Die eine schafft Kostüme zu „Antigone“, die andere präsentiert ihre Welt malerisch. Die Ausstellung „Bild und Bühne“ zeigt Luise und Ingrid Ramsauers Arbeiten in der Landsberger Zedergalerie.
Landsberg – Angewandte Kunst ist zugänglich. Wenn Künstlerisches einen Zweck erfüllt, wird Kunst griffig. Der Zugang zur Bildenden Kunst ist neblig. Assoziationen und Emotionen formen das Gesehene, damit es in eine Hirn-Schublade passt. Die Passauer Schwestern Ingrid und Luise Ramsauer vertreten je eine dieser Kunst-Arten. Seit 2024 stellen sie gemeinsam aus: Bühnenkostüme und Bilder – jetzt in der Ausstellung „Bild und Bühne“ des Landsberger Galerievereins in der Zedergalerie zu sehen.
Luise und Ingrid Ramsauer mit „Bild und Bühne“: Kostüme und Malerei in der Landsberger Zedergalerie
Ein Tütü mit Quallententakeln. Ein Helm voller Stacheln, stabil wirkende Harnische aus weichem Geflecht, ein Oberteil, das mit seinen spitzen Brüsten an die stahlverstärkten BHs der 60er erinnert: Ingrid Ramsauers Kostüme wirken kriegerisch und verspielt, martialisch und weich. An dieser Ambiguität ändert auch die Farbe nichts: schwarz. „Sie bestehen aus Industriegummi, Autoreifen, Fahrradschläuchen, Spritzgussabfällen“, erzählt die 63-Jährige Bühnen- und Kostümbildnerin. Entstanden sind sie für ihre Diplomarbeit an der Kunstakademie in München. Nicht konkret für eine Aufführung, aber zu einem Stück: Antigone von Sophokles. Ergänzt werden die Kostüme durch Fotostreifen, auf denen das Kostüm in unterschiedlichsten Posen getragen wird.
Das Kostüm der Ödipus-Tochter war das erste, gefolgt von Antigones Schwester Ismene und deren Onkel, König Kreon. Antigones geflochtener Brustharnisch ist schlicht, nüchtern, Gestricktes bedeckt die Arme, vom Rockreif tänzeln dünne Bänder, den Kopf bedeckt eine Knappenkappe – eine klare Figur. Ismene ist weiblicher: Das spitzbusige Oberteil samt umrahmenden Strahlen verschafft ihr den Hauch eines Vamps, von Helm und Rock wirbeln Gummi-Tentakel – eine Frau, die nicht ins sanfte Bild passen will, das Sophokles ihr verschrieb. König Kreon schreitet, starr und stier, auch ohne dass ein Mensch im Kostüm steckt. Ein mit dicken Bändern geflochtener Überwurf, starr, schwer, auf den Schultern Stacheln, auf dem Helm Stacheln, Stacheln auf der Brust. Es sind Kostüme, die Charaktere formen, so, wie Ingrid Ramsauer sie sieht. Wobei die Fotostreifen die Figuren aus ihrem Charakter herausholen und ins Jetzt katapultieren: wenn Kreon zum Beispiel den Mittelfinger zeigt.
„Ich bin vom Theater begeistert“, erzählt Ingrid. Im Passauer Stadttheater habe sie sich so viel wie möglich angesehen – und zu oft gedacht: „So nicht. Das muss man ganz anders machen.“ Bei ihrer Diplomarbeit stand dann das Material im Vordergrund: anders, definitiv kein Stoff. Die Wahl fiel auf Industriegummi, günstig und extrem haltbar. Mit einem Haken: „Am Anfang habe ich bei der Arbeit mit dem Gummi Nasenbluten und Hautausschlag bekommen“, erzählt Ingrid. Das Asbest in dem Stoff reizte so lange, bis Ingrid das Material erst einmal in der Badewanne abschrubbte. „In jedem Kostüm stecken unendlich viele Arbeitsstunden.“
Schwestern mit verschlungenen Wegen: Luise und Ingrid Ramsauer zeigen in Landsberg ihre Kunst-Welten
Mit ihrer vier Jahre älteren Schwester Luise verbindet Ingrid das Kunststudium in München und dass beide den Bayerischen Staatspreis erhalten haben. Im letzten Jahr haben sie das erste Mal zusammen ausgestellt. „Wir verstehen uns bestens“, bestätigt Luise – bei zwei Schwestern nicht immer so, weiß auch Kunsthistorikerin Birgit Kremer, die die Einführung bei der Vernissage übernimmt. Kremer sieht in den Arbeiten der Schwestern eine gegenseitige Inspiration, „zwei Wege mit Verschlingungen“.
Luises Bilder haben einen Startpunkt: ein pulsierendes, energievolles, blaublutrotes Herz auf türkisem Grund. Davon ausgehend, führt der Weg ins Abstrakte. „Ich will sichtbar machen, was mit dem bloßen Auge nicht zu sehen ist“, sagt Luise. Und verweist auf ihre Faszination für die Naturwissenschaft, Medizinisches unterm Mikroskop, die Zellen als Baustein des Lebens. Kremer sieht hier Ähnlichkeiten zur „Unterwasserwelt“ des Zoologen Ernst Haeckels, detailverliebte, farbige Zeichnungen, die der Schönheit der Meeresorganismen huldigen.
Luise Ramsauers Bilder entwickeln sich von vibrierenden, rasenden Herz-Zeichnungen über ihren ‚Startpunkt‘, das Herz-Bild, hinaus. Starke Linien formen Fantasie-Strukturen in oft komplementären Farbschemata, teils pastos, der Hintergrund mal leere Leinwand, mal unifarben grün, blau oder ocker. Wobei aus den abstrakten Zellknäueln, entstanden aus unzähligen Übermalungen, eine konkrete Form herauslugt – oder zumindest herauszulugen scheint: ein Bild im Bild.
„Ich arbeite meist seriell zu einem Thema“, erzählt Luise. Wobei ihre Bilder bewusst keine Titel tragen: „Ich will keinen Rahmen für den Betrachter vorgeben.“ Ein dominantes Thema in ihren Arbeiten ist Wasser, das Blau, das Grün. Und das Elementare darin, das sich auch in Ingrids farblich so konträren ‚Rüstungen‘ spiegelt: in Quallententakeln, Rochenstacheln, im Geflecht von Schuppen. Womit beide Künstlerinnen die Sicht ihrer jeweiligen Welt zeigen, die trotz aller Unterschiede eine Basis haben: die Faszination für organische Formen.
Die Ausstellung läuft noch bis zum 31. Januar.
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