Zwei Dachauer Firmen testen die Vier-Tage-Woche, aber in unterschiedlichen Modellen: Bei beiden Unternehmen ist fast die ganze Belegschaft zufrieden damit.
„Die Vier-Tage-Woche Woche bei gleicher Bezahlung und reduzierter Arbeitszeit funktioniert nicht“, davon ist Harald Schirmann, Inhaber der Firma Drucktechnik Braun in Dachau überzeugt. Und doch hat er die Vier-Tage-Woche auf Wunsch seiner Belegschaft vor zweieinhalb Jahren eingeführt, und alle sind zufrieden. Die Arbeitszeit von 37 Stunden verteilt sich halt jetzt auf die Tage Montag bis Donnerstag. Ein anderes Modell hat die Firma Simos Elektronik Vertriebs GmbH gewählt: Dort wird tatsächlich unter dem Strich weniger gearbeitet.
So, wie es derzeit von Gewerkschaften und Anhängern der sogenannten Work-Life-Balance gefordert wird – weniger Arbeitszeit bei gleichem Verdienst – läuft es bei Schirmann nicht. „Es wäre schön, aber das muss ja wer bezahlen“, meint der Dachauer Unternehmer. Die Zeche zahle am Ende der Kunde, glaubt der Unternehmer. Denn die Produkte würden dann teurer: „Dann muss ich die Preise erhöhen und zahlen muss es dann der Endverbraucher“, davon ist Schirmann überzeugt.
Firma Drucktechnik Braun teilt 37 Stunden auf 4 Tage auf
Laut einer neuen Studie, die kürzlich auf tagesschau.de veröffentlicht wurde, sind die Betriebe, die seit Anfang des Jahres die Vier-Tage-Woche erproben, mit der Zwischenbilanz nicht zufrieden. Fazit: „Fast die Hälfte der Betriebe erreicht das Ziel nicht und verkürzt die Arbeitszeit weniger stark“, ist hier zu lesen. Für den Dachauer keine Überraschung.
Schirmann selbst hat seine Angestellten, die den Vorschlag an ihn herangetragen haben, über das Arbeitszeitmodell abstimmen lassen. Die Mehrheit war dafür und arbeitet jetzt von Montag bis Donnerstag täglich von 7 bis 16.45 Uhr mit einer halben Stunde Mittagspause. Vorher waren die 37 Stunden auf fünf Tage verteilt, gearbeitet wurde freitags nur bis 12 Uhr. Die gemeinsame Brotzeit, die Schirmann jeden Tag für alle spendiert, ist bezahlte Arbeitszeit. Das war schon immer so.
Die Vier-Tage-Woche betrifft nur die Produktion, das Büro von Drucktechnik Braun ist fünf Tage besetzt, der Chef selbst hat meistens eine Sechs-Tage-Woche. Die Vier-Tage-Woche hat Harald Schirmann mit der gesamten Belegschaft monatelang vorbereitet, beraten, mehrmals abstimmen lassen. Trotzdem ist nichts in Stein gemeißelt: „Die meisten sind glück㈠lich, es gibt keine Beschwerden.“ Doch er hat allen klar gemacht: Wenn es für die Mehrheit nicht mehr passen sollte, dann wird wieder umgestellt. Angesteller Robert Friedl ist einer der wenigen, die die Vier-Tage-Woche kritisch sehen. „Es ist anstrengender und stressiger, vorher war es entspannter“, findet der 51-Jährige, der seit 36 Jahren im Betrieb arbeitet.
Schirmann selbst findet im Übrigen, dass die „Effektivität größer geworden ist“. Das betrifft nicht nur die Arbeitsleistung. Er hat bis zu zehn Prozent weniger Energieverbrauch, da die Geräte, die lange zum Hochfahren brauchen und dabei viel Energie verbrauchen, länger laufen und von Freitag bis Sonntag still stehen. Auch heizen muss er nun weniger. Und seine Angestellten hätten weniger Spritkosten.
Bei Simos: Mehr Freizeit bei gleichem Gehalt
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Die Simos Elektronik Vertriebs GmbH, die ebenfalls im Gewerbegebiet in Dachau-Ost zuhause ist, hat dagegen eine „echte“ Arbeitszeitverkürzung eingeführt. „Wir wollten den Mitarbeitern mehr Freizeit geben und haben vor zwölf Monaten eine neue Arbeitszeitregelung für alle Mitarbeiter eingeführt“, erzählt Geschäftsführer Gerhard Huber. Sein Modell: Jeder Mitarbeiter hat jetzt jeden zweiten Freitag im Monat frei, also rechnerisch pro Jahr 24 Tage, ohne die bisherige tägliche Arbeitszeit zu erhöhen – und das bei vollem Lohnausgleich, also ohne Reduzierung des Gehaltes. Einzige Bedingung war, das sich die Mitarbeiter selbst organisieren und mindestens immer die Hälfte der Belegschaft anwesend ist.
„Jetzt nach zwölf Monaten stellen wir fest, dass alles super funktioniert und die Mitarbeiter glücklich sind“, hat Huber als Feedback bekommen.
Doch wie funktioniert das? Wurden die Preise erhöht, rechnet sich das betriebswirtschaftlich? „Wir haben so einen Spruch“, sagt Inhaber Gerhard Huber und lacht. „Wenn ich mir einmal am Tag ein Schnitzel leisten kann, reicht das.“ Er will damit sagen, dass die Gewinnmaximierung nicht selig machend sei, er „keine Villa und keinen Hubschrauber“ brauche. „Wir vergleichen uns nicht mit den Mitbewerbern, wir wollen unsere Mitarbeiter nicht aussaugen“, betont der Inhaber der Firma Simos, die sich auf elektronische Halbleiter spezialisiert hat und seit 40 Jahren damit erfolgreich ist. Auch wenn es laut Huber der Branche momentan nicht so gut gehe – er und sein Geschäftsführer Benedikt Brenner halten an dem Modell fest. Ihre 15 Mitarbeiter, die trotz der Flaute in diesem Jahr mit einem Sonderbonus rechnen dürfen, danken es den Chefs mit Einsatz und Motivation.
Denn: „Was will man mehr?“, meint Angela Müller, die seit 13 Jahren für Simos im Innendienst tätig ist. Weniger Arbeit bei gleichem Gehalt – „das ist schön“, freut sich Müller, die den freien Freitag dafür nutzt, Erledigungen oder Arztbesuche zu machen. Dies müsste sie eigentlich gar nicht. „Wenn die Chefs während der Arbeitszeit zum Arzt gehen, dann dürfen das auch unsere Angestellten“, betonen Huber und Brenner unisono. Angela Müller findet das neue Work-Life-Balance-Konzept, das die Chefs jahrelang geplant und vor gut einem Jahr eingeführt haben, nicht nur schön, sondern auch motivierend. „Die Motivation ist noch mehr gestiegen“, glaubt Angela Müller. Für ihr Ehrenamt bei der Feuerwehr in Esting bleibt ihr damit auch mehr Zeit. Genauso wie für Kurzurlaube übers Wochenende.
Motivierte Mitarbeiter, den es gut geht
Für die Firma Simos ist die neue Arbeitszeitregelung ein absoluter Gewinn. Motivierte Mitarbeiter, die sich selbst organisieren und trotzdem an ihrem freien Freitag für Kunden im Notfall erreichbar sind. Ihre Chefs verlangen das allerdings nicht. „Ob der Kunde jetzt die Chips am Freitag bekommt oder am Montag, spielt keine Rolle“, sagt Gerhard Huber entspannt. Und sein Geschäftsführer Benedikt Brenner betont, dass durch die Vier-Tage-Woche „kein einziger Auftrag“ verloren gegangen ist.
Wichtig ist den Chefs beider Dachauer Firmen, dass es ihren Angestellten gut geht. „Denn wir sind nur so gut wie unsere Leute“, sind sich Huber und Brenner einig.
von SIMONE WESTER