

Der Siegeszug der Miesbacher Tracht

Im 19. und 20. Jahrhundert, als sich Vereine und typische Trachten formierten, war Erding laut Bergweiler schon zu groß, um noch eine typische Tracht festzulegen: „Es sind immer wieder Menschen gekommen und gegangen und haben Einflüsse aus vielen unterschiedlichen Regionen Bayerns mitgebracht.“

Dadurch habe sich die Mode stets sehr schnell geändert, eine typische Tracht könne für Erding nicht festgelegt werden. „Ab 1900, als sich die meisten Trachtenvereine gründeten, kamen starke Einflüsse aus dem Oberland, deshalb tragen wir im Landkreis die Miesbacher Tracht“, erklärt Bergweiler.

Der Trachtenverein Waldeslust in Grünbach feierte im Juli sein 100-jähriges Bemühen um den Erhalt von klassischer Tracht.
Der Trachtenverein Waldeslust in Grünbach feierte im Juli sein 100-jähriges Bemühen um den Erhalt von klassischer Tracht. © Verein

Auch die zunehmende Beliebtheit des Schuhplattelns hat laut Lechner zur Verbreitung der Miesbacher Tracht beigetragen. „Das geht nur mit kurzer Lederhose. Das war sicher auch ein Grund, warum sich die Miesbacher Tracht gegen die langen Lederhosen mit niederbayerischem Einschlag, wie sie lange in Erding getragen wurden, durchgesetzt hat.“

Auch Einflüsse aus München und vom Königshaus, wie die kurze Lederhose des Prinzregenten, dürften eine Rolle gespielt haben. Lechner: „Im Prinzip hat das damals funktioniert wie heute: Die einfachen Leute versuchen immer, in Mode und Sprache die ,Stars‘ der jeweiligen Zeit zu kopieren.“

Edelweiß-Stamm und Waldeslust haben bei ihren Gründungen 1909 und 1924 jeweils eine Trachtenbeschreibung festgelegt, die noch heute gültig ist. „Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man nicht einfach zu einer Schneiderei gehen und eine Vereinstracht in Auftrag geben. Man musste nehmen, was da war“, erklärt Bergweiler. Und 1909 sei eben die Miesbacher Tracht verfügbar gewesen.

Besondere Hemden bei Edelweiß-Stamm

„Unser Ziel, eine typische Erdinger Tracht zu finden und wiederaufleben zu lassen, konnten wir also nicht erfüllen“, bedauert Bergweiler. Barbara Gruber spielt dennoch mit der Idee, „eine modernisierte Version einer historischen Tracht auf Basis eines Kunststichs aus dem 19. Jahrhundert zu kreieren“.

Die Farben Rot, Blau und Weiß sollen hierbei eine Rolle spielen. Auf weitere Details können die Erdinger in den kommenden Jahren gespannt sein.  Zudem gibt es auch innerhalb der Vereine Besonderheiten für den Landkreis. „Die meisten tragen die Miesbacher, aber innerhalb der Vereine gibt es kleine Abweichungen“, erklärt Bergweiler.

„Ich bin schon lange Vereinsvorsitzender und im Dachverband, koordiniere also über 6000 Trachtler, aber ich kenne niemanden, der Hemden wie wir von Edelweiß-Stamm hat“, sagt Bergweiler. Es sind weiße Hemden mit Kreuzstich am Kragen. Auch das gehäkelte Muster der Damen-Schultertücher sei exklusiv Edelweiß. „Damit heben wir uns von anderen ab und sind in der Trachtenszene schon auch bekannt“, freut sich der Vorsitzende. „Für den Trachtenverein Waldeslust ist das Ortswappen von Grünbach auf den Lederhosenträgern einmalig“, so Lechner.

Beide Vorsitzende beobachten auch die aktuelle Mode auf Volksfesten und Co. „Was mich bei den Erdingern sehr freut, ist, dass man mittlerweile kaum mehr Kostüme, sondern fast nur noch boarisch Gwand auf den Volksfesten sieht“, lobt Bergweiler.

Vorschriften zu Tattoos

„Die heutige populäre Tracht geht zwar auf die Zeit der Jahrhundertwende und das Hause Wittelsbach zurück, hat sich aber verändert“, erklärt Lechner. Hier spiele die jeweilige Mode immer eine große Rolle. Seit 15 Jahren werden immer mehr Dirndl und Lederhosen auf Volksfesten getragen, wobei die Trends schon wesentlich besser geworden seien, zum Beispiel beim Material, so Lechner. Männer würden heute auch öfter passende Schuhe und Socken tragen als noch vor einigen Jahren.

In der heutigen Mode sehen Bergweiler und Lechner trotzdem keine exklusiven Besonderheiten für den Landkreis. Die klassische Tracht mit ihren Besonderheiten und einmaligen Elementen wird laut Lechner nur in Trachtenvereinen getragen, wofür es feste Regeln gibt: „Vor allem Vorschriften zu Tattoos und Haarlänge sorgen für Konfliktpotenzial mit den jüngeren Mitgliedern, aber diese Regel stellen den Erhalt der klassischen Tracht sicher.“

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