Die Stadt Starnberg favorisiert in den anstehenden Gesprächen mit der Bahn zur Seeanbindung einen Wegfall des Haltepunkts am See. Das hat der Stadtrat am Montag beschlossen, ohne jedoch die Variante 7e mit dem Wendegleis am Oberfeld aufzugeben. Der Vorschlag „Seeanbindung 2.0“ des Vereins Schöner zum See ist dagegen gescheitert.
Starnberg – Jetzt will es die Stadt Starnberg wissen: Lässt sich der Vorschlag des Seeanbindungsbeirats realisieren, den Haltepunkt am Bahnhof See aufzugeben und S-Bahnen und Regionalzüge nur noch am Bahnhof Nord halten zu lassen – oder ist diese Variante bloßes Wunschdenken? Mit 22:6 Stimmen hat der Stadtrat am Montag beschlossen, die Variante weiterzuverfolgen und Bürgermeister Patrick Janik damit beauftragt, erneut mit der Bahn und der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) über die Machbarkeit zu verhandeln. Damit bestätigte der Stadtrat die Empfehlung des Projektausschusses Bahnhof See vom 8. Mai. Mit 21:7 Stimmen entschied er zudem, die sogenannte Vertragsvariante 7e aufrechtzuerhalten. Es ist die Planung unter anderem mit dem Abstell- und Wendegleis am Oberfeld, für die sich der Stadtrat im Dezember 2022 mit großer Mehrheit ausgesprochen hatte, deren Finanzierung bislang aber völlig ungeklärt ist. Und mit 19:9 Stimmen beschloss das Plenum, die Idee „Seeanbindung 2.0“ des Vereins Schöner zum See derzeit nicht weiterzuverfolgen.
Janik: Bahn kommt langsam in Bredouille
Patrick Janik hatte am Montag auf eine Entscheidung gedrängt, da die Bahn ein Votum der Stadt erwarte. „Die Ansage der Bahn war: Wir sollen sagen, was wir wollen“, erklärte er und führte aus: „Die Bahn kommt langsam in die Bredouille, was die Betriebssicherheit der technischen Anlagen betrifft.“ Gleise und Oberleitung im Bereich des Bahnhof See müssten bis Ende 2030 saniert sein, die Planungen dafür müssten 2026 beginnen.
Sollten sich Stadt und Bahn bis dahin nicht auf eine finanzierbare Variante für die Seeanbindung geeinigt haben, droht laut Janik ein Szenario, wonach die technischen Anlagen zwar erneuert, der Bahnhof aber nicht barrierefrei umgebaut wird. „Die Motivation der Bahn zur Veränderung wäre dann gleich null.“ Auf die Frage von Anke Henniger (FDP), wer diese Sanierung finanziere, antwortete Janik: „Die Bahn geht nicht davon aus, dass sie auf den Kosten sitzen bleibt.“ Vermutlich müsse diese Frage dann gerichtlich entschieden werden.
Beirat und SzS stellen Vorschläge vor
Architekt Marco Goetz hatte zuvor in der Sitzung die Überlegungen des Seeanbindungsbeirats vorgestellt, allerdings in deutlich knapperer Form als vor drei Wochen im Ausschuss. „Ich habe in Starnberg begonnen und nicht mit den Problemen der Bahn“, betonte er. Der Wegfall des Haltepunkts eröffne zahlreiche Chancen für die Stadtentwicklung. Allen voran könnte der aktuelle Verkehrsknotenpunkt mit seinen negativen Folgen wie Busstellplätzen und dergleichen aufgelöst werden. „Wir haben am Bahnhof See einen Knotenpunkt von extremer Dichte, wo alles zusammenkommt, was man sich nur vorstellen kann“, sagte Goetz. „Und der Blick von der Stadt zum See ist in Wahrheit ein Blick auf Busse, Wartehäuschen und so weiter. Man muss den Verkehr zähmen, wenn man etwas für die Stadtentwicklung erreichen will.“
Goetz plädierte zudem für eine Verlegung des Dampferstegs von der Seepromenade („er hat dort nichts zu suchen“) in den Bereich Bucentaurpark/Werft, für eine Absenkung der Seepromenade und für einen 15 Meter tiefen Freibereich vor dem historischen Bahnhofsgebäude in Richtung See. „Das ist die Schokoladenseite des Gebäudes“, sagte er. Wo genau die Gleise verlaufen und wo ein Wende- und Abstellgleis liegen könnte, falls es überhaupt noch benötigt würde, müssten die Fachleute ausarbeiten. Gleiches gelte für Unterführungen. Generell sei Starnberg unter vergleichbaren Gemeinden in der Umgebung die einzige, die aktuell zwei Bahnhöfe habe.
