In den 1970ern hatten wir Jugendlichen vom Staffelsee es nicht so sehr mit den Bergen. Das Panorama ist hübsch anzusehen, aber rauf steigen? Ach nöö! Unser Lehrer hieß Toni Blumenschein aus Oberau. Ein Bergfex – und es war Wandertag. Toni Blumenschein wollte auf den ‚Kleinen Illing‘ bei Ohlstadt. Wir nicht! Der Lehrer lockte mit der zerfallenen Schaumburg und mit Raubrittern.
Ohlstadt – Jetzt wurden wir Burschen neugierig. Weit konnte der Weg nicht sein – 1400 Meter von der Pfarrkirche St. Laurentius in der Ohlstädter Dorfmitte entfernt und nur 250 Meter hoch. Das passt schon! Franzi packte Wienerwürstel für alle ein. Seppi die Brezen. Alexander brachte sein Federballspiel mit. Er wollte mit Siggi eine Revanche ausspielen. Wir warteten also an der Murnauer Schule auf den Bus. Der kam nicht. Und nicht nur das, denn Toni Blumenschein nahm den Begriff ‚Wandertag‘ wörtlich. Das verhagelte unsere Stimmung.
Zu Fuß ging es über Hechendorf und der Loisach entlang nach Ohlstadt. Beim Gasthof ‚Post‘ wäre der richtige Ort für eine kurze Rast gewesen. Aber nichts da.
Den Schinder zog es schnürlgerade den Berg hoch. Wir erbärmlich japsend hinterher, mit immer länger werdenden Abständen. Am Gipfelplateau angekommen interessierte uns die Antwort auf die Frage „Wo ist die Schaumburg?“ erst einmal gar nicht. Erschöpft sanken wir ins Gras. Nach einer Viertelstunde Ewigkeit raffte sich Toni auf – nicht der Lehrer, sondern mein Banknachbar.
Kelten, Römer und Germanen
Toni klaubte Reisig und Steine für eine Feuerstelle zusammen. Franzi pikste die Würstel auf Stecken und grillte sie in der Glut .Während in uns Jungs die Lebensgeister zurückkehrten, erzählte Toni Blumenschein von Kelten, Römern, Germanen und Hunnen, die in der Gegend zwischen Ohlstadt und dem Staffelsee ihr Glück suchten. Im sechsten Jahrhundert soll es hier am ‚Kleinen Illing‘ sogar eine hölzerne Festung gegeben haben. Die älteste Höhenburg entlang der Loisach.
Räuberhauptmann Schneeberger
Wer die steinerne Schaumburg gebaut hatte, weiß niemand mehr. Burg trifft es auch nicht so ganz, es war eher ein Wohnturm. In den Chroniken sind die ‚Grafen von Ohlstadt‘ genannt. Überregional wichtig kann der Clan nicht gewesen sein, denn lediglich ein Rudolf von Owelstadt ist als Dienstmann für die Grafen von Andechs urkundlich überliefert. Im 13. Jahrhundert übernahm das Hochstift Freising die Anlage, die 1348 Leutpold von Schenkenau – von dem man überhaupt nichts weiß – wieder aufbaute. Warum sie kaputt war? Vielleicht nagte nur der Zahn der Zeit an den alten Mauern.
Ab 1382 setzte sich die Familie von Kammern auf der Schaumburg fest. Arnold II. von Kammern hatte Schulden bei der Münchener Bürgerschaft. Das Geld lieh er sich für den Wittelsbacher ‚Ludwig der Brandenburger‘. Beide dachten gar nicht daran, das Darlehen zurückzuzahlen. Die Münchener schickten Söldner und Schützen mit zwei schweren Kanonen zur Schaumburg. Dort lebte mittlerweile Gebhard von Kammern, der Sohn Arnolds. Elf Wochen brauchte das Heer, die Veste einzunehmen. Das heißt: Sie zu zerstören. Allerdings war der alte Haudegen, Gebhard, längstverschwunden.
Jahre später nistete sich der Straßenräuber Schneeberger in der Ruine ein. Bester Blick auf die Rottstraße und auf die Loisach. Ideal für Raubzüge gegen Händler und Flößer. Die Murnauer fackelten nicht lange: 1414 zerrten sie die Bande aus ihrem Versteck. Am heutigen Kapferberg wirbelte das Richtschwerter auf die Bösewichte nieder. Die Veste Schaumburg ist nie mehr aufgebaut worden.
Drei Löcher und eine Steintreppe
Wieder zurück in die 1970er-Jahre. Es ist Nachmittag geworden. Toni Blumenschein deutete auf die steinerne Treppe und auf die drei Löcher. „Das ist alles, was von der Schaumburg übrigblieb“. Der Lehrer mahnte, nicht zu nahe ran zugehen. Damit keiner reinfällt. Ludwig und Charles hatten allerdings schon damit begonnen, in die erste Höhle zu klettern. Weit kamen sie nicht: Zu eng, und sie hatten kein Seil. Heute weiß man, dass vom Grund der drei Höhlen kein Weg zum Walchensee führt, wie lange gemunkelt wurde.
Von Gold und Edelsteinen
Für die Heimfahrt hatte Toni Blumenschein einen Bus bestellt. Als alle bequem in den Polstern saßen, erzählte der Lehrer die Geschichte vom Gold im Heimgarten.
Drei Ansätze soll es dafür geben: Zum einen wurde von einer Goldader gesprochen, die von den Mönchen aus Schlehdorf abgetragen wurde. Auch eine alte Sage rankt sich um diesen Ort: Sie erzählt von Gold, Silber und kostbarem Schmuck, den einst ein Ritter von Weichs vor den heranrückenden Hunnen versteckt haben soll. Eine andere Version berichtet gar von Edelsteinen aus Hitlers Reichsschatz, vergraben bei der Kaseralm. Noch wurde – soweit bekannt – niemand fündig, aber wer weiß...Bitala