Ein Tourist löste eine Lawine aus und fuhr einfach weiter. Es folgte ein Großeinsatz und Tausenden Euro Kosten. Die Bergretter schicken eine Rechnung.
Zillertal – Eine harmlose Abfahrt? Am Samstag (31. Januar 2026) carfte ein 29-jähriger Schwede durch den Pulverschnee im Zillertal, als plötzlich unter seinen Brettern der Untergrund wegbrach. Ein Schneebrett löste sich, rauschte zu Tal – und der Mann? Fuhr einfach weiter, als wäre nichts gewesen.
Was der Snowboarder nicht ahnt: Ein Lift-Mitarbeiter entdeckte um 13.32 Uhr die frischen Spuren im Bereich der Wanglspitze, wie die Tiroler Tageszeitung berichtet. Ein- und Ausfahrtsspuren führten direkt in den Lawinenabgang – weswegen sofort bei der Leitstelle Tirol die Alarmglocken schrillten. Laut Experten kommen in den Alpen jährlich rund 100 Menschen in Lawinen um, so die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Zuletzt erst kam es zu einem dramatischen Einsatz, bei dem ein Kind starb. Es zählt jede Sekunde.
Daher rückten sofort acht Bergretter aus Mayrhofen aus, eine Hundestaffel durchkämmte das Gelände, zwei Hubschrauber kreisten über der Unglücksstelle, berichtete ORF Tirol. „Wenn nicht sicher ist, ob jemand verschüttet ist, kommt trotzdem die komplette Armada“, erklärte Andreas Eder, Leiter der Bergrettung Mayrhofen, der Tiroler Tageszeitung.
Bergrettung sucht umsonst nach Verschütteten in Tirol – stinksauer über zu späte Lawinen-Meldung
Eineinhalb Stunden lang suchten zwölf Rettungskräfte nach Verschütteten, die es gar nicht gab. Erst als der Schwede die Hubschrauber über sich kreisen sah, meldete er sich bei der Leitstelle und gab Entwarnung, so die Tiroler Tageszeitung. Eine Vorgehensweise, die für viel Ärger sorgte. Die Quittung folgte auf dem Fuß: „Wir stellen in der Regel jeden Einsatz in Rechnung. Er wird noch von uns hören“, kündigte Eder gegenüber der Tiroler Tageszeitung an. Bei der Bergrettung Mayrhofen kostet eine Einsatzstunde zwischen 600 und 1400 Euro – die teuersten Posten sind die Hubschrauber-Flüge.
„Solche Einsätze sind ein Riesenproblem für uns“, ärgerte sich der Bergrettungsleiter gegenüber der Tiroler Tageszeitung. Nicht nur wegen der Kosten: Die Helfer opfern ihre Freizeit, müssen unter der Woche Urlaub nehmen – und können währenddessen nicht bei echten Notfällen helfen, erklärte er.
Lawinen immer gefährlicher: Einsatz an Negativlawinen binden unnötig Kräfte
Der Vorfall zeigt aber auch ein größeres Problem: Die aktuelle Lawinensituation ist besonders tückisch. Experten warnen immer wieder. Laut dpa sorgt der Klimawandel paradoxerweise nicht für weniger, sondern für gefährlichere Lawinen. In dünneren Schneedecken bilden sich bei Frost leichter kantige Kristalle – eine gefährliche Gleitschicht. „Wir haben dieses Jahr dieses Altschnee-Problem“, sagt Thomas Feistl, Leiter der Lawinenwarnzentrale Bayern. „Die jüngsten Unfälle in Österreich sind wahrscheinlich alle diesem Altschnee-Problem geschuldet“, erklärt er.
Erst kürzlich starben in Österreich an einem einzigen Tag acht Menschen bei drei Lawinenunglücken. Besonders perfide: Oft trifft es erfahrene Tourengeher, die sich häufiger dem Risiko aussetzen.
Der Einsatz an der sogenannten „Negativlawine“ im Zillertal ist dabei leider kein Einzelfall. Diesen Winter gab es bereits zehn solcher unnötigen Großeinsätze wegen nicht gemeldeter „Negativlawinen“, wie die Tiroler Tageszeitung schreibt. Davon spricht man, wenn eine Lawine niemanden verschüttete oder verletzte. Immerhin: „Solche Ereignisse werden immer öfter mitgeteilt“, berichtete Norbert Lanzanasto vom Tiroler Lawinenwarndienst.
Kurze Überlebenschancen bei Lawinenabgängen: Nach zehn Minuten droht Ersticken – Meldung wichtig
Dabei zählt bei echten Verschüttungen jede Sekunde. Wie die dpa berichtet, seien die Überlebenschancen nur sehr kurz gut – schon nach zehn Minuten drohe Ersticken. Genau solche lebenswichtigen Einsätze werden durch unnötige Suchen wie im Zillertal blockiert. Bernd Noggler, Geschäftsführer der Leitstelle Tirol, appelliert deshalb an alle Wintersportler in der Tiroler Tageszeitung: Negativlawinen sollten „entweder über den Alpinnotruf 140 oder die SOS EU ALP-App“ gemeldet werden. Während Künstliche Intelligenz und Apps wie „Skitourenguru“ inzwischen bei der Tourenplanung helfen, bleibt laut dpa die Einzelhangbeurteilung in der Verantwortung jedes Tourengehers.
Was die Situation im Zillertal noch drastischer machte: Es war nur eine von 18 Lawinenabgängen binnen sechs Stunden in ganz Tirol, so die Tiroler Tageszeitung. Der Unterschied: Die anderen 17 wurden ordnungsgemäß gemeldet. (Quellen: Tiroler Tageszeitung, dpa, ORF Tirol) (jh)