Vor Goetz hatte die Vorsitzende des Vereins Schöner zum See (SzS), Iris Ziebart, die Gelegenheit, ihre Variante „Seeanbindung 2.0“ vorzustellen. Sie beinhaltet unter anderem die Verlegung der Bahnhofsunterführung von der West- auf die Ostseite des historischen Gebäudes inklusive einer großzügigen Treppen- und Rampenanlage sowie einem Fahrradparkhaus „für 200 Räder oder mehr“. Gleise und Bahnsteige sollten dort bleiben, wo sie aktuell sind, sagte Ziebart. Die Anbauten an den Bahnhof sollten verschwinden. „Es ist überfällig, die Situation dort zu entrümpeln.“ Um die Seepromenade zu erweitern, konnte sich Ziebart eine Aufschüttung des Sees zwischen Dampfersteg und Seespitz vorstellen. Auch sie legte Wert darauf, dass es sich „um einen Vorschlag, eine Idee“ handele und nicht um eine fertige Planung.
Kontroverse Diskussion im Stadtrat
Erneut wurde schnell deutlich, dass Ziebart mit ihrem Vorschlag beim Bürgermeister nicht punkten konnte. Der Vorschlag „Seeanbindung 2.0“ lasse „ganz wesentliche Problempunkte“ im Ungewissen, sagte Janik. So habe eine Aufschüttung des Sees laut Aussagen der Unteren Naturschutzbehörde kaum Aussicht auf Erfolg. Die Thematik Seeanbindung sei schon kompliziert genug, sagte Janik. Die Einbindung weiterer Behörden und Stellen, zum Beispiel der Schlösser- und Seenverwaltung, mache die Sache nicht einfacher.
Bei dem von Goetz vorgetragenen Vorschlag des Seeanbindungsbeirats handele es sich um einen „Radikal-Ansatz“, bei dem er noch immer etwas hin- und hergerissen sei, erklärte der Bürgermeister. „Er beinhaltet auf jeden Fall die größten städtebaulichen Chancen.“ Auch wenn der Wegfall des Haltepunktes als Variante 6 bereits vor Jahren in den Mediationsgesprächen zwischen Stadt und Bahn am Votum der BEG gescheitert sei, wolle er gerne noch einmal darüber verhandeln. Die sicherste Bank sei nach wie vor die Vertragsvariante 7e – trotz der hohen Kosten. „Sie löst die Aufgabenstellungen, die wir haben. Und sie ist nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis langer Verhandlungen“, betonte der Bürgermeister.
Dr. Johannes Glogger (WPS) hielt die Variante 7e hingegen für „nicht finanzierbar und grandios gescheitert“. Er könne vor dem Hintergrund nicht verstehen, warum die Stadt den SzS-Vorschlag aufgeben wolle, ohne dass die Bahn darüber entschieden habe. Ähnlich äußerte sich sein Fraktionskollege Michael Landwehr. „Mich stört, dass kein Best-of aus beiden Vorschlägen möglich sein soll“, sagte er. Auf 50 Prozent der Starnberger Bahnhöfe zu verzichten, sei keine gute Idee. Auch Dr. Franz Sengl (Grüne) sah einen möglichen Wegfall des Haltepunktes am See kritisch. Zum einen werde ohnehin „ganz viel Pendlerverkehr“ aus der Innenstadt verschwinden, wenn der Regionalzughalt zum Bahnhof Nord verlegt sei. Zum anderen warnte er: „Die beste Variante, die Seeanbindung zu Fall zu bringen, ist, ständig neue Varianten vorzuschlagen.“ Er könne nur dafür kämpfen, die Variante 7e weiterzuverfolgen. Die Idee des Beirats sei „ein Vorschlag ohne Hand und Fuß“.
Gespräche auch mit Landeshauptstadt
Anders sah die Angelegenheit zum Beispiel Eva Pfister (BMS). „Ich finde es richtig, den Vorschlag tatsächlich und ernsthaft zu behandeln“, sagte sie. Prof. Otto Gaßner (UWG) betonte: „Ein Minimum an Bahnhof See bedeutet ein Maximum an Gestaltungsmöglichkeiten in der Innenstadt.“ Gaßner schlug zudem vor, mit Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter Kontakt aufzunehmen, ob die Seeanbindung bei den Planungen für die Olympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 berücksichtigt werden kann. Gegen diesen Antrag stimmte lediglich WPS-Stadtrat Landwehr.
Letztes offizielles Gespräch am 5. Dezember
Zwischen Bürgermeister Patrick Janik und FDP-Stadträtin Anke Henniger ist es in der Debatte über die Seeanbindung zu einem Wortgefecht gekommen. Henniger warf dem Bürgermeister vor, dass es ihm seit dem Besuch des damaligen Staatssekretärs im Bundesverkehrsministerium, Michael Theurer, im September 2023 nicht gelungen sei, einen Runden Tisch zur Seeanbindung mit allen Beteiligten einzuberufen.
„Wir hatten das Problem, dass wir drei Jahre einen Verkehrsminister von der FDP hatten“, erwiderte Janik. Und nachdem der Staatssekretär „die Flucht zur Bundesbank“ ergriffen habe, habe die FDP Monate gebraucht, um einen neuen Staatssekretär zu finden – „und dann war die Ampel weg“. Es folgte der Wahlkampf. Das bislang letzte offizielle Gespräch mit Vertretern der Deutschen Bahn habe es deswegen am 5. Dezember vergangenen Jahres gegeben, sagte Janik. „Wir sind aber regelmäßig in telefonischem Kontakt.“ Auch der Kontakt zum Freistaat in der Angelegenheit sei gut